Krisengewinnler: Griechen stürzen sich auf deutsche Reedereien

Krisengewinnler: Griechen stürzen sich auf deutsche Reedereien

von Mark Fehr und Christian Schlesiger

Griechen nutzen den Rückzug deutscher Banken aus der Schiffsfinanzierung und kaufen sich günstig ein. Chinesen dagegen springen mit Krediten bei, um heimische Werften zu stützen.

Eine Krise hat immer auch Gewinner. Während viele deutsche Reeder SOS funken, gibt es durchaus Akteure in der Branche, die sich darüber freuen. Ausgerechnet Reeder aus dem Euro-Krisenland Griechenland profitieren am meisten von den Problemen, die gefallene Frachtraten und Überkapazitäten den Schiffseignern in Deutschland und anderswo bereiten. Niemand auf der Welt erwarb in diesem Jahr günstig so viele Tanker und Containerkähne wie die Reeder von der Ägäis. Die Griechen gaben 1,6 Milliarden Dollar für gebrauchte Frachter aus und rangieren damit mit weitem Abstand vor dem Exportweltmeister China.

Zwar werden Reeder aus Hellas vom fast bankrotten Staat kräftig mit Steuerprivilegien gefüttert. Doch das erklärt nicht, weshalb sie jetzt zu Krisengewinnlern werden.

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„Traditionelle griechische Reeder investieren im Vergleich zu Konkurrenten etwa aus Deutschland antizyklisch“, sagt Andreas Schultheis, Leiter der Schifffahrtsabteilung bei der Hamburger Berenberg Bank. Die Griechen hätten sich während des Schifffahrtsbooms der Jahre 2003 bis 2007 zurückgehalten, während andere Reedereien zu überhöhten Preisen immer neue Frachter bestellten. Jetzt nutzen die Hellenen ihre Ersparnisse, um angesichts des rapiden Preisverfalls günstig einzusteigen.

In finanzieller Schieflage

Damit ist klar: Der kürzlich angekündigte Rückzug der Commerzbank aus der Schiffsfinanzierung machte die Krise der hiesigen Reeder allenfalls öffentlich, ausgelöst hat Vorstandschef Martin Blessing sie aber nicht. „Mehr als zwei Drittel der deutschen Handelsflotte befinden sich schon seit den vergangenen zwei Jahren in finanzieller Schieflage“, sagt der Schifffahrtsexperte Jürgen Dobert aus Wentorf bei Hamburg. Rund 2500 der aktuell über die Weltmeere tuckernden Frachter seien von deutschen Fonds und Banken finanziert, wobei mehr als 800 von ihnen am Rande der Insolvenz schipperten.

Kein Wunder, dass die Notlage nun von denjenigen ausgenutzt wird, die ihre Flotten nicht so stark wie die deutschen Reeder aufstockten. So stehen griechische, aber auch chinesische Interessenten zurzeit Schlange bei deutschen Schiffsmaklern. „Die beobachten den deutschen Markt gerade sehr genau“, sagt einer, der anonym bleiben möchte und zu dessen Top-Kunden etwa die Reederei Costamare mit Sitz in Athen gehört. Interessiert seien die Griechen vor allem an modernen Containerschiffen im Alter von 7 bis 17 Jahren. Auch die Athener Reederei Technomar Shipping gehört zu den Käufern von Secondhand-Schiffen. Technomar erwarb bereits 2010 zehn Containerschiffe von der deutschen Reederei Claus-Peter Offen im Wert von mehr als 100 Millionen Euro.

Schiffskredite deutscher Banken

  • HSH Nordbank

    2010: 47,3 Mrd. Dollar
    2011: 38,0 Mrd. Dollar Inkl. Abbaubank
    Quelle der Kurztext-Daten: "Marine Money"

  • Commerzbank

    2010: 29,9 Mrd. Dollar
    2011: 27,7 Mrd. Dollar
    Commerzbank über die Deutsche Schiffsbank

  • KfW IPEX-Bank

    2010: 17,9 Mrd. Dollar
    2011: 18,6 Mrd. Dollar

  • NordLB

    2010: 17,6 Mrd. Dollar
    2011: 15,0 Mrd. Dollar

  • DVB Bank

    2010: 13,7 Mrd. Dollar
    2011: 14,6 Mrd. Dollar

  • Deutsche Bank

    2010: 9,4 Mrd. Dollar
    2011: 8,6 Mrd. Dollar

Zu viele Frachter bestellt

Was Hellenen und Chinesen freut, erweist sich für die deutschen Reeder als kaum noch lösbares Problem: der rapide Wertverfall der Schiffe. Die risikoscheu gewordenen Banken genehmigen Kredite nur noch zu immer geringeren Anteilen am Beleihungswert. Die Quoten sind auf bis zu 50 Prozent des Preises gesunken, der sich beim Verkauf des Schiffes erzielen ließe. Da vor allem deutsche Reeder in den Boomjahren zu viele Frachter bestellt haben, sind die Marktpreise nach dem Einbruch des Welthandels durch die Finanzkrise 2008 stark gesunken. Trotz des Comebacks der globalen Konjunktur und des deutschen Exportwunders haben sich die Schiffspreise nicht wesentlich erholt.

Besonders krass wirkt sich das auf neue Containerschiffe oder Tanker aus. Diese verlieren schon während des Baus einen großen Teil ihres Wertes. „Die Marktwerte für neu ausgelieferte Frachter liegen derzeit je nach Schiffsklasse 20 bis 30 Prozent unterhalb der Baukosten“, sagt der Schiffsschätzer Bernd Holst vom Hamburger Sachverständigenunternehmen Weselmann. Holst erstellt im Auftrag von Banken Wertgutachten für Frachtschiffe.

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