Formel E: Die lautlose Aufholjagd

Formel E: Die lautlose Aufholjagd

, aktualisiert 08. Oktober 2016, 15:11 Uhr
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Jaguar wagt sich nach zwölf Jahren erstmals wieder in eine Rennserie – in die Formel E.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Die Formel E wirkt wie der brave Bruder der Formel 1. Warum die elektrische Rennserie bei den Autohersteller trotzdem so beliebt ist – und nun auch die deutschen Premiumriesen einsteigen.

DüsseldorfMit Leistung will hier niemand angeben. „Ein Tesla Model S könnte hier problemlos vorne wegfahren“, gibt ein Renningenieur der Formel E unumwunden zu. Dann schickt er eine Einschränkung hinterher: „Allerdings nur für wenigen Runden“. Denn die Formel E ist keine reine Leistungsshow, sondern fordert Fahrer und Rennställe auf ganz andere Weise. Mit 170 kW (etwa 231 PS) sind die Rennwagen keine PS-Protze. Auch die Topgeschwindigkeit wurde vom Weltverband auf 225 Stundenkilometer runtergeregelt. Ist das nicht langweilig? Im Gegenteil. Kaum eine Rennserie ist so ausgewogen wie die Formel E.

Training, Qualifikation und Rennen finden an einem Tag statt. Gefahren wird nicht auf abgelegenen Rennstrecken, sondern mitten in der Stadt. Damit will die FIA nicht nur Rennsportbegeisterte, sondern auch Familien erreichen. Den Auftakt macht am Sonntag das Rennen in Hongkong.

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Der Start ist bewusst gewählt, schließlich soll die elektrische Mobilität in Fernost in den kommenden Jahren einen Aufschwung erleben – ähnlich wie die Rennserie selbst. 14 Rennen in 12 Großstadtkursen auf fünf Kontinenten stehen in den kommenden Monaten auf dem Programm. In Berlin fuhren die Autos im vergangenen Jahr nahe dem Alexanderplatz.

Während in der Formel 1 trotz teurer Materialschlacht weitgehend von Mercedes dominiert wird, sind die Fahrer bei der elektrischen Brudervariante mit dem gleichen Chassis unterwegs. Gebaut wird es vom französisch-italienischen Technologie-Duo Spark und Dallara. Ab der kommenden Saison sollen sich die elektrischen Boliden auch optisch stärker von der Formel-1-Konkurrenz abheben.

Dass sich die Kosten eines Formel-E-Teams in Grenzen halten, hat auch mit den technischen Vorgaben zutun. Diese Saison sind die Hersteller alle mit der gleichen Batterie von Williams unterwegs. Derzeit können sich die Rennställe allein über die Antriebstränge differenzieren.

Die starke Fokussierung auf die elektrische Feinabstimmung macht die Rennserie bei den Autoherstellern aber so interessant. Die Entwicklungen, die in der Formel E getestet werden, haben deutlich bessere Chancen, auch in Serie zu gehen als in der Formel 1. „Hier machen wir noch echte Fortschritte“, sagt Alex Tai, Teamchef von DS Virgin. Neben der PSA-Premiumtochter sind auch Renault und der indische Hersteller Mahindra seit Jahren bei den Rennen am Start.

Weitere Hersteller sollen folgen: Jaguar startet diese Saison erstmals mit einem eigenen Team. Zwölf Jahre nach dem Flop in der Formel 1 wagen sich die Briten wieder in eine Rennserie. Dass es ausgerechnet die Formel E ist, überrascht nur auf den ersten Blick. Mit seinen Sportwagen und SUV braucht Jaguar-Land Rover dringend Alternativen zum Verbrenner. Die CO2-Vorgaben der EU könnten sonst das Wachstum ausbremsen. Die Formel E könnte Aufschluss geben, wie sich auch die Serienfahrzeuge elektrifizieren lassen.

„Wir glauben, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre mehr Fortschritte in Sachen Elektromobilität erzielt werden als in den vergangenen 20 Jahren“, sagt Jaguar-Teamchef James Barclay. Und auch marketingtechnisch hat die Formel E der Formel 1 etwas voraus. „Alle erdenklichen Rennserien versuchen seit Jahrzehnten, im Herzen von Paris zu fahren, und erst die Formel E hat es geschafft“, so Barclay.


„Ein riesiger Schub“

Auch die deutschen Premiumriesen liebäugeln mit einem Einstieg. Bislang agieren Audi und BMW noch als Kooperationspartner privater Rennteams. Audi liefert dabei Technologie für das Team ABT Schaeffler. BMW ist dagegen eine Entwicklungskooperation mit dem Team Andretti eingegangen. In Interviews spricht BMW-Motorsportchef Jens Marquardt längst offen über sein Interesse. „Die Formel E hat großes Potential, aber wir haben immer gesagt, dass sich ein paar Dinge weiterentwickeln müssen“, sagt er.

Konkret geht es den Münchenern dabei um die Möglichkeiten, sich mit der Batterie technisch hervorzutun. Im fünften Jahr, also in der Saison 2018/19, sollen die Vorgaben ein wenig gelockert werden. Bislang müssen die Fahrzeuge auch noch während des Rennens gewechselt werden, weil die Batterie nicht für eine volle Renndistanz reicht.

Ein Schicksal, dass sich die Rennflitzer mit den Serienmodellen teilen müssen. Um mit seiner Elektromarke trotzdem präsent zu sein, stellt BMW mit dem i3 und dem i8 das Safety-Car der Rennserie. Ironischerweise ist der halbelektrische Sportwagen damit der einzige Verbrenner auf den Rennstrecken der Formel E. 

Ab der Saison 2018/2019 soll das Starterfeld um zwei weitere auf zwölf Rennställe erweitert werden. Einen Startplatz hat sich ein Autohersteller reserviert, der heute schon in der Formel 1 dominiert: Mercedes. „Wir haben das Wachstum der Formel E mit großem Interesse verfolgt“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. In zwei Jahren könnten die Silberpfeile auch in der elektrischen Rennserie auf Punktejagd gehen. Der Einstieg von Mercedes sei „ein riesiger Schub“, sagt Alejandro Agag, Gründer der Formel E.

Einige hoffen bereits, dass die elektrische Rennserie in den kommenden Jahren mit den neuen Rennställen auch die Formel 1 überholen könnte. Doch dafür muss auch das Zuschauerinteresse steigen. Hier hinkt die Formel E bislang allerdings noch hinterher. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts Repucom schalteten bei einem Formel-E-Rennen weltweit im Schnitt rund 6,1 Millionen Zuschauer ein. Bei einem Formel-1-Rennen sind es 13 Mal so viele Zuschauer.

Dabei hat sich die Formel E vorgenommen, auch die Fans besser ins Renngeschehen einzubinden. Über die Homepage können sie abstimmen, welche Fahrer während des Rennens einen zusätzlichen Elektroboost einsetzen können, der zumindest kurzfristig die Leistung erhöht und so ein Überholmanöver auf den engen Stadt-Strecken erleichtert. Mit dem Einstieg der Deutschen könnte das Zuschauerinteresse zumindest hierzulande steigen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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