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Industrieriesen: ThyssenKrupp: Schulterschluss mit Siemens?

von Andreas Wildhagen, Michael Kroker und Cornelius Welp

Bei ThyssenKrupp mehren sich Hinweise auf einen Radikalschnitt. Weil die Zweifel wachsen, ob der Sprung zum Technologiekonzern aus eigener Kraft gelingt, wird intern über eine gigantische Option diskutiert: den Schulterschluss mit Siemens – eine ferne Fusion nicht ausgeschlossen.

Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro.

Quelle: dpa

Die Villa Hügel über dem Essener Baldeneysee war noch nie ein normales Gebäude. Einst das Wohn- und Residenzhaus der untergangenen deutschen Industriellenfamilie Krupp, ist der 139 Jahre alte klassizistische Säulenbau heute eine Art Museum der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die mit 25,33 Prozent der mit Abstand größte Aktionär von ThyssenKrupp ist.

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Aktionärsstruktur ThyssenKrupp

Noch immer trifft sich hier alljährlich der Casino-Verein, wie der Club der ehemaligen Direktoren heißt, und schwelgt in der jüngeren und älteren, in der dunklen wie strahlenden Geschichte des deutschen Traditionskonzerns.Die Geschichte zu beschwören ist gerade wieder einmal an der Zeit auf dem Hügel. Nicht nach dem ersten, wohl aber nach dem zweiten und dritten Glas Wein denken Ruhrgebiets-Granden innerhalb und außerhalb der Villa seit einigen Monaten etwas lange Zeit Undenkbares: Kann der einstige Vorzeigekonzern langfristig noch so weiter bestehen?

Sind die Milliardenverluste im Stahl, die hohe Schuldenlast und die rollierenden Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre nicht ein untrügliches Zeichen für einen rigorosen Schnitt? Braucht es statt eines einzelnen Eingriffs wie dem Verkauf der Edelstahlsparte an den finnischen Wettbewerber Outokumpu vorvorige Woche nicht den Totalumbau?

Noch sagt das niemand öffentlich, am wenigsten der seit einem Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger. Aber die Quintessenz aller Erwägungen, so vage sie zurzeit sein mögen, ist eindeutig: Der Essener Industrieriese könnte eine Zukunft haben, wenn es zum Schulterschluss mit dem Münchner Siemens-Konzern kommt. Nicht sofort, sondern in einem Annäherungsprozess über mehrere Jahre, nicht auf einmal, wohl aber in vielen kleinen Schritten – mit den Etappenzielen Kooperation, Beteiligung, Fusion.

Damit stünde die deutsche Industrie vor einem der größten Merger der vergangenen Jahrzehnte. Er würde ThyssenKrupp aus der strategischen Sackgasse holen. Und Siemens-Vorstandschef Peter Löscher hätte endlich eine Erklärung für seine Ankündigung, dass er den Jahresumsatz von derzeit rund 75 Milliarden Euro auf 100 Milliarden anheben will. Das Ziel gelte weiter, sagte Finanzchef Joe Kaeser vergangene Woche dem „Handelsblatt“: „Aber vielleicht muss man die Route neu berechnen.“

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