Thyssenkrupp ringt um die Zukunft der Stahlsparte

Kommt die Fusion mit Tata?: Thyssenkrupp ringt um die Zukunft der Stahlsparte

Die Pläne zur Zukunft des Stahlgeschäfts sorgen für Unruhe bei Thyssenkrupp. Sollte es zur Fusion mit Tata kommen, sieht der Betriebsrat tausende Jobs in Gefahr. Im Aufsichtsrat droht das Vorhaben zu scheitern.

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Am Freitag wollen Stahlkocher von Thyssenkrupp gegen die Fusionspläne demonstrieren.

Zoff bei Thyssenkrupp: Für Konzernchef Heinrich Hiesinger droht das Ringen um die Zukunft der europäischen Stahlsparte zur Zerreißprobe zu werden. Fast sieben Jahre nach seinem Amtsantritt ist der Umbau des Essener Industriekonzerns noch immer nicht am Ziel. Nun steht mit dem Stahlgeschäft die traditionelle Wurzel auf dem Prüfstand. Mit seinen Plänen für einen möglichen Zusammenschluss mit dem indischen Konkurrenten Tata ist der ehemalige Siemens-Manager Hiesinger nun jedoch auf heftigen Widerstand gestoßen.

Unmittelbar vor einer am Wochenende geplanten Sitzung des Aufsichtsrats haben Betriebsräte und die IG Metall für Freitag in Bochum zu einer großen Protestveranstaltung aufgerufen. Erwartet werden mindestens 5000 Stahlkocher. Belegschaftsvertretung und Gewerkschaft befürchten einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen und die Schließung ganzer Standorte. Bereits ohne den möglichen Zusammenschluss sieht der Betriebsrat bis zu 4000 Jobs auf der Kippe – was das Unternehmen allerdings zurückweist.

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Nach „Spiegel“-Informationen soll den Kontrolleuren bei der Sitzung zunächst jedoch nur eine Grundsatzvereinbarung – ein sogenanntes Memorandum of Understanding – vorgelegt werden. Ob es dabei schon zu einer Abstimmung kommen wird, ist derzeit unklar. Die Details einer möglicherweise dann endgültigen Vereinbarung würden erst bis Anfang des kommenden Jahres ausgehandelt, hieß es.

Umsatz, Mitarbeiter und Investitionen von Thyssenkrupp nach Sparten

  • Aufzüge

    Umsatz 2015/16: 7468 €
    Änderungen zum Vorjahr: +4 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 51.426

    Investitionen 2015/16: 135 Millionen Euro
    Vorjahr: 89 Millionen Euro

    Quelle: Unternehmen

  • Industriekomponenten

    Umsatz 2015/16: 6807 €
    Änderungen zum Vorjahr: +1 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 30.751

    Investitionen 2015/16: 488 Millionen Euro
    Vorjahr: 392 Millionen Euro

  • Anlagenbau

    Umsatz 2015/16: 5744 €
    Änderungen zum Vorjahr: -8 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 19.602

    Investitionen 2015/16: 75 Millionen Euro
    Vorjahr: 22 Millionen Euro

  • Handel, Dienstleistungen, Logistik

    Umsatz 2015/16: 11.886 €
    Änderungen zum Vorjahr: -11 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 19.754

    Investitionen 2015/16: 137 Millionen Euro
    Vorjahr: 115 Millionen Euro

  • Stahl Europa

    Umsatz 2015/16: 7633 €
    Änderungen zum Vorjahr: -12 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 27.559

    Investitionen 2015/16: 400 Millionen Euro
    Vorjahr: 458 Millionen Euro

  • Stahl Amerika

    Umsatz 2015/16: 1489 €
    Änderungen zum Vorjahr: -18 %

    Anzahl der Mitarbeiter 2016: 3847

    Investitionen 2015/16: 110 Millionen Euro
    Vorjahr: 86 Millionen Euro

Doch die Zeit drängt. Nach über einem Jahr Verhandlungen ist der in der tiefsten Krise der Konzerngeschichte Anfang 2011 als Sanierer angetretene Hiesinger dringend auf einen Durchbruch angewiesen. Zwar konnte der Manager bereits mit dem Verkauf von Stahlwerken in Amerika einen Schlussstrich unter die bislang wohl größte Fehlinvestition ziehen. Der „große strategische Wurf“ sei ihm aber noch nicht gelungen, bemängeln Kritiker.

Bereits heute spielt der Stahl nur eine Nebenrolle

Der Vorstand stehe unter großem Druck von Investoren und Anteilseignern, stellte Thyssenkrupp-Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Segerath fest. Der ehemalige Siemens-Manager Hiesinger könnte mit einer Abtrennung der Stahlsparte nicht nur dem angestrebten Wandel von Thyssenkrupp zum Technologiekonzern einen Schritt näher kommen. Der Betriebsrat wirft dem Manager auch vor, außerhalb der Bilanz „Schulden abkippen“ zu wollen. Bereits heute spielt der Stahl in dem Gesamtkonzern mit einem Umsatz von rund 39 Milliarden Euro im zurückliegenden Jahr 2015/16 (30.09.) nur noch eine Nebenrolle.

Entstehen würde durch eine solche Fusion das hinter dem Branchenprimus ArcelorMittal zweitgrößte Stahlunternehmen in Europa, gemessen an der Produktion. Doch die ebenso zyklische wie krisenanfällige Branche leidet weltweit unter erheblichen Überkapazitäten. Hiesinger hatte in der Vergangenheit deshalb immer wieder die Notwendigkeit eine Konsolidierung betont.

Stahlfusionspläne von Thyssenkrupp IG Metall warnt vor Zerschlagung

Vor dem Hintergrund einer möglichen Stahlfusion zwischen Thyssenkrupp und dem indischen Konkurrenten Tata befürchten Arbeitnehmer eine Filetierung des Konzerns. Die IG Metall erwartet Tausende zur Demo am 22. September.

Das Logo von Thyssenkrupp Quelle: dpa

Doch ob angesichts enormer Überkapazitäten in China ausgerechnet ein Konsolidierungsbeitrag von Thyssenkrupp und Tata für Abhilfe sorgen könnte, erscheint fraglich. „Für eine weltweite Lösung sind die beiden zu klein“, meint etwa Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW).

Sollte es doch schon am Wochenende zu einer Abstimmung in dem Thyssenkrupp-Kontrollgremium kommen, hat der Betriebsrat eine geschlossene Ablehnung durch die Arbeitnehmervertreter angekündigt. Das wäre ein Novum in der Konzerngeschichte. Nur mit Zugeständnissen könnte Hiesinger dann versuchen, die Arbeitnehmervertreter schließlich doch noch auf seine Seite zu ziehen.

Alte Sünden, neue Probleme bei Thyssenkrupp

  • Bestechungs- und Kartellfälle

    In den vergangenen Jahren war der Essener Industriekonzern Thyssenkrupp in eine Vielzahl von Bestechungs- und Kartellfällen verwickelt.

  • Jahrelange Schmiergeldzahlungen beim Verkauf von U-Booten

    Etliche Offsore-Gesellschaften nutzte die Thyssenkrupp-Tochter Marine Force International (MFI), um Gelder zu dubiosen Beratern zu lotsen, die wiederum Aufträge mit U-Booten in Ländern wie der Türke, Griechenland und Indonesien sicherten.

  • Das Schienenkartell

    Über Jahre hatten sich Mitarbeiter des Thyssenkrupp-Konzerns mit anderen Unternehmen bei Preisen und Mengen abgesprochen. Der Essener Konzern musste ein Bußgeld in Höhe von 200 Millionen Euro zahlen.

  • Neuer Bestechungsvorwurf bei Waffengeschäften in der Türkei

    Bei einem Waffengeschäft in der Türkei sollen Manager des Bremer Rüstungsunternehmens Atlas Elektronik, ein Gemeinschaftsunternehmen von Thyssenkrupp und Airbus, türkische Amtsträger bestochen haben. Vor diesem Hintergrund fand sogar eine Razzia in der Essener Zentrale von Thyssenkrupp im Sommer diesen Jahres statt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Manager von Thyssenkrupp und Airbus, weil sie die Zahlung von Bestechungsgeldern nicht verhindert haben sollen.

Das könnte auch dringend notwendig werden - denn die Stimmen aller Vertreter der Kapitalseite sind ihm keinesfalls sicher. Als Wackelkandidat gilt etwa der schwedische Großaktionär Cevian, der Gerüchten zufolge bereits mit einer Zerschlagung des Gesamtkonzerns liebäugeln könnte.

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