Jahresbilanz des Siemens-Chefs: Der entschlossene Joe Kaeser

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Jahresbilanz des Siemens-Chefs: Der entschlossene Joe Kaeser

von Matthias Kamp

Vor einem Jahr trat Joe Kaeser die Nachfolge des glücklosen Peter Löscher als Vorstandschef des wichtigsten deutschen Technologiekonzerns an. Eine Bestandsaufnahme.

Es ist auch dieses Bild, das nach einem Jahr Amtszeit an Joe Kaeser haften bleiben wird: Ende März steht der Vorstandsvorsitzende des bedeutendsten deutschen Industriekonzerns im Kreml und schüttelt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Hand. Die Krise um die Krim und die Unruhen in der Ukraine, die immer neuen Höhepunkten entgegentrieben, bezeichnete der Siemens-Chef damals als „kurzfristige Turbulenzen“ – und gratulierte Putin zu den „gelungenen Olympischen Winterspielen“. Die öffentliche Empörung in Deutschland war groß.

Wirtschaftssanktionen gegen Russland lehnte Kaeser schon damals ab und tut es dem Vernehmen nach auch noch heute, nach dem mutmaßlichen Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine, der 298 unschuldige Menschen das Leben kostete. Kaesers Begründung: Solche Sanktionen träfen immer die Falschen, nämlich das einfache Volk.

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Darüber, und auch über den Sinn des Putin-Besuchs kann man sicherlich streiten. Nicht streiten kann man indes über Kaesers Entschlossenheit, auch Gradlinigkeit, mit der er die Probleme bei Siemens, immerhin ein Konzern mit seinem Jahresumsatz von zuletzt fast 76 Milliarden Euro, angeht. Ein Jahr ist es her, dass der gebürtige Niederbayer im Innenhof der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz stand und Medien und Mitarbeiter auf ein neues Zeitalter des Technologiekonzerns einstimmte.

Wo Siemens den Anschluss verpasst hat

  • Telefonie

    Nach jahrelangen Verlusten verkaufte Siemens das Handygeschäft an die später in die Pleite geschlitterte BenQ. Die Heimtelefone wurden ins selbstständige Unternehmen Gigaset ausgelagert.

  • Netzwerke

    Weil Siemens bei der Technologie für Kommunikationsnetzwerke hoffnungslos hinterherhinkte, schob man das Geschäft in das Joint-Venture NSN ab, das Nokia jetzt komplett übernimmt.

  • Computer

    Auch im einst großen IT-Geschäft geriet Siemens ins Hintertreffen und verkaufte: Die Hardware ging an den japanischen Partner Fujitsu, die IT-Dienstleistungen an die französische Atos.

  • Halbleiter

    Im Jahr 2000 brachte Siemens seine Chipaktivitäten als Infineon an die Börse; passive Bauelemente wie Transistoren wurden als Epcos abgespalten. Sie gehören heute TDK aus Japan.

  • Lichttechnik

    Weil Siemens den anhaltenden Preisdruck und die notwendigen Investitionen nicht allein stemmen wollte, ging die Lichttochter Osram Anfang Juli an die Börse.

Die Sonne schien von einem weiß-blauen Himmel. Das passte, denn Kaeser musste zunächst das Klima bei Siemens verbessern, vor allem für Ruhe sorgen. Löschers Abgang war turbulent gewesen, die Verunsicherung unter den 360.000 Mitarbeitern war angesichts immer neuer Sparpakete und Stellenstreichungen riesengroß.

Der Umbau geht Kaeser nicht schnell genug

Dann verordnete Kaeser, der es mit seinem Charisma versteht, Menschen für sich einzunehmen, dem schwerfälligen Konzern einen Radikalumbau wie er in Deutschlands Wirtschaft nicht oft vorkommt. Die vier Sektoren, in die Löscher die Siemens-Aktivitäten eingeteilt hatte, löste Kaeser auf. Stattdessen gibt es nun neun Divisionen. Damit will der Siemens-Chef das Geschäft wieder „näher zum Kunden bringen“, wie er es formuliert.

Der Umbau scheint zu wirken: Zwischen April und Juni verhalf vor allem der Wegfall von Kosten für das vergangene Sparprogramm Siemens zu einem Gewinnschub. Unter dem Strich verdiente das Unternehmen 1,4 Milliarden Euro und damit 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Währungseffekte drückten dagegen auf Umsatz und Auftragseingang. Während sich die Erlöse um vier Prozent auf 17,9 Milliarden Euro verringerten, gab der Auftragseingang um drei Prozent auf 19,4 Milliarden Euro nach. Ohne die Effekte wäre der Bestelleingang unverändert geblieben, und beim Umsatz hätte sich ein Plus von einem Prozent ergeben.

Programm "Siemens 2020" in Schlagworten

  • Der "Elektrifizierungs-Konzern"

    Siemens will sich entlang der Wertschöpfungsketten von Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung aufstellen. Chef Kaeser hat hierfür mehrere Wachstumsfelder mit Potenzial definiert, so etwa die Märkte für kleine Gasturbinen sowie Offshore-Windanlagen, intelligente Stromnetze, Produkte und Dienste rund um das Thema Industrie 4.0 aber auch der Markt für die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas.

  • Schlanker und wieder näher am Kunden

    Das Sektorenkonzept wird zum Oktober komplett abgeschafft. Bisher hatten die Münchner ihr Geschäft in die Sektoren Healthcare, Energy, Industry und Infrastructure & Cities gegliedert. Künftig soll es, wie schon unter dem früheren CEO Heinrich v. Pierer, nur noch Geschäftseinheiten geben. Statt den bisher 16 Divisionen soll es nur noch 9 geben.

  • Healthcare-Geschäft wird eigenständig

    Das Healthcare-Geschäft wird in Zukunft eigenständig, also außerhalb der neun Divisionen geführt. Dies bedeutet, dass regionale Organisationsstrukturen
    den Anforderungen des Gesundheitsmarktes angepasst werden können und nicht der Matrix der Konzernorganisation entsprechen müssen.

  • Mitarbeiter stärker beteiligen

    Das Unternehmen will seine Aktienprogramme für Mitarbeiter unterhalb der Senior-Managementebene erweitern und die Anzahl der Mitarbeiter-Aktionäre um mindestens 50 Prozent auf deutlich über 200.000 steigern. Hierzu stellt Siemens jährlich erfolgsabhängig bis zu 400 Millionen Euro zur Verfügung.

  • Sparen

    Mit der Bündelung der Divisionen und der Auflösung der Sektoren sollen Bürokratie abgebaut, Kosten gesenkt und Entscheidungen innerhalb des Unternehmens beschleunigt werden. Zudem sollen Querschnittsfunktionen wie das Personalwesen und die Kommunikation gestrafft und zentral geführt werden. Insgesamt will Kaeser so bis 2016 eine Milliarde Euro einsparen.

Siemens soll wieder wendiger und schneller werden und so zu den Wettbewerbern aufschließen, hinter denen der Konzern aus München zuletzt deutlich zurückgefallen war. Mit dem Tempo ist Kaeser allerdings nicht ganz zufrieden. „Rückblickend würde ich die Neuausrichtung der Organisation schneller implementieren“, sagt er.

Fast genauso wichtig: Kaeser hat sich daran gemacht, eine Unsitte abzustellen, die unter Löscher im Konzern regelrecht um sich gegriffen hatte: Siemens hatte viel zu oft Großprojekte angenommen und konnte anschließend nicht oder nur verspätet liefern. Die Folge waren Sonderbelastungen im hohen dreistelligen Millionenbereich, etwa für den verspäteten Anschluss von Nordseewindparks oder die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen. Laut dem Geschäftsbericht zum zweiten Quartal fielen alleine wegen der verspäteten Netzanbindung von Nordsee-Windparks Sonderkosten von 128 Millionen Euro an. Hinzu kamen Probleme bei der Stromübertragung an einem britischen Windpark, die mit 27 Millionen Euro zu Buche schlugen. Floglich rutschte die Sparte Power Transmission so mit einem Verlust von 188 Millionen (Vorjahr: minus 49 Mio) Euro deutlich tiefer in die roten Zahlen.

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