Hepatitis-Medikament Sovaldi: Was aus der 1000-Dollar-Pille wurde

InterviewHepatitis-Medikament Sovaldi: Was aus der 1000-Dollar-Pille wurde

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Carsten Nowotsch ist Deutschland-Geschäftsführer des US-Konzerns Gilead.

von Jürgen Salz

Vor drei Jahren führte der US-Konzern Gilead ein neues Hepatitis-Medikament in Deutschland ein. 1000 Dollar verlangte der Hersteller dafür – pro Pille! Krankenkassen und Politik schlugen Alarm, die Kosten drohten zu explodieren. Drei Jahre später zieht Deutschland-Geschäftsführer Carsten Nowotsch Bilanz.

WirtschaftsWoche: Herr Nowotsch, seitdem Gilead rund 1000 Dollar für eine einzige Pille gegen Hepatitis verlangt hat, gilt ihr Unternehmen als Medikamenten-Abzocker. Insgesamt 60.000 Euro kostete die Behandlung. Wie lebt es sich mit diesem Image?
Carsten Nowotsch: Sie meinen Sovaldi, ein Medikament gegen Hepatitis C, das wir 2014 in Deutschland eingeführt haben. Mit dem Vorwurf konnten wir immer relativ wenig anfangen, denn Sovaldi war der Auftakt von mehreren neuen Kombinationspräparaten, die nicht nur die Behandlung dieser Leberinfektion revolutioniert, sondern auch die Kosten pro Heilung halbiert haben. Eine achtwöchige Behandlung mit dem Nachfolgepräparat Harvoni kostet heute knapp 38.000 Euro.

…bei Produktionskosten von einigen hundert Euro...
… gegenüber den rund 70.000 Euro, die die Heilung eines Hepatitis-C-Patienten in der Vor-Sovaldi-Ära gekostet hat. Die Heilungsraten liegen heute zwischen 96 und 100 Prozent. Dass das kein überzogener Preis ist, bestätigen uns mittlerweile auch ausgewiesene Pharma-Kritiker wie der Bremer Professor Gerd Glaeske. Früher konnten Sie Hepatitis C kaum heilen. Auf Interferone etwa sprachen nur 25 Prozent der Patienten an. Durch unsere Mittel spart die Gesellschaft Folgekosten, etwa für Krankenhausaufenthalte oder Lebertransplantationen. Daran haben wir uns bei der Preisfindung orientiert, nicht an den Produktionskosten. Aber nochmal: Die Kosten pro Heilung haben sich halbiert.

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Die Gewinne von Gilead sind dadurch exorbitant gestiegen. Zum Schaden der Gesellschaft: Die Krankenkassen haben damals prognostiziert, das neue Mittel werde  die Gesundheitsbudgets sprengen. Von fünf Milliarden Euro Kosten war die Rede.
Die Befürchtungen waren falsch und dramatisch übertrieben. 2014 haben die Arzneimittel zur Behandlung von Hepatitis C – darunter auch Sovaldi – die Budgets der Kassen mit rund 500 Millionen Euro belastet. Seit 2015 ist das erwähnte Nachfolgepräparat Harvoni in Deutschland auf dem Markt – und der Gesamtumsatz aller Hepatitis-C-Medikamente lag bei rund 1,2 Milliarden Euro. Damals wurde die höchste Zahl von Hepatitis-Patienten erreicht; noch nie konnten so viele Menschen geheilt werden. Dies war allerdings ein kurzfristiger Effekt, der entsteht, wenn Patienten jahrzehntelang auf eine wirksame Therapie warten. Seit 2016 gehen die Patientenzahlen und damit die Kosten für die Kassen nach Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 38 Prozent zurück, auf etwa 750 Millionen. Das ist alles weit entfernt von fünf Milliarden Euro.

Gilead hat schamlos ausgenutzt, dass die Pharmaunternehmen im ersten Jahr nach Markteinführung die Preise noch selber festlegen dürfen – erst danach müssen sie in Preisverhandlungen gehen. Viele Gesundheitspolitiker hat Gilead durch ein solches Verhalten vor den Kopf gestoßen. In Berlin wurde bereits darüber diskutiert, für das erste Jahr nach Markteinführung eine Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro einzuführen. Noch einmal: War der hohe Preis ein Fehler?
Wir haben im Bereich Hepatitis C mittlerweile drei Produkte durchverhandelt. Für Sovaldi, Harvoni und seit ein paar Tagen auch für Epclusa gilt: Der Unterschied zwischen unseren initialen Preisvorstellungen und dem, was die Kassen nun bereit sind zu zahlen, lag bei zehn Prozent. In zwei von drei Fällen haben wir uns sogar vorzeitig einigen können. Das klingt mir nicht nach überhöhten Preisvorstellungen. Und die Umsatzschwelle ist vom Tisch. Zu Recht. Es hätte die Top-Innovationen bestraft. Jedes Unternehmen, das die Umsatzschwelle überschreitet, hätte dann bewerten müssen, ob sich die Innovation noch rechnet. Wie gesagt, zu unserer Preispolitik stehen wir.

Teure Medikamente Pillen-Preise an der Schmerzgrenze

Exorbitant hohe Preise treffen Patienten und Versicherte.

Teure Pillen Quelle: dpa

Nun hat Gilead schon wieder ein neues Hepatitis-Medikament eingeführt. Wozu ist das noch nötig, wenn doch angeblich schon nahezu alle Patienten geheilt werden können? 
Das ist ja gerade: Wenige schwere Krankheitsfälle fallen immer noch durch das Raster – und diese Versorgungslücke wollen wir schließen. Wir haben nun auch Epclusa auf dem Markt, eine 12-Wochen-Therapie, die über alle Genotypen wirksam ist und auch bei vielen Patienten wirkt, die bislang nicht geheilt werden konnten. Eine Packung Epclusa kostet nach der Verhandlung nun genauso viel wie Harvoni – es ist eine Therapie für Menschen, die bisher noch nicht optimal versorgt waren. Und wir bereiten die Einführung einer Dreifach-Kombination vor – für die sehr wenigen Patienten, die nach der Behandlung doch noch einen Rückfall erleiden. Unser Ziel heißt: Heilung für alle.

Wenn man Sie so reden hört: Besteht die Hoffnung, dass Hepatitis weltweit ausgerottet werden kann?
Ja, daran glaube ich. Die Weltgesundheitsorganisation sagt: Das könnte bis2030 der Fall sein. Auch in Deutschland ist das möglich, aber wir müssen die Dunkelziffer der 150.000 Menschen in Deutschland erreichen, denen heute gar nicht bewusst ist, dass Sie das Hepatitis-C-Virus haben.

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