Medizinbranche: Doktor Digital

, aktualisiert 22. Juli 2016, 12:36 Uhr
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Ein Arzt benutzt ein Tablet-PC mit verschiedenen Apps: Neue Technologien in der Medizin kommen vor allem Patienten zugute.

von Maike TelghederQuelle:Handelsblatt Online

Neue Technologien revolutionieren die Medizin – und eröffnen Patienten, Ärzten, Kliniken und Unternehmen neue Möglichkeiten. Der digitale Gesundheitsmarkt soll sich bis 2020 weltweit mehr als verdoppeln.

FrankfurtMenschen überwachen ihr Wohlbefinden per Smartphone, digitale Krankenakten vereinfachen den Klinikalltag, Roboter helfen im Operationssaal. Die neuen technologischen Möglichkeiten in der Gesundheitsversorgung verändern nicht nur das Leben von Menschen, sondern auch das Arbeiten von Ärzten, Kliniken und Unternehmen. „Jedes Produkt wird irgendwie vernetzt sein“, zeichnet Philips-Chef Frans van Houten sein Bild von der Zukunft der Gesundheitsversorgung. „Die Digitalisierung eröffnet uns unendlich viele Möglichkeiten.“

Das Potenzial ist riesig: Nach Prognosen der Unternehmensberatung Arthur D. Little soll sich der digitale Gesundheitsmarkt bis 2020 weltweit auf 233 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Die Experten sind davon überzeugt, dass in der Ära von Big Data drahtlosen Übertragungssystemen, Patientenüberwachung und elektronischen Gesundheitsakten die Zukunft gehört. (Hier geht's zum Handelsblatt Special)

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Und so entfernt ist diese Zukunft nicht mehr. Schon heute tüfteln Industrieunternehmen wie Bosch Sensortec oder der US-Elektronikkonzern Jabil daran, künftig T-Shirts und Hosen mit Sensoren zu bestücken, die etwa den Herzschlag oder andere Vitaldaten analysieren. Van Houten kann sich sogar vorstellen, das solche Sensoren irgendwann die Blutwerte messen. Die Medizintechnikfirma Medtronic entwickelt zusammen mit IBM Überwachungssysteme für Diabetiker, die drohende Unterzuckerungen Stunden vorher ankündigen. Und Philips wiederum hat auch ein Frühwarnsystem für Herzinfarktpatienten im Einsatz.

Krankheiten viel früher erkennen und deutlich besser behandeln zu können, das sind die großen Hoffnungen, die mit der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung verbunden sind. Nicht zuletzt wegen der guten Marktaussichten hat der einstige Mischkonzern Philips beschlossen, sich auf das Thema Gesundheit zu konzentrieren, und kürzlich auch seine Lichtsparte abgespalten.

Aber auch viele andere Firmen positionieren sich. Die großen Technologiekonzerne wie Apple, Google und IBM melden Ansprüche in der digitalen Medizin an. Auch die Pharmahersteller arbeiten an innovativen Projekten und suchen sich wiederum Tech-Partnern: Novartis erforscht mit Microsoft Bewegungsabläufe bei Multiple-Sklerose-Patienten, Roche und SAP überwachen gemeinsam Diabetes-Erkrankte. Sanofi hat sich auf diesem Feld mit Google verbündet, Bayer sucht ebenfalls die Zusammenarbeit.
Neun der 20 größten Pharmakonzerne haben in den vergangenen zwei Jahren solche Projekte angestoßen, zeigt eine Auswertung des Marktforschers IMS Health. Das Spektrum der Aktivitäten ist breit: „Handlungsfelder sind vor allem Forschung und

Entwicklung, Robotik oder die Verbesserung der mobilen Gesundheitsversorgung auf Basis von Smartphones mit Überwachungsfunktionen“, sagt Frank Wartenberg, verantwortlich für Zentraleuropa bei IMS Health. Wie breit die Aktivitäten mittlerweile sind, zeigt ein Blick in die App-Stores von Apple, Google und Co. Den gesamten Markt für Gesundheitsprogramme für Smartphones beziffert der Berliner Marktforscher Research2Guidance auf 165.000. Die Analyse stammt vom November 2015. Mittlerweile dürften es deutlich mehr sein.

Denn wie eine exklusive Auswertung des Berliner IT-Service- und Beratungsunternehmen Nova Motum für das Handelsblatt zeigt: Es gibt jeden Monat allein im deutschen Apple-Store rund 1 800 neue Gesundheits- und Fitness-Programme für das Smartphone. Schnarchtest, Periodentracker, Hörtest, Pillenerinnerung, Erste-Hilfe-Kurs — die Liste ist lang, unglaublich lang: Anfang Juli dieses Jahres zählte Nova Motum in Summe bereits knapp 95.000 Apps. Rund 70.000 gehören dabei zur Kategorie Fitness, knapp 40.000 zur Kategorie Medizin, 15.000 sind in beiden Kategorien vertreten.

Fülle an Gesundheitsapps

„Wer im App-Store etwas sucht, hat die Qual der Wahl“, sagt Nova-Motum-Chef Volker Kohl. „Tinnitus-Apps gibt es bereits knapp 200 im Apple-Store. Und mit der Volkskrankheit Diabetes beschäftigen sich insgesamt sogar 1.800 Apps, 360 davon sind medizinische.“ Und das sind nur die iOS-Applikationen. Im Google-Play-Store dürfte es etwa noch einmal so viele Angebote geben.

Der Verbraucher kann sich angesichts der Angebotsfülle nur schlecht orientieren. Es gibt zwar Hitlisten und Suchfunktionen, „aber die sind nicht unbedingt treffsicher“, sagt Karsten Knöppler, Berater und Autor einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung, in der er die digitalen Gesundheitsangebote untersucht hat. „Die große Frage, wie ein Patient die für ihn richtige App findet, ist bisher überhaupt noch nicht beantwortet“, sagt auch Sebastian Gaede, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Smartpatient, das die Medikamentenapp MyTherapy entwickelt hat. Er sieht auch die Ärzte in der Pflicht: „Es wäre gut, wenn die Ärzte hier die Meinungsführerschaft übernehmen. Es kann für sie ja auch eine Chance sein, mit den digitalen Möglichkeiten ihre Aufgaben anders, aber möglicherweise bei gleichem Zeiteinsatz besser zu erfüllen.“

Übrigens: Das Gros der Programme rund um das Thema Gesundheit richtet sich nicht etwa an kranke Menschen, sondern an gesunde, hat die Studie der Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. Das hat schlicht strukturelle Gründe. „Die Gesundheitsapps sind hauptsächlich für Selbstzahler zugeschnitten,“ erklärt Autor Knöppler. Das Geschäftsmodell ist schlicht einfacher. „Wer von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden will, muss unter anderem Wirksamkeit und Effizienz der Angebote in Studien belegen können und benötigt in vielen Fällen eine Medizinproduktezulassung.“ Ein Procedere, das viele Entwickler scheuten, weil es den Aufwand bis zur Markteinführung der Apps in der Regel verdoppele.

Bisher gibt es nur wenige echte Medizinprodukte als Apps: Caterna, die Sehschule für Kinder mit der Sehschwäche Amblyopie, gehört etwa dazu, ebenso die Tinnitus-Musiktherapie Tinnitracks oder das „Help ID“-Onlineprogramm von Novego zur Selbsthilfe bei depressiven Symptomen.
Das zeigt: Trotz aller Aufbruchstimmung – im Markt für digitale Gesundheit sind noch viele Hürden zu überwinden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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