MAN-Tochter: Ferrostaal wechselt den Eigentümer

MAN-Tochter: Ferrostaal wechselt den Eigentümer

, aktualisiert 28. November 2011, 07:47 Uhr
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Für Ferrostaal beginnt eine neue Zeitrechnung.

von Martin Murphy und Markus FasseQuelle:Handelsblatt Online

Nach zähem Ringen verkaufen MAN und IPIC den skandalgeschüttelten Anlagenbauer an die Beteiligungsfirma MPC. Frei von Altlasten, soll der Industriedienstleister zu alter Größe aufsteigen.

EssenDas Essener Unternehmen Ferrostaal hat einen neuen Eigentümer: Die Hamburger Beteiligungsgesellschaft MPC übernimmt sämtliche Anteile vom Lastwagenhersteller MAN und dem arabischen Staatsfonds IPIC. Das sagte MPC-Chef Axel Schroeder dem Handelsblatt. Die finalen Unterschriften sollen am heutigen Montag erfolgen.

Zugleich einigten sich alle Parteien - inklusive der Staatsanwaltschaft - über einen Abschluss in der Schmiergeldaffäre. Mit einem Bußgeld von 149 Millionen Euro soll ein Verfahren der Staatsanwaltschaft München gegen Ferrostaal beendet werden. Damit ist der Weg für einen Neuanfang des traditionsreichen Dienstleistungskonzerns frei. Ferrostaal soll den Ermittlern zufolge jahrelang beim Verkauf von U-Booten an Griechenland und Portugal Beamte bestochen haben.

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"Wir haben immer gesagt, Ferrostaal passt zu uns. Wenn es eine Chance gibt, greifen wir zu", sagte Axel Schroeder, geschäftsführender Gesellschafter der MPC, dem Handelsblatt. Diese Chance ergab sich nun, weil weder MAN noch IPIC die Ferrostaal AG wollten - oder in der Lage waren, sie zu führen.
Der Kaufpreis liege bei bis zu 160 Millionen Euro, sagte Schroeder. Dieser umfasse neben einem festen einen variablen Anteil.

Erworben wird Ferrostaal über das Vehikel MPC Industries, an dem ein strategischer Investor aus der Golfregion eine Minderheitsbeteiligung hält. Den Namen des Partners nannte Schroeder nicht.

Das vor allem auf Schiffsbeteiligungen und Immobilien spezialisierte Emissionshaus aus Hamburg will mit Ferrostaal die Entwicklung größerer Energieprojekte in Angriff nehmen. Die Geschäftsfelder von MPC könnten so besser ausbalanciert werden, sagte Schroeder. MPC hatte wegen der Schifffahrtskrise massive Verluste eingefahren.


Für MAN geht lange Leidenszeit zu Ende


Der Ferrostaal-Verkauf markiert eine überraschende Wende in dem wohl größten Streit zwischen der deutschen Industrie und Geldgebern aus Arabien. MAN und IPIC hatten sich tief zerstritten, da sich die Araber über das Ausmaß der Schmiergeldvorwürfe gegen Ferrostaal getäuscht sahen. Der Konflikt hatte weitreichende Folgen für die deutsche Wirtschaft. So verzögerte sich die Übernahme des Ferrostaal-Minderheitsgesellschafters MAN durch Volkswagen - sehr zum Ärger von VW-Patriarch Ferdinand Piëch.

Für Ferrostaal geht mit dem Verkauf an die Hanseaten eine lange Leidenszeit zu Ende. Anfang 2009 hatte MAN seine Tochter zu 70 Prozent an IPIC verkauft, weitere 30 Prozent sollten folgen. Doch als kurz nach dem Deal die Staatsanwaltschaft München Ferrostaal verdächtigte, Rüstungsgeschäfte mit Schmiergeldzahlungen angeschoben zu haben, klagte IPIC auf Rückabwicklung. Monatelang durchpflügten Ermittler und Anwälte Büros der Essener Konzernzentrale, zuletzt stoppten Banken die Kreditlinien.

Die arabischen Mehrheitseigner fühlten sich von MAN über den Tisch gezogen. Mehrere Anläufe für eine gütliche Einigung scheiterten, obwohl MAN im Februar bereit war, dafür eine halbe Milliarde Euro auf den Tisch zu legen. Der Streit mündete in einer Geschäftsflaute. Kunden und Partner kappten die Bindung zu Ferrostaal, der Auftragseingang brach ein. Weiten Teilen der Firma drohte die Schließung.

Unter dem Druck von MAN-Aufsichtsratschef Piëch und der Vermittlung von MPC liefen neue Verhandlungen im Sommer an. Ende Oktober reiste eine hochrangige Delegation von VW und MAN nach Paris. Im plüschigen Hotel "Plaza Athénée" sprachen sie mit IPIC-Chef Khadem Al-Qubaisi. Das Eis brach, der Weg für ein gesichtswahrendes Auseinandergehen war für den Mehrheitseigner aus Abu Dhabi gewährleistet.

Schroeder war über die Entwicklung bei Ferrostaal bestens im Bilde. Die Hamburger betreiben mit der Firma einen gemeinsamen Stahlhandel. Vor drei Jahren hatte er schon einmal für Ferrostaal geboten, die Araber bekamen aber den Zuschlag. Abwerben konnte Schroeder immerhin Vorstandsmitglied Klaus Lesker. Gegen diesen ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft München - wie auch gegen den ehemaligen Ferrostaal-Chef Matthias Mitscherlich. Beide bestreiten die Vorwürfe.

Ferrostaal steht nun vor einem Neuanfang - vor einem, der auf dem alten Fundament aufsetzt. Statt einige Geschäftsbereiche zu schließen, so wie es das alte Management unter Jan Secher vorhatte, will MPC nun Ruhe in das Unternehmen bringen. Am Geschäftsmodell soll es keine Veränderungen geben, wie er betont. "Wir haben derzeit keine Pläne für einen Umbau." Auch ein Sparprogramm oder die Verlegung der Essener Zentrale sei nicht geplant.


Sparprogramm ist nicht geplant

Die Einbußen in der IPIC-Ära will MPC zügig glätten. "Ferrostaal hat einige Baustellen, aber der Wert ist unverändert da. Ich bin mir sicher, dass wir das Verlorene aufholen werden können", sagt Schroeder. Dies werde einige Zeit in Anspruch nehmen. "Meine Erfahrung zeigt, dass man ein Unternehmen, das in Schwierigkeiten steckt, wieder zum Erfolg führen kann, wenn wie bei Ferrostaal die DNA intakt ist."

Ferrostaal gliedert sich in drei Sparten. Vor den Bereichen Automotive und Maschinenhandel ist die Sparte "Projekt" der größte Ergebnistreiber. Dort baut Ferrostaal etwa Chemiefabriken oder Anlagen für die Ölindustrie. Ebendieser Bereich aber hatte unter der IPIC-Führung gelitten. "Die Belebung des Projektgeschäfts braucht Zeit. Damit werden wir uns intensiver beschäftigen müssen", sagte Schroeder. Wie schnell Ferrostaal wieder auf die Beine kommt, ist offen.

MPC will ab sofort mit einem eigenen Team in das Management in Essen eingreifen. Was mit Vorstandschef Secher geschieht, der bis vergangene Woche nicht in die Pläne eingeweiht war, lässt Schroeder offen. Beobachter rechnen mit einem baldigen Abschied des Schweden.

Operativ dürfte Ferrostaal erst langsam wieder in Gang kommen. Während die Autozulieferung und der Maschinenhandel bislang unverändert gut laufen, gibt es im Kerngeschäft Anlagenbau seit Monaten keine neuen Aufträge - auch weil die Finanzierung fehlt. Diese will MPC als Erstes wieder in Gang bringen. "Unsere Kontakte in die Finanzwirtschaft sind gut, wir können auch größere Summen stemmen", sagte Schroeder.

Die skandalträchtigen Rüstungsgeschäfte sollen hingegen auslaufen. Die Bestechungsvorwürfe seien nun vom Tisch, sagte Schroeder. Reingewaschen vom Schmiergeldverdacht, will MPC das Traditionsunternehmen wieder zum Aushängeschild der deutschen Wirtschaft machen. Außerhalb Deutschlands habe Ferrostaal noch immer einen sehr guten Namen, sagte der Finanzmanager.

In alte Verhaltensmuster soll Ferrostaal indes nicht zurückfallen. Einen neuen Korruptionssumpf will MPC nicht riskieren. "Ferrostaal hat inzwischen die gleichen hohen Compliance-Standards wie wir bei MPC", sagte Schroeder. Diese Strukturen seien ein Wettbewerbsvorteil.

Quelle:  Handelsblatt Online
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