Im Zeichen der Zukunft: Gewächs-Hochhäuser als neue Religion

Im Zeichen der Zukunft: Gewächs-Hochhäuser als neue Religion

, aktualisiert 04. Dezember 2011, 15:13 Uhr
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In einigen US-Städten haben Menschen bereits Dächer in Gärten verwandelt, um dort selbst Gemüse anzubauen.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Für den Verbraucher von morgen soll es zurück in die Zukunft gehen. Zurück zur Natur und verantwortungsvollem Konsum - nicht aber ohne ein völlig neues Gewand. So wie eben ein Gewächshaus in einem Wolkenkratzer.

Dreißigstöckige Häuser voller Pflanzen in Hydrokultur, automatisch bewässert und geerntet – und das mitten in der Stadt: Dickson Despommier hat ein klares Konzept für die Zukunft. Wo immer es geht, wirbt der Professor an der New Yorker Columbia University für sein Konzept von Gewächshochhäusern mitten in den Megacitys. Ein Wolkenkratzer soll so viel Lebensmittel liefern wie 1.000 Hektar Ackerland, Grundwasser schonen und Emissionen senken. Zugleich werden Städter zu Gärtnern.

Despommier zieht die radikalsten Schlüsse aus einem Megatrend, den Forscher für die kommende Dekade vorhersagen: eine Rückkehr zu alten Tugenden, allerdings in völlig neuem Gewand. Während die Lebensmitteltechnik rasante Fortschritte macht, sehnen sich die Verbraucher in den Industrieländern zurück zu Natur und verantwortungsvollem Konsum. Deshalb sehen zahlreiche Konzepte für die kommenden Jahre so aus, als wären sie von Alt-Hippies erdacht.

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Deshalb arbeitet auch die Nahrungsmittelindustrie an ethisch-korrekten Visionen. Der Mann, der beim Süßwaren-Konzern Mars die Zukunft plant, trägt einen langen weißen Bart. Howard Shapiro verkörpert so die Botschaft, die der amerikanische Familienkonzern für das Jahr 2020 mitbringt: Nachhaltigkeit. Bis dahin soll sämtlicher Kakao aus geprüften Farmen kommen.

Der Mars-Nachhaltigkeitschef schult dafür die Farmer in Afrika und Asien und verfolgt damit noch ein weiteres Ziel: Soll das Geschäft mit den billigen Riegeln die nächste Dekade überdauern, braucht Mars verlässliche Liefermengen an Kakao – trotz des Hungers der Chinesen, trotz grassierender Pflanzenkrankheiten in Südamerika, trotz überalterter Kakaopflanzen in Afrika. Nachhaltiger Anbau verspricht konstante und höhere Erntemengen – und radikal bessere Lebensbedingungen in den Rohstoffländern.

Zehn Millionen Dollar gibt Mars pro Jahr für seine Agenda 2020 aus, gemessen an den explodierenden Rohstoffpreisen ist das nicht viel. Daneben durchleuchten Wissenschaftler im Auftrag von Mars das Genom der Pflanzen, um schnellere Zuchterfolge nachweisen zu können – auf Wunsch der Verbraucher ohne den direkten Einsatz von Genmanipulationen, aber stets in enger Abstimmung mit den Genetikern. Ähnliche Programme für mehr Nachhaltigkeit in der kommenden Dekade verfolgen fast alle Markenproduzenten für Kakao und Kaffee – von Kraft bis Tchibo.


Gemüseanbau auf den Dächern von Brooklyn

Ihnen nutzt dabei das bessere Image bei den Verbrauchern, das ein Nachhaltigkeitszertifikat mit sich bringt. „Wir erleben eine Moralisierung des Essens. Die Leute werden in den nächsten Jahren das Essen immer weiter romantisieren“, sagt David Bosshart voraus, Chef des Schweizer Think-Tanks Gottlieb-Duttweiler-Institut. Die Nahrungsmittelindustrie müsse künftig darauf reagieren, wenn sie nicht in der Gunst der wohlhabenden Trendsetter zurückfallen wolle.

Sicher ist, dass das Umsatzwachstum bei Nahrungsmitteln in den Industrieländern künftig dort entsteht, wo romantische Städter Natur vermuten. Bio-Molkereien wie der Mittelständler Andechser punkten mit einem zielgenauen Sortiment. Derzeit forscht der Hersteller an Joghurt mit pflanzlicher Süße aus Stevia-Blättern. Die Kleinen machen vor, welche Sortimente die Megakonzerne in zehn Jahren anbieten müssen.

Praktiker wie Dr. Oetkers Tiefkühl-Manager Hans-Wilhelm Beckmann suchen bereits nach Möglichkeiten, mit regionaler Beschaffung und transparenten Beschriftungen zu punkten. „Simplizität und Authentizität“ sollten 2020 eine größere Rolle spielen, sagt er. Allerdings weiß er auch: Die ethischen Produkte müssen auch bequem und preiswert bleiben.

Deutliche Anzeichen für eine Gegenbewegung zu funktionalem Industrie–Essen findet Trendforscher Bosshart bereits in New York. Städter haben in Brooklyn und Roosevelt Island Dächer in Gärten verwandelt, um dort selbst Gemüse anzubauen. Was nach dem guten alten Schrebergarten klingt, hat künftig einen ganz anderen Stellenwert: „Amerikaner betreiben das wie eine Religion“, sagt Bosshart: „Solche Nischenphänomene können große Veränderungen ankündigen.“ Die Dachgärten von Brooklyn seien nur der Anfang, glaubt er. Schon bald könnten Pflanzen-Hochhäuser in ganz New York stehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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