Intelligente Kleidung: Der vernetzte Laufschuh

Intelligente Kleidung: Der vernetzte Laufschuh

, aktualisiert 13. November 2011, 20:12 Uhr
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Mehr Technik als Textil: Chips sollen Sportler auf dem Laufenden halten.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

Die Sporthersteller investieren Millionen in die Entwicklung leichter und atmungsaktiver Schuhe. Jetzt erobern moderne Sensoren die High-Tech-Schlappen - damit neue Bestleistungen auch auf facebook gewürdigt werden.

HerzogenaurachAlles sieht auf den ersten Blick aus wie in einer normalen Turnhalle. In der einen Hälfte liegt grüner Kunstrasen, darauf steht ein Fußballtor. Den Rest des Bodens bedeckt ein grauer Plastikbelag, eine Laufbahn ist darauf markiert.

Doch die Sportler im Tiefparterre der Konzernzentrale von Adidas sind nicht gekommen, um für den nächsten Wettkampf zu trainieren. Sie sind einzig und allein dazu da, um die modernsten T-Shirts, die innovativsten Bälle und die Laufschuhe der übernächsten Generation auf Herz und Nieren zu testen.

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Ein Dutzend Hochfrequenz-Kameras zeichnet jede noch so kleine Bewegung von Sprintern auf, sogenannte Kraftplatten auf dem Boden messen, wie sich das Gewicht der Läufer in den Schuhen verteilt. „Wir versuchen, den Menschen zu verstehen“, sagt Bernhard Krabbe, der Chef des Sport Research Labs von Adidas. Bis zu 500 Bilder pro Sekunde schießen die Fotoapparate, die Krabbes Team aufgebaut hat. So können die Spezialisten genau analysieren, ob die Sohle griffig genug ist, ob der Läufer genügend Halt hat, welche Kräfte an den Gelenken zerren, kurz, ob die neuen Turnschuhe etwas taugen.

Es hat seinen Grund, dass Adidas einen solch immensen Aufwand treibt. Der Wettbewerb ist knallhart, und es ist schwer, sich von den Rivalen abzusetzen. Schließlich produzieren die drei führenden Sportkonzerne Nike, Adidas und Puma in denselben Fabriken in Asien. Es sind dieselben Lieferanten, von denen die Grundstoffe kommen, und es sind dieselben Arbeiter, die an den Bändern sitzen. „Innovationen in unserer Branche sind in manchen Bereichen sehr schnell kopierbar“, klagt Adidas-Vorstand Erich Stamminger.

Deshalb will Adidas stets die leichtesten Produkte anbieten, „ohne dabei die Funktion zu vernachlässigen“, betont Stamminger. Denn was nützt ein Ultra-Leichtgewichtsschuh, wenn der Jogger jeden Kieselstein spürt? Das Gewicht zu reduzieren ist ein Trend, der die Branche die nächsten Jahre in Atem halten wird. „Die Produkte werden wieder filigraner und damit auf das Wesentliche reduziert“, sagt Hartmut Heinrich, Sportexperte der Unternehmensberatung Vivaldi Partners in Hamburg.


Sie zerbrechen Schuhsohlen und beschießen sie mit Kugeln

Eine Etage über der Adidas-Testhalle und nur einen kurzen Sprint von Stammingers Vorstandsbüro entfernt sitzen Dutzende Entwickler vor ihren Computern und tüfteln an neuen Konstruktionen für die Turnschuhe. Sie variieren in aufwendigen Computer-Simulationen zum Beispiel das Innenleben einer Sohle, um noch ein paar Gramm herauszuholen. Leistungsstarke Großrechner bilden dabei im virtuellen Raum nach, wie sich solch ein neuer Joggingschuh wohl auf dem Asphalt verhält. Erst vor ein paar Wochen sind die Experten vom Adidas Innovation Lab in neue Räume im Hauptquartier in Herzogenaurach eingezogen. Neben den Computern stehen Dutzende Maschinen, mit denen neu entwickelte Stoffe zerrissen und zerrieben werden, in denen Sohlen gebrochen und mit Kugeln beschossen werden; alles, um herauszufinden, ob das leichte Gewebe auch hält, was der Hersteller verspricht.

Doch es reicht nicht, einfach nur Neuheiten am Reißbrett zu entwickeln: „Die Kunden müssen die Innovation spontan und auch emotional erleben können“, sagt Stamminger. Das heißt: Was sich dem Kunden nicht auf Anhieb erschließt, ist zum Scheitern verurteilt.

Vielleicht ist das der Grund, warum es der Sportindustrie bisher nicht gelungen ist, Elektronik in ihre Produkte einzubauen: Alle Lösungen waren zu kompliziert. Doch wohin die Reise geht, das zeigt ein neuer Fußballschuh, den die Marke mit den drei Streifen Mitte November in die Läden bringt. Ein kleines, nur acht Gramm schweres elektronisches Bauteil in der Zwischensohle erfasst sämtliche Bewegungen eines Spielers. Am Computer oder auf dem Smartphone können die Sportler dann sehen, wie viel sie gerannt sind, wie schnell sie waren - und vor allem: Sie können ihre Leistung per Internet mit denen ihrer Mitspieler und denen von Stars vergleichen. Auch die Trainer können die Daten nutzen. Das alles hat seinen Preis: Der „Adizero F50 Micoach“ kostet etwa 250 Euro.

Bislang haben nur Fußballstars solche Möglichkeiten. Mit Kameras werden alle ihre Bewegungen aufgezeichnet und dann per Spezialsoftware ausgewertet. So erfährt dann nicht nur der Coach, sondern auch der geneigte Fernsehzuschauer, wie weit Schweinsteiger und Co. in 90 Minuten gelaufen sind.


„Eingebettete Sensoren werden ein ganz großes Thema“

Branchenkenner sind überzeugt, dass es längst nicht mehr ausreicht, sich nur um neue Trainingsanzüge oder verbesserte Kickstiefel zu kümmern. „Reale und virtuelle Welten verschmelzen immer mehr“, sagt Unternehmensberater Heinrich. So sind die neuen, elektrischen Kickstiefel denn auch der Versuch, den Spaß auf dem Platz in soziale Netze wie Facebook zu transferieren. Denn dort kann jeder seine Daten vom Fußballfeld mit seinen Freunden und Mannschaftskameraden teilen.

War die Elektronik früher zu teuer, ist sie heute spottbillig. Die Kunst ist aber, sie in ein stimmiges System zu integrieren. Außerdem müssen die Bauteile auch dann noch funktionieren, wenn es nass und kalt ist. „Eingebettete Sensoren werden in den nächsten Jahren eines unserer ganz großen Themen sein“, sagt denn auch Chefforscher Krabbe. Doch ob der Durchbruch wirklich kommt? Noch sehen erfahrene Branchenkenner die Elektronik eher skeptisch, gerade in einem den Traditionen verbundenen Sport wie dem Fußball. „Es fragt sich, wie viel Technik die Fußballlehrer bereit sind, einzusetzen“, sagt Klaus Jost, Vorstand der Sporthändlervereinigung Intersport.

Adidas verlässt sich in seiner Entwicklung nicht allein auf die eigenen Leute. „Wir pflegen ein großes Netzwerk, in dem wir eng mit Lieferanten, Universitäten und Instituten zusammenarbeiten“, sagt Gerd Manz, der oberste Konstrukteur des Konzerns. Es sind Partner wie die Universität Freiburg oder die Loughborough University in England. So bekommt das Team Anregungen für neue Materialien oder zukunftsträchtige Produktionsprozesse. Wichtige Tippgeber sind aber auch Spitzensportler, die bei Adidas unter Vertrag stehen und regelmäßig Prototypen ausprobieren.

Mitunter braucht es auch gar keine Sportler mehr, um neue Ware auszuprobieren. Eine Ballschussmaschine drischt einen Fußball nach dem anderen über den Kunstrasen. So können die Ingenieure von Lab-Chef Krabbe die Flugeigenschaften testen. Schon lange würden die Entwickler gerne einen kleinen Chip in die Kugel einbauen. Kombiniert mit einem Sensorfeld im Tor zeigt ein uhrähnliches Gerät am Handgelenk des Schiedsrichters, ob die Kugel im Tor war – oder eben nicht. Würde der Weltfußballverband Fifa sich für den Einsatz solcher Bälle entscheiden, würde sich ein riesiger neuer Markt für das Unternehmen auftun. Bislang aber sträuben sich die Hüter des Sports gegen jegliche Neuerung dieser Art.

Quelle:  Handelsblatt Online
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