Linde und Praxair beschließen 60-Milliarden-Fusion

Fusion mit Praxair: Lindes Schicksal liegt künftig in Conneticut

, aktualisiert 20. Dezember 2016, 15:57 Uhr
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Der Industriegase-Spezialist Linde und sein US-Konkurrent Praxair haben sich auf die Eckpunkte ihrer geplanten Fusion geeinigt.

Linde und Praxair wollen sich zusammentun und die Nummer Eins bei Industriegase werden. Für die deutschen Beschäftigten ist das eine gute Nachricht – jedenfalls zunächst einmal.

Das Schicksal des traditionsreichen Linde -Konzerns wird künftig im US-Bundesstaat Connecticut bestimmt. Mit dem US-Rivalen Praxair einigten sich die Münchner am Dienstag über die Eckpunkte einer gut 60 Milliarden Euro schweren Fusion. Demnach soll der bisherige Praxair-Chef Steve Angel Vorstandsvorsitzender werden und die Geschäfte aus den USA leiten. Verwaltungsratschef – ähnlich zum deutschen Aufsichtsratschef – werde der bisherige Linde-Chefkontrolleur Wolfgang Reitzle, teilte das Münchner Unternehmen am Dienstag mit.

Das übrige Top-Management solle zu gleichen Teilen mit Vertretern der Amerikaner und der Bayern setzt werden, auch die Aktionäre sollen je den Hälfte an der neuen Holding halten. Der Unternehmensname bleibe Linde, auch wenn Angel seinen Dienstsitz weiter in Danbury im US-Bundesstaat Connecticut haben. Die Zentralfunktionen sollen auf beide Seiten des Atlantiks aufgeteilt werden. Aus dem Zusammenschluss seien jährliche Synergien von etwa einer Milliarde Dollar zu erwarten, teilte Linde mit.

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Die neue Holding werde in New York als auch in Frankfurt gelistet sein, ihr rechtlicher Sitz soll „in einem neutralen Land des Europäischen Wirtschaftsraums liegen“. Die Formulierung deutet auf London hin. Linde strebt die Aufnahme in einen der Dax-Indizes an. Sollte der Haupthandel mit den neuen Aktien allerdings in Übersee über das Börsenparkett gehen, müsste sich das Dax-Gründungsmitglied mit dem Abstieg aus der ersten deutschen Börsenliga abfinden.

Die weltweit größten Industriegasekonzerne

  • Air Liquide

    Die Franzosen wurden mit dem Kauf des US-Konkurrenten Airgas zuletzt wieder zum größten Industriegaseunternehmen der Welt.

    Umsatz: 21,2 Milliarden Euro
    Gewinn: 1,8 Milliarden Euro (ohne Airgas)
    Marktpräsenz: 80 Länder
    Mitarbeiter: 68.000
    Hauptsitz: Paris

  • Linde

    Umsatz: 18 Milliarden Euro
    Gewinn: 1,15 Milliarden Euro
    Marktpräsenz: 100 Länder
    Mitarbeiter: 64.500
    Hauptsitz: München

  • Praxair

    Umsatz: 10,8 Milliarden Dollar (9,6 Milliarden Euro)
    Gewinn: 1,68 Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro)
    Marktpräsenz: 50 Länder
    Mitarbeiter: 26.000
    Hauptsitz: Danbury, Connecticut

  • Air Products

    Umsatz: 9,9 Milliarden Dollar (8,8 Milliarden Euro)
    Gewinn: 1,43 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro)
    Marktpräsenz: 50 Länder
    Mitarbeiter: 19.000
    Hauptsitz: Allentown, Pennsylvania

Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz und einen Börsenwert von 61 Milliarden Euro. Praxair ist bei Industriegasen in Amerika Marktführer und hochprofitabel. Linde ist im Gasegeschäft vor allem in Europa und Asien stark und mit Anlagenbau und Medizingasen breiter aufgestellt.

Linde spaltet Anlagenbau ab

Im Zuge der Fusion soll der Anlagenbau der Münchner allerdings ausgegliedert werden. „Es ist vorgesehen, unsere Engineering Division in eine rechtlich selbständige Tochtergesellschaft von Linde zu überführen“, schrieb Linde-Übergangschef Aldo Belloni in einem Brief an seine Mitarbeiter. „Damit sichern wir das Geschäft von Linde Engineering als bevorzugter Lieferant für Linde Gas sowie die globale Sichtbarkeit unserer Engineering-Marke für alle Kunden.“ Das von seinem Vorgänger initiierte Sparprogramm werde einstweilen im ganzen Konzern fortgesetzt, um die Rendite von Linde und so die eigene Verhandlungsposition in den noch ausstehenden Gesprächen mit den Amerikanern zu stärken

„Der strategische Zusammenschluss von Linde und Praxair würde die Stärken beider Unternehmen kombinieren, die globale Präsenz stärken, und dazu ein robusteres Portfolio schaffen, das von langfristigen Wachstumstrends profitieren würde“, lobte Angel. „Diese Fusion schafft Werte. Dies ist ein strategischer Schritt, der eine robuste Bilanz und einen starken Cashflow schaffen würde und so die notwendige finanzielle Flexibilität ermöglichen kann, die wir brauchen, um in unsere Zukunft zu investieren“, sekundierte Belloni.

Für die 8000 deutschen Linde-Beschäftigten hatte das Unternehmen mit Betriebsrat und Gewerkschaften bereits eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2021 für den Fall einer Fusion vereinbart. Betriebsbedingte Kündigungen wären ausgeschlossen, der in Deutschland geplante Stellenabbau würde bei einem Zusammenschluss mit Praxair deutlich reduziert und der Standort Dresden nicht geschlossen.

Anlagenbau in der Krise: Umsatz und Ergebnis bei Linde nach Sparten

  • Gase

    Umsatz 2015: 15,2 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: + 8,5 Prozent
    Ergebnis 2015: 4,2 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: + 8,2 Prozent

  • Anlagenbau

    Umsatz 2015: 2,6 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: - 16,5 Prozent
    Ergebnis 2015: 0,2 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: -28,0 Prozent

  • Gesamtkonzern

    Umsatz 2015: 17,9 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: + 5,3 Prozent
    Ergebnis 2015: 4,1 Milliarden Euro, Veränderung zum Vorjahr: + 5,4 Prozent

Die beiden Unternehmen planen nun so schnell wie möglich, die Vereinbarung in bindende Verträge umzusetzen. Bei Linde war als Zeitrahmen von drei bis vier Monaten die Rede. Ein Zusammenschluss stehe unter den üblichen Vorbehalt der Behörden. Dabei dürfte Linde eine eingehende Prüfung der Kartellbehörden ins Haus stehen. Experten erwarten, dass sich das neue Unternehmen ähnlich wie bei der Übernahme der britischen BOC vor einigen Jahren aus mehreren Märkten zumindest teilweise zurückziehen muss.

Um die Zustimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat zu erlangen, hatte Praxair im Vorfeld einige Zugeständnise gemacht. So wird bei Linde bis Ende 2021 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Anders als bisher geplant wird der Standort Dresden nicht geschlossen. Die ursprünglich Einschnitte des Ex-Chefs Wolfgang Büchele für die 65.000 Linde-Mitarbeiter wurden abgemildert. Der erste Fusionsanlauf im Sommer war insbesondere an Standort- und Machtfragen gescheitert.

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