Kommentar Frank Sieren: Die Flugzeug-Zulieferer sind keine Verräter

Kommentar Frank Sieren: Die Flugzeug-Zulieferer sind keine Verräter

, aktualisiert 09. November 2011, 09:20 Uhr
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Sparsame Triebwerke liegen im Trend: Flugzeug-Zulieferer haben mehr Macht dank neuer Abnehmer.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

China baut ein Konkurrenzflugzeug zu Airbus und Boeing. Internationale Zulieferer helfen mit. Verraten sie den strauchelnden Westen? Ein Kommentar.

Die europäischen und amerikanischen Flugzeugzulieferer befinden sich angesichts der Entwicklungen in China in einem Dilemma. Der chinesische Flugzeugbauer Comac plant, mit seinem C919 schon ab 2016 der Boeing 737 und dem Airbus A320 Konkurrenz zu machen. Schaffen kann Comac das nur mit Hilfe westlicher Zulieferer. Je enger diese aber mit dem neuen Partner im Osten zusammenarbeiten, desto mehr schwächen sie ihre treuen Kunden zu Hause. Die Chinesen nutzen also den hohen Outsourcinggrad in der Flugzeugindustrie schamlos aus. Aber warum eigentlich schamlos? Belebt Konkurrenz nicht das Geschäft?

Jeder außer Boeing und den Amerikanern fand es vernünftig, dass sich Airbus in den 80er-Jahren als Konkurrent gegen Boeing etablierte. Der Wettbewerb, den Airbus entfacht hat, ließ Großraumflugzeuge besser und billiger werden. Warum soll das anders sein, wenn nun ein dritter Spieler auf den Markt kommt? Nur weil er chinesisch ist? Kein Wunder also, dass die westlichen Zulieferer auch mit dem neuen Akteur zusammenarbeiten. Und natürlich wird dabei auch Technologie transferiert. Was wäre die Alternative? Die westlichen Unternehmer könnten sich zusammenschließen, um den Know-how-Abfluss zu stoppen. Die Chinesen müssten dann ihr Flugzeug ganz allein entwickeln und wären so lange weiter darauf angewiesen, Flugzeuge von Airbus und Boeing zu kaufen.

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Doch das ist eine Illusion. Diese Art Einigkeit lässt sich in der freien Wildbahn des Wettbewerbs nicht herstellen. Wenn es um neue Marktanteile geht, ist jeder im Westen sich selbst der Nächste. Denn Chinas Flugzeugmarkt ist der am stärksten wachsende Markt der Welt. Experten schätzen, die Volksrepublik benötigt in den kommenden beiden Jahrzehnten 4 300 neue Flugzeuge im Wert von 480 Milliarden US-Dollar. Alle wollen nach China. Sollte also in dieser vertrackten Lage nicht besser ein langfristig denkender westlicher Staat einspringen und eine Kooperation gesetzlich verbieten, damit das Know-how nicht abfließt?

Nein, Europa und die USA sind gar nicht mehr in der Lage, sich solche Marotten zu leisten. Die Mittelständler, die einen Auftrag von den Chinesen bekommen, nehmen ihn an. Und daran ist auch nichts Unmoralisches. Nun, da sich der Wettbewerb zu unserem Nachteil entwickelt, sich aber das technologische Wissen und der Wohlstand gleichmäßiger auf der Welt verteilen, können wir den Lobgesang auf die Marktwirtschaft schlecht verstummen lassen und von nun an das Hohelied des Protektionismus anstimmen. Zumal der allergrößte Teil der westlichen Technologie ja nicht geklaut ist, sondern legal transferiert wird.


Die Unternehmen sind keine Verräter

Der Wettbewerb als Motor des Fortschritts hat sich global bewährt, wie man an der Autoindustrie sieht. So wie wir Europäer einst von Henry Ford gelernt haben und die Japaner von Mercedes lernten, haben die Chinesen inzwischen von den Japanern gelernt. Sie haben erkannt, wie wenig Sinn es ergibt, komplexe Produkte von Grund auf neu zu entwickeln. Viel eleganter und zeitsparender ist es, mit ausländischen Profis Joint Ventures zu gründen.
Doch bei den Autos zeigen sich inzwischen die Nachteile des chinesischen Modells. Die chinesischen Partner wurden bequem. Sie stellten sich nicht auf eigene Füße, sondern verließen sich darauf, dass die Ausländer es schon richten würden. Auch deshalb gibt es heute kein international wettbewerbsfähiges chinesisches Auto.

Bei Flugzeugen will die Regierung dies vermeiden. Deshalb zwingt sie ihre Industrie, sich von Anfang an dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Bei Comac erlaubt sie Joint Ventures nur auf der Ebene der Zulieferer. Vor genau einem Jahr beschlossen Avic, der staatliche Mutterkonzern von Comac, und der amerikanische Zulieferer Hamilton Sundstrand deshalb, gemeinsam im zentralchinesischen Xian das Stromversorgungssystem des neuen Fliegers herzustellen. Über 100 Millionen Euro investieren die Amerikaner. Es ist das größte Zuliefer-Joint-Venture in der chinesischen Luftfahrtgeschichte. Aber auch deutsche Hersteller haben Verträge abgeschlossen. Das Allgäuer Unternehmen Liebherr-Aerosapce Lindenburg baut das Fahrwerk und das Luftmanagement-System.

Diese Unternehmen sind keine Verräter. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als mit der Zeit zu gehen. Die Manager sind ihren Investoren verpflichtet, Gewinne zu steigern. Deshalb liefern sie den Chinesen, soviel sie können, und nutzen so der eigenen Volkswirtschaft am besten. Wenn eines fernen Tages die chinesischen Flugzeuge besser und billiger sein sollten als die europäischen und amerikanischen, dann müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht gut genug waren. Aber bis dahin wird es zum Glück wohl noch ein Weilchen dauern. Zeit, die wir nicht mit Regulierungs- und Abschottungsfantasien verplempern sollten.

Der Bestsellerautor ("Angst vor China") gilt als einer der führenden Chinakenner. Sie erreichen ihn unter: www.sieren.net/sieren@handelsblatt.com

Quelle:  Handelsblatt Online
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