„Als Erfinder muss man lange Zeit falsch liegen, um irgendwann Recht zu haben“, sagte einmal der Kodak-Angestellte Steven Sasson, in einem Interview aus dem Jahr 2006. Sasson erfand 1975 in den Forschungslaboren des Fotopioniers die erste digitale Kamera der Geschichte.
Er hatte aber Unrecht. Im Nachhinein betrachtet hatte Kodak zwar die richtige Technologie, aber war jahrelang die falsche Strategie gefahren. Nun ist Kodak Pleite. Dem Vermögen von fünf Milliarden Dollar stehen sieben Milliarden Dollar Verbindlichkeiten gegenüber. 131 Jahre Firmengeschichte stehen vor dem Aus.
Bild: PressebildKodaks Foto-Innovationen
Mit der Entwicklung von simplen Kameras und Filmrollen machte Kodak-Gründer George Eastman das Fotografieren zum Hobby der breiten Masse. Sein Geniestreich: Anstelle schwerer, mit Fotoemulsion beschichteter Glasplatten setzte Eastman einen von ihm entwickelten rollbaren Film mit einer Gelatineschicht ein. Eastman dachte von Anfang an in großen Dimensionen. Den Namen Kodak wählte er deshalb, weil er sich in allen Sprachen leicht aussprechen ließ.
„Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest“, bewarb er seine erste Kodak-Kamera im Jahr 1888. Zwölf Jahre später brachte die Brownie auf den Markt, die aus Karton bestand, sehr einfach zu bedienen war und genau einen Dollar kostete. Diese Kamera samt Filmen konnten sich auch wenig Begüterte leisten - Fotografie wurde so zum relativ billigen Zeitvertreib.
Bild: PressebildMit dem 1935 eingeführten Kodachrome-Farbdiafilm setzte der US-Fotokonzern über Jahrzehnte hinweg den Qualitätsstandard. Zuerst wurde der Kodachrome als 8-Millimeter-Schmalfilm verkauft, seit 1936 war er auch als 35-Millimeter-Kleinbildfilm erhältlich. Milliarden Erinnerungsfotos wurden weltweit auf Kodachrome festgehalten.
Weil der Film als besonders farbtreu und langlebig galt, setzten auch viele professionelle Fotografen den Film ein. Steve McCurrys vielfach preisgekröntes Bild eines afghanischen Mädchens mit markanten blauen Augen, das 1984 im National Geographic Magazine erschien, wurde auf Kodachrome geschossen. Der Sänger Paul Simon widmete dem Fotofilm im Jahr 1973 sogar ein ganzes Lied. Doch die Digitalfotografie machte Kodachrome den Garaus: 2009 stellte Kodak die Produktion seines bekanntesten Films ein.
Bild: PressebildEines der populärsten Brownie-Modelle von Kodak war die 127er, die zwischen 1952 und 1967 verkauft wurde. Sie bestand aus einem Bakelitgehäuse und benötigte einen 46 Millimeter breiten 127er-Rollenfilm. Darauf entstanden dann 4x4 oder 4x6 Zoll große Negative. Heute lässt sich die Kamera nur mehr mit Schwierigkeiten nutzen: Kodak gab die Produktion von 127er-Rollenfilmen im Jahr 1995 auf. Einzig der kleine kroatische Filmhersteller Fotokemika produziert bis heute 127er-Filmrollen, die unter dem Namen Efke vermarktet werden.
Bild: PressebildIm Jahr 1963 brachte Kodak eine weitere Vereinfachung auf den Markt: Das Kassettenfilmsystem Instamatic. Bis zur Instamatic-Kassette mussten Fotografen Filme erst einmal korrekt in die Kameras einlegen, was nicht immer einfach war. Bei Instamatic kam der Film bereits in einer schwarzen Kunststoffpatrone, die mit einem simplen Handgriff in dafür vorgesehene Kameras eingesetzt wurde. Die Instamatic-Kameras wiederum waren sehr simpel gehalten: Einfache Modelle hatten zwei Belichtungseinstellungen, etwas bessere Modelle maximal vier.
Für Kodak zahlte sich die Entwicklung aus: Zwischen 1963 und den frühen 1980er-Jahren wurden 150 Millionen Instamatic-Kameras verkauft. Danach geriet das System wegen neuer Kleinbildkameras, die eine vollautomatische Filmeinfädelung boten, in Vergessenheit.
Bild: PressebildIronie der Geschichte: Ausgerechnet ein Kodak-Angestellter erfand im Jahr 1975 jenen Kameratyp, mit dessen Siegeszug Kodak bis heute zu kämpfen hat: die Digitalkamera. Der Forscher Steve Sasson bastelte die Kamera aus Ersatzteilen einer Kodak Super 8-Kamera und damaliger Digital-Hochtechnologie zusammen. 23 Sekunden brauchte die Kamera, um ein krudes Schwarz-Weiß-Bild mit 100 Zeilen Auflösung auf eine Kassette zu speichern. Das entspricht einer Auflösung von 0,1 Megapixeln. Intern stellte Sasson die Kamera ein Jahr später als „filmlose Fotografie“ vor, was den Kodak-Managern wohl kaum gefiel. Erst im Jahr 2001 erkannte Kodak offiziell an, dass es die erste Digitalkamera der Welt gebaut hatte.
Bild: PressebildBereits im Jahr 1991 bot Kodak die erste Digitalkamera an. Wegen der hohen Kosten von weit über 20.000 Dollar war die Kamera aber nur für Profifotografen interessant. Da Kodak den Ruf hatte, ausschließlich billige Kameras für Amateurfotografen herzustellen, brauchte der Konzern eine neue Strategie für seine Profi-Linie. So kam es zu einer Kooperation mit einem konkurrierenden Kamerahersteller, der im Profi-Bereich einen guten Ruf hatte: Nikon. Kodaks erste Profi-Digitalkamera basierte auf einer Spiegelreflexkamera vom Typ Nikon F3, hatte einen 1,3 Megapixel-Sensor und benötigte eine Extra-Einheit für die Bildspeicherung, die auf der Schulter getragen wurde. Drei Jahre später brachte Kodak die DCS 460 auf den Markt, die Aufnahmen mit 6 Megapixeln Auflösung ermöglichte – zu einem Preis von 28.000 Dollar. Bis zum Jahr 2005 erweiterte Kodak seine Profi-Serie DCS n (im Bild), die letztlich bis zu 14 Megapixel Auflösung bot. Doch dann entschied der Konzern, sich künftig auf kompakte Digitalkameras zu konzentrieren und gab die Fertigung der Profi-Geräte auf.
Bild: PressebildVor zehn Jahren brachte Kodak den ersten digitalen Bilderrahmen auf den Markt – doch dabei war der Fotoriese fast zu früh dran: Viele Konsumenten verstanden im Jahr 2000 noch nicht so recht, was sie mit dem Rahmen anfangen sollten. Technisch innovativ war der digitale Fotorahmen namens Smart Picture Frame allemal: Es zog seine Bilder entweder von einer Speicherkarte oder lud sich Fotos via analoger Telefonleitung aus dem Internet herunter. Mit 349 Dollar Verkaufspreis war der Rahmen nicht gerade billig. Das neueste Modell Pulse (im Bild) ist mit einem Preis von 130 Euro deutlich preiswerter, kann sich via WLAN Bilder vom Computer holen – und sogar automatisch Facebook-Fotoalben abrufen.
Bild: PressebildSie sind das neueste Pferd im Kodak-Stall: Seit 2007 forciert der Konzern seine neuen Fotodrucker, deren Tintenkosten laut Kodak bis zu 50 Prozent unter jenen der Konkurrenz liegen sollen. Die Strategie schien zunächst aufzugehen: Im dritten Quartal 2010 stiegen die Umsätze mit Druckern und Tinten um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Kodaks Drucker-Marktanteil in Großbritannien lag im September 2010 bei 16,4 Prozent – das war damals eine Verbesserung von 121 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Bild der Multifunktionsdrucker ESP 9250.
Kodaks Foto-Innovationen
Mit der Entwicklung von simplen Kameras und Filmrollen machte Kodak-Gründer George Eastman das Fotografieren zum Hobby der breiten Masse. Sein Geniestreich: Anstelle schwerer, mit Fotoemulsion beschichteter Glasplatten setzte Eastman einen von ihm entwickelten rollbaren Film mit einer Gelatineschicht ein. Eastman dachte von Anfang an in großen Dimensionen. Den Namen Kodak wählte er deshalb, weil er sich in allen Sprachen leicht aussprechen ließ.
„Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest“, bewarb er seine erste Kodak-Kamera im Jahr 1888. Zwölf Jahre später brachte die Brownie auf den Markt, die aus Karton bestand, sehr einfach zu bedienen war und genau einen Dollar kostete. Diese Kamera samt Filmen konnten sich auch wenig Begüterte leisten - Fotografie wurde so zum relativ billigen Zeitvertreib.
Das Unternehmen, das einst eine Kamera für ein Dollar auf dem Markt brachte, hat den Trend in der Fotografie des neuen Jahrtausends verschlafen: die neue Kamera-Generation kommt ohne Kodakfilme aus. Im digitalen Zeitalter kann jeder „magische Kodak-Momente“ liefern: Kompaktkameras, Handys, Handhelds, sogar MP3-Spieler. In dieser Zeit ist das Fotografieren mit analogem Film zu einem Ritual nostalgischer Bohemiennes verkommen.
Die Kodak-Chronik
1881
Der Amerikaner George Eastman gründete zusammen mit Henry Strong die Eastman Dry Plate Company, aus der elf Jahre später Kodak hervorgeht. Zunächst stellt das Unternehmen trockene Fotoplatten her.
1888
Die erste Kodak-Kamera kommt auf den Markt. Dank der 1900 eingeführten "Kodak Brownie" wird das Fotografieren massentauglich, die Kamera zum Preis von einem US-Dollar ist für jeden Hobbyfotografen erschwinglich.
1935
Kodak bringt den ersten Farbfilm auf den Markt, der auch für Hobbyfotografen geeignet ist.
1975
Der Ingenieur Steven Sasson entwickelt die erste Digitalkamera für Kodak.
1986
Kodak verliert einen Rechtsstreit um die Sofortbildkamera gegen Konkurrent Polaroid. Das führt neben der Strafe in Milliardenhöhe zu einem bedeutenden Imageverlust und gilt als der Wendepunkt in der Geschichte des Foto-Riesen.
1991
Das Unternehmen erzielt einen Rekordumsatz von 19,4 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig bringt Kodak mit der "DC-100" die erste Digitalkamera in den Handel. Massentauglich ist sie nicht - das Modell kostet 25 000 Mark.
2004
Kodak stellt den Verkauf von Kleinbildkameras ein, um sich ganz auf den Markt zu konzentrieren.
2011
Kodak schreibt das vierte Jahr in Folge rote Zahlen.
Dabei war Kodak durchaus ein eifriger Erfinder im Bereich der digitalen Fotografie. „Kodak hat den ersten Megapixel-Sensor erfunden, die erste Kamera mit hoher Resolution, die digitale Kompression“, zählte Sasson im Interview eifrig auf. Gewiss, Kodak erfand zahlreiche Technologien, doch das Geld damit verdienten die anderen. HP und Canon, Nikkon und Panasonic eilten dem alten Fotopionier davon.
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