Manuel Theisen: "Panische Angst vor Haftungsrisiken"

ThemaThyssenkrupp

InterviewManuel Theisen: "Panische Angst vor Haftungsrisiken"

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Manuel Theisen ist beurlaubter Professor für BWL an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

von Cornelius Welp

Der Experte für Unternehmensführung Manuel Theisen meint, dass deutsche Aufsichtsräte ihre Aufgabe oft unterschätzen und sich überfordern.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Theisen, wie autoritär muss ein Aufsichtsratschef heute sein?
Manuel Theisen: Der starke Vorsitzende, der alles weiß und die anderen Kontrolleure zu Statisten degradiert, ist in Deutschland verbreitet, aber ein Auslaufmodell. Er kann das Unternehmen noch so gut kennen, mit der Fülle an Aufgaben ist er zwangsläufig überfordert. Er muss deshalb delegieren können und die richtigen Leute ins Gremium holen. Nur weil alle Experten sind, funktionieren sie noch nicht zusammen. So banal es klingt: Soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit werden zwangsläufig wichtiger.

Schauen nette Teamplayer dem Vorstand denn genug auf die Finger?
Da gibt es keinen automatischen Zusammenhang. Deutsche Aufsichtsräte sind kritischer geworden und haken nicht alles kommentarlos ab. Einige haben geradezu panische Angst vor Haftungsrisiken und sind deshalb fast übervorsichtig. Sie sollten eigentlich Sparringspartner des Vorstands sein und das Unternehmen gemeinsam mit ihm voranbringen. Stattdessen scheuen sie das Risiko.

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Mit wie vielen Mandaten ist ein Aufsichtsrat überfordert?
Es gibt keine feste Grenze. Für manche ist eins zu viel, andere bewältigen eine ganze Reihe gut. An sich spricht nichts gegen mehrere Mandate, im Gegenteil. Gefragt ist in dem Gremium vor allem Erfahrung, und da ist es hilfreich, wenn ein Aufsichtsrat aktuelle Vergleichsmöglichkeiten anderer Unternehmen hat.

Ranking der DAX-Aufsichtsräte

  • Argusauge Achleitner

    Wie Dax-Aufsichtsräte arbeiten, was sie verdienen und wie sich der Börsenwert unter ihrer Ägide 2013 entwickelt hat.

  • Deutsche Bank

    Vorsitzender: Paul Achleitner

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 193.125 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 79,2 Punkte

    Eignung: 91,7 Punkte

    Vielfalt: 100 Punkte

    Transparenz: 73,7 Punkte

    Gesamtpunkte: 82,5 Punkte

    Börsenentwicklung: +5,2 Prozent

  • Allianz

    Vorsitzender: Helmut Perlet

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 174.058 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 72,2 Punkte

    Eignung: 83,3 Punkte

    Vielfalt: 100 Punkte

    Transparenz: 78,9 Punkte

    Gesamtpunkte: 80,1 Punkte

    Börsenentwicklung: +24,4 Prozent

  • Deutsche Börse

    Vorsitzender: Joachim Faber

    Mitglieder: 18

    Durchschnittliche Vergütung: 120.556 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 83,3 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 65,8 Punkte

    Gesamtpunkte: 73,1 Punkte

    Börsenentwicklung: +30,3 Prozent

  • Munich Re

    Vorsitzender: Bernd Pischetsrieder

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 116.027 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 69,4 Punkte

    Eignung: 66,7 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 78,9 Punkte

    Gesamtpunkte: 72,7 Punkte

    Börsenentwicklung: +17,8 Prozent

  • SAP

    Vorsitzender: Hasso Plattner

    Mitglieder: 16

    Durchschnittliche Vergütung: 185.363 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 90,3 Punkte

    Eignung: 83,3 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 52,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 71,9 Punkte

    Börsenentwicklung: +2,7 Prozent

  • Adidas

    Vorsitzender: Igor Landau

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 76.667 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 65,3 Punkte

    Eignung: 91,7 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 65,8 Punkte

    Gesamtpunkte: 70,8 Punkte

    Börsenentwicklung: +37,6 Prozent

  • ThyssenKrupp

    Vorsitzender: Ulrich Lehner

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 77.500 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 71,5 Punkte

    Eignung: 50,0 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 68,4 Punkte

    Gesamtpunkte: 64,1 Punkte

    Börsenentwicklung: -0,4 Prozent

  • Commerzbank

    Vorsitzender: Klaus-Peter Müller

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 84.300 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 70,8 Punkte

    Eignung: 50,0 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 68,4 Punkte

    Gesamtpunkte: 63,9 Punkte

    Börsenentwicklung: +9,2 Prozent

  • Deutsche Post

    Vorsitzender: Wulf von Schimmelmann

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 70.842 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 77,8 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 42,1 Punkte

    Gesamtpunkte: 63,7 Punkte

    Börsenentwicklung: +59,6 Prozent

  • Daimler

    Vorsitzender: Manfred Bischoff

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 150.000 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 65,3 Punkte

    Eignung: 33,3 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 65,8 Punkte

    Gesamtpunkte: 62,1 Punkte

    Börsenentwicklung: +52,2 Prozent

  • Siemens

    Vorsitzender: Gerhard Cromme

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 221.046 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 71,5 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 55,3 Punkte

    Gesamtpunkte: 61,4 Punkte

    Börsenentwicklung: +24,7 Prozent

  • Deutsche Telekom

    Vorsitzender: Ulrich Lehner

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 129.833 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 81,3 Punkte

    Eignung: 33,3 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 39,5 Punkte

    Gesamtpunkte: 60,6 Punkte

    Börsenentwicklung: +44,6 Prozent

  • Beiersdorf

    Vorsitzender: Reinhard Pöllath

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 110.958 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 81,3 Punkte

    Eignung: 41,7 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 28,9 Punkte

    Gesamtpunkte: 58,7 Punkte

    Börsenentwicklung: +19,0 Prozent

  • E.On

    Vorsitzender: Werner Wenning

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 264.445 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 68,1 Punkte

    Eignung: 50,0 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 42,1 Punkte

    Gesamtpunkte: 58,6 Punkte

    Börsenentwicklung: –4,8 Prozent

  • Infineon

    Vorsitzender: Wolfgang Mayrhuber

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 88.292 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 74,3 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 42,1 Punkte

    Gesamtpunkte: 58,6 Punkte

    Börsenentwicklung: +26,6 Prozent

  • K+S

    Vorsitzender: Ralf Bethke

    Mitglieder: 16

    Durchschnittliche Vergütung: 127.609 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 52,8 Punkte

    Eignung: 33,3 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 76,3 Punkte

    Gesamtpunkte: 56,5 Punkte

    Börsenentwicklung: –36,1 Prozent

  • BMW

    Vorsitzender: Joachim Milberg

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 227.887 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 62,5 Punkte

    Eignung: 50,0 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 52,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 55,8 Punkte

    Börsenentwicklung: +16,9 Prozent

  • RWE

    Vorsitzender: Manfred Schneider

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 123.300 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 55,6 Punkte

    Eignung: 50,0 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 57,9 Punkte

    Gesamtpunkte: 54,6 Punkte

    Börsenentwicklung: –14,8 Prozent

  • Bayer

    Vorsitzender: Werner Wenning

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 171.000 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 55,6 Punkte

    Eignung: 41,7 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 52,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 51,8 Punkte

    Börsenentwicklung: +41,8 Prozent

  • Lanxess

    Vorsitzender: Rolf Stomberg

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 156.207 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 48,6 Punkte

    Eignung: 66,7 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 44,7 Punkte

    Gesamtpunkte: 50,4 Punkte

    Börsenentwicklung: –26,9 Prozent

  • Volkswagen

    Vorsitzender: Ferdinand Piëch

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 488.727 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 48,6 Punkte

    Eignung: 41,7 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 36,8 Punkte

    Gesamtpunkte: 48,0 Punkte

    Börsenentwicklung: +18,6 Prozent

  • BASF

    Vorsitzender: Eggert Voscherau

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 249.375 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 45,1 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 75 Punkte

    Transparenz: 31,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 47,5 Punkte

    Börsenentwicklung: +8,9 Prozent

  • Linde

    Vorsitzender: Manfred Schneider

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 189.498 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 47,9 Punkte

    Eignung: 58,3 Punkte

    Vielfalt: 25 Punkte

    Transparenz: 52,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 47,5 Punkte

    Börsenentwicklung: +15,2 Prozent

  • Deutsche Lufthansa

    Vorsitzender: Wolfgang Mayrhuber

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 107.807 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 45,8 Punkte

    Eignung: 25,0 Punkte

    Vielfalt: 100 Punkte

    Transparenz: 34,2 Punkte

    Gesamtpunkte: 47,3 Punkte

    Börsenentwicklung: +8,3 Prozent

  • Continental

    Vorsitzender: Wolfgang Reitzle

    Mitglieder: 20

    Durchschnittliche Vergütung: 183.550 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 43,1 Punkte

    Eignung: 66,7 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 31,6 Punkte

    Gesamtpunkte: 44,2 Punkte

    Börsenentwicklung: +82,0 Prozent

  • HeidelbergCement

    Vorsitzender: Fritz-Jürgen Heckmann

    Mitglieder: 12

    Durchschnittliche Vergütung: 67.542 Euro pro Kopf

    Arbeitsweise: 44,4 Punkte

    Eignung: 41,7 Punkte

    Vielfalt: 50 Punkte

    Transparenz: 36,8 Punkte

    Gesamtpunkte: 42,6 Punkte

    Börsenentwicklung: +20,3 Prozent

  • Quelle

    Quelle: Peter Ruhwedel, Hochschule für Oekonomie und Management, Geschäftsjahr 2013 bzw. 2012/13. Bei der Gesamtbeurteilung (maximal 100 Punkte) wurde die Arbeitsweise mit 40 Prozent, die Transparenz mit 30 Prozent sowie Eignung und Vielfalt mit jeweils 15 Prozent berücksichtigt. Fresenius Medical Care, Fresenius SE, Henkel und Merck wurden aufgrund abweichender Rechtsform nicht beurteilt

Die Arbeit wird aber immer komplexer.
Das liegt vor allem an der zunehmenden Regulierung und an den schärferen Leitlinien zur guten Unternehmensführung. Kartellrecht etwa war vor ein paar Jahren noch gar kein Thema im Aufsichtsrat. Heute müssen Unternehmen und ihre Kontrolleure höllisch aufpassen, dass es da keine Konflikte gibt. Ein immer größerer Teil der Aufsichtsarbeit besteht leider darin, Checklisten abzuhaken, die bestätigen, dass alles korrekt läuft.

Ist das den Aufsichtsräten bewusst?
Gerade hochdekorierte Manager überschätzen sich und hinterfragen die eigene Kompetenz und Leistungsfähigkeit zu wenig. Viele Mandate schmeicheln schließlich auch der eigenen Eitelkeit. Wenn es gut läuft, mag der Aufwand überschaubar sein, in Krisen aber kann ein Posten in einem einzigen Kontrollgremium fast ein Vollzeitjob sein.

weitere Artikel

Wie reagieren die Unternehmen?
Die Auswahl der Kontrolleure hat sich professionalisiert. Prominenz reicht als Qualifikation nicht mehr. Es müsste aber echte Bewerbungsgespräche geben, die klären, ob Kandidaten wirklich genug Zeit haben und technisch so ausgestattet sind, dass sie jederzeit auf wichtige Unterlagen zugreifen können.

Gibt es überhaupt genug Kandidaten, die ausreichend qualifiziert sind?
Immer weniger. Seit 2009 muss in jedem Aufsichtsrat ein Finanzexperte vertreten sein, da wird das Angebot schon knapp. Der Mangel wird sich mit weiter steigenden Anforderungen verschärfen.

Manuel Theisen ist Herausgeber der Fachzeitschrift "Der Aufsichtsrat"

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