G36-Ersatz: Neue Gewehre für die Bundeswehr

G36-Ersatz: Neue Gewehre für die Bundeswehr

Die Bundeswehr kauft Ersatz für das Problem-Gewehr G36. Die neuen Waffen stammen wieder von dessen Hersteller: der Waffenschmiede Heckler & Koch. Doch das ist nur eine "Zwischenlösung".

Bis zur Entscheidung über einen Nachfolger für das umstrittene Sturmgewehr G36 schafft die Bundeswehr zusätzlich 1200 Gewehre an. Es handelt sich um 600 Sturmgewehre auf der Basis des in der Bundeswehr bereits genutzten Gewehrs G27P, das auf Gewehr HK417 beruht, sowie 600 leichte Maschinengewehre MG4. Einen entsprechenden Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ bestätigte das Ministerium am Donnerstagabend.

Bei der Beschaffung handele es sich um eine "Zwischenlösung" für eine kleine Gruppe von Soldaten im Einsatz, wie das Verteidigungsministerium schreibt. Damit komme abermals der Hersteller Heckler & Koch zum Zug, mit dem das Verteidigungsministerium während der Debatte über das G36 teils heftig aneinandergeraten war.

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Die Debatte um das G36

  • Das Gewehr

    Das Sturmgewehr G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Der Hersteller, das deutsche Rüstungsunternehmen Heckler & Koch, hat nach eigenen Angaben 178.000 Gewehre des Typs G36 an die deutsche Armee verkauft. Der Preis: Mehr als 180 Millionen Euro. Das Gewehr zeichnet sich nach Angabe der Bundeswehr durch „seine einfache Bauweise aus, sämtliche Hauptbaugruppen sind mit nur drei Haltebolzen am Waffengehäuse befestigt.“
    Quellen: Bundeswehr, Unternehmen, dpa

  • Die technischen Daten

    Das G36 wiegt 3,63 kg    und verfügt über ein Zielfernrohr sowie ein Reflexvisier. Es handelt sich um einen automatischen Gasdrucklader mit Drehkopfverschluss im Kaliber 5,56 x 45 Millimeter. Mit dem Gewehr können sowohl einzelne Schüsse als auch Feuerstöße abgegeben werden.

  • Der Vorgänger

    Das G36 löste das G3 ab, das sich seit 1959 im Einsatz bei der Bundeswehr befindet. Bei dem G3 handelt es sich um eine schwerere Waffe im größeren Kaliber 7,62 x 51 Millimeter.

  • Die Debatte

    Ende März 2015 hat die Bundeswehr Probleme bei der Treffsicherheit des G36 eingeräumt. „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen aber auch im heißgeschossenen Zustand“, erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.  In den Jahren zuvor hatte es mehrere widersprüchliche Berichte über die Treffsicherheit des G36 gegeben. Unter anderem war die Munition für Ungenauigkeiten verantwortlichgemacht worden. Daraufhin hatte von der Leyen im Frühsommer 2014 eine Expertenkommission mit Vertretern der Bundeswehr, des Bundesrechnungshofs und des Fraunhofer-Instituts eingesetzt, um Klarheit zu schaffen. Der Abschlussbericht stand zum Zeitpunkt der Äußerungen noch aus.

  • Wo das G36 noch eingesetzt wird

    Das Sturmgewehr G36 von Heckler & Koch wird nicht nur von der Bundeswehr verwendet, sondern auch von Armeen anderer Staaten. In Lettland, Litauen und Spanien ist die Waffe nach Angaben der Bundeswehr ebenfalls als Standardgewehr der Armee im Einsatz. Verwendet wird das G36 zudem von Spezialeinheiten in Jordanien, Norwegen und Mexiko. Aus Bundeswehr-Beständen sind kürzlich G36-Sturmgewehre an die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Nord-Irak geliefert worden. Die Kurden sollen damit gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kämpfen.

    Im spanischen La Coruña wurde das G36 in Lizenz von General Dynamics Santa Bárbara Sistemas hergestellt. 2008 erteilte die Bundesregierung außerdem eine Genehmigung zur Ausfuhr von Technologie für die Herstellung des Gewehrs in Saudi-Arabien. Diese Genehmigung sieht allerdings nach Angaben der Regierung nur eine Produktion für den Eigenbedarf der saudischen Sicherheitskräfte vor und keine autonome Fertigung ohne Zulieferung von Schlüsselkomponenten aus Deutschland.

Das neue Sturmgewehr gilt als leistungsstärker und durchschlagskräftiger als das G36. Zudem verschießt es die Munition im Nato-Kaliber 7,62 x 51. In einem ersten Schritt sollen Ende November 60 G27P angeschafft werden. Bis Mitte 2016 soll die Zahl dann auf 600 erhöht werden. Das leichte Maschinengewehr MG4 ist als Ergänzung für die Soldaten im Einsatz gedacht. Es soll bis Ende 2016 in voller Anzahl verfügbar sein. "Die Kosten für die Beschaffung der Waffen werden mit ca. 18 Mio. Euro veranschlagt", schreibt das Ministerium.

Entscheidung über G36-Nachfolger

Die Entscheidung darüber, wie es grundsätzlich weitergehe, ob also das G36 in der Bundeswehr ersetzt oder auch modifiziert wird, solle bis Ende des Jahres fallen. Das G36 war bislang die Standardwaffe der Bundeswehr. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte im Mai angeordnet, alle 167.000 Exemplare auszumustern oder nachzurüsten. Tests hatten Probleme bei der Treffsicherheit im erhitzten Zustand zu Tage gefördert.

Die Ergebnisse einer vom Ministerium eingesetzten Kommission zur Untersuchung der Treffsicherheit des G36 sollen am 1. Oktober veröffentlicht werden. Der Hersteller Heckler & Koch streitet etwaige Mängel an der Waffe ab. Er will gerichtlich feststellen lassen, „dass die behaupteten Sachmängel nicht bestehen“.

Die heißen Eisen unter den Rüstungsprojekten der Bundeswehr

  • Allgemein

    Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich zum Ziel gesetzt, im Rüstungssektor der Bundeswehr aufzuräumen. Jahrelange Verzögerungen und Kostensteigerungen im mehrstelligen Millionenbereich soll es künftig nicht mehr geben. An diesem Donnerstag lässt sich die Ministerin bei einer Sitzung des Rüstungsboards über den aktuellen Stand bei einigen Großprojekten informieren. Hier fünf der heißesten Eisen unter den 1200 Rüstungsprojekten der Bundeswehr.

  • Meads oder Patriot

    Die in absehbarer Zeit wichtigste, teuerste und heikelste Entscheidung will von der Leyen bis Mitte des Jahres treffen. Die Bundeswehr soll ein neues Raketenabwehrsystem erhalten. Zur Auswahl stehen „Meads“ – eine internationale Entwicklung unter Beteiligung der deutschen Raketenschmiede MBDA – und eine neue „Patriot“-Version des US-Herstellers Raytheon. In die Entwicklung von Meads floss bereits eine Milliarde Euro deutscher Steuergelder. Die Anschaffung würde mehrere weitere Milliarden kosten.

  • Euro Hawk

    Die Aufklärungsdrohne hätte von der Leyens Vorgänger Thomas de Maizière (CDU) fast das Amt gekostet. Wegen massiver Probleme bei der Zulassung des unbemannten Fliegers für den deutschen Luftraum und einer drohenden Kostenexplosion wurde die Entwicklung im Frühjahr 2013 gestoppt. Seitdem wird nach einem anderen Flugzeug gesucht, in das die von Airbus stammende Aufklärungstechnik eingebaut werden kann. Derzeitiger Favorit: Eine Schwester-Drohne des „Euro Hawk“ namens „Triton“.

  • Reaper oder Heron

    Von der Leyen will die Bundeswehr mit bewaffnungsfähigen Drohnen ausrüsten. Zur Auswahl stehen eine US-Drohne, die „Reaper“ (Sensenmann) oder „Predator B“ (Raubtier) genannt wird, und „Heron TP“ (Reiher) aus Israel. Die Entscheidung wird noch vor Ende des Jahres erwartet.

  • Airbus A400M

    Mit vier Jahren Verspätung lieferte Airbus Mitte Dezember das erste Transportflugzeug vom Typ A400M an die Bundeswehr aus. Das bedeutet aber noch nicht das Ende der Verzögerungen. Wieviele der fünf für dieses Jahr versprochenen Maschinen tatsächlich am niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf landen werden, ist noch völlig unklar. Der A400M bleibt ein Problemfall.

  • G36

    Auch mit kleineren Waffen gibt es große Probleme. Seit vielen Monaten wird über die Treffsicherheit des Standardgewehrs der Bundeswehr G36 diskutiert. Große Hitze verträgt die Waffe nicht besonders gut. Ein neuer Prüfbericht soll in den nächsten Wochen Klarheit darüber bringen, wie gravierend das Problem ist.

Schon während der heftig geführten Debatte um die Tauglichkeit des Gewehres hatte sich abgezeichnet, dass Heckler & Koch von dem Trubel profitieren könnte. Für eine schnelle, unkomplizierte Lösung, sei es eine Verbesserung des G36 oder die Beschaffung von Ersatz, führt an dem deutschen Hersteller kaum ein Weg vorbei.

Nach Meinung von Branchenkennern geht es im Kern der G36-Debatte ohnehin weniger um die Frage, ob die Waffe aus dem Hause Heckler & Koch von schlechter Qualität ist. Sie erfüllt nach 20 Jahren offenbar nur nicht mehr alle Anforderungen in den aktuellen Einsätzen der Bundeswehr. Dazu zählt unter anderem das Dauerfeuer in heißen Umgebungen.

Die neuen Waffen seien nicht als Ersatz für das G36 gedacht, sondern eine "Optimierung des Waffenmixes", heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Mit zusätzlicher Ausrüstung sollen die Soldaten für verschiedene Szenarien gewappnet sein.

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