Milliardenangebot für Alstoms Gas-Sparte: Joe Kaeser macht Ernst

ThemaSiemens

Milliardenangebot für Alstoms Gas-Sparte: Joe Kaeser macht Ernst

Bild vergrößern

Joe Kaeser hat ein Übernahmeangebot für die Alstom-Gassparte vorgelegt.

von Matthias Kamp

Nun ist es offiziell: Siemens will Alstom für knapp vier Milliarden Euro das Geschäft mit Gasturbinen abkaufen. Damit hat Siemens-Chef Joe Kaeser den Konkurrenten GE überrascht. Doch am Ziel ist er noch lange nicht.

Am Montagvormittag hat Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser sich in Paris noch einmal mit den Konzernspitzen von Mitsubishi zu letzten Gesprächen getroffen. Am Nachmittag dann ging es zu Alstom. Kaeser und die Kollegen aus Japan wollten dem Vorstand ihr gemeinsames Angebot für einen Einstieg bei dem angeschlagenen französischen Konzern präsentieren.

Was sich in den vergangenen Tagen abzeichnete, ist nun offiziell: Siemens will Alstom für knapp vier Milliarden Euro das Geschäft mit den Gasturbinen abkaufen. An den Alstom-Sparten Stromübertragung, Dampfturbinen und Wasserkraft soll sich Mitsubishi Heavy Industries (MHI) zu unterschiedlichen Anteilen beteiligen. Das Geschäft mit den Windturbinen soll komplett bei den Franzosen verbleiben.

Anzeige

Außerdem präsentiert Kaeser Alstom noch einen so genannten Letter of Intent. Demnach ist er bereit, nach Abschluss des Gas-Deals über eine Bündelung des Zuggeschäfts von Siemens und Alstom zu sprechen. Insgesamt, so der Plan, sollen im Zuge des Geschäfts rund sieben Milliarden Euro an den verschuldeten Alstom-Konzern fließen.

Kaesers Coup, die Japaner beim Übernahmepoker um Alstom mit ins Boot zu holen, war länger geplant. Schon kurz nachdem Ende April feststand, dass die Münchner ihren Hut in den Ring werfen würden, nahm Kaeser Gespräche mit der MHI-Spitze auf.

Man kannte sich, denn kurz zuvor hatten die beiden Unternehmen ein Joint Venture in der Metallverarbeitung beschlossen. „Die Teams konnten sich gleich wieder hinsetzen und den nächsten Deal vorbereiten“, heißt es bei Siemens.

Das Tauziehen um Alstom

  • April

    Am 24. April wird bekannt, dass GE Alstom kaufen will. Der Schritt gilt als Frontalangriff auf Siemens. Am nächsten Tag rufen die Übernahmegerüchte die französische Regierung auf den Plan. Sie will einen Verkauf in die USA mit allen Mitteln verhindern. Am 27. April greift Siemens in den Übernahmepoker ein. Man habe der Alstom-Führung „Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen zukünftiger Zusammenarbeit“ signalisiert. Am 28. April schaltet sich Frankreichs Präsident Hollande in das Tauziehen ein. Bei getrennten Treffen berät er mit den Chefs von Siemens und GE. Einen Tag später kündigt Siemens ein Angebot für Alstom an. Bedingung dafür: Siemens will die Alstom-Bücher vier Wochen lang prüfen und Managementinterviews führen. Am 30. April empfiehlt der Verwaltungsrat von Alstom den Aktionären eine bindende Offerte von GE. Dieser will für die Energietechnik-Sparte von Alstom 12,35 Milliarden Euro zahlen.

  • 7. bis 11. Mai

    Siemens-Chef Kaeser betont „ernsthaftes“ Interesse an Alstom. Zugleich sagt der Manager, er wolle mit dem Übernahmeplan auch die Handlungsfähigkeit der Siemens-Führung unter Beweis stellen. Einen Tag später lehnt Montebourg das GE-Angebot für Alstom öffentlich ab. Am 9. Mai berät Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit seinem Kollegen Montebourg über einen möglichen Alstom-Siemens-Deal. Am 11. Mai werden Medienberichte bekannt, laut denen Siemens Alstom neben der eigenen Bahnsparte auch das Geschäft mit Signaltechnik anbieten will.

  • 14. und 15. Mai

    Frankreichs Regierung sendet widersprüchliche Signale. Energieministerin Ségolène Royal bezeichnete das GE-Angebot in einem Interview als „sehr gute Gelegenheit“. Nach einem Treffen mit Kaeser teilt sie mit, das deutsche-französische Projekt komme gut voran. Einen Tag später erweitert Paris seine Eingriffsrechte bei internationalen Deals. Mittels Verordnung könne ohne die bei „nationalem Interesse“ nötige Zustimmung eine ungewünschte Alstom-Übernahme gekippt werden.

  • 18. Mai

    Der Siemens-Betriebsrat fordert für den Fall einer Alstom-Übernahme erneut den Erhalt der Arbeitsplätze in der Bahnsparte des Konzerns, die dann an die Franzosen gehen soll.

  • 20. Mai

    Nach Angaben der französischen Regierung hat Siemens um zusätzliche Informationen über das Unternehmen gebeten. Paris wertet dies als Hinweis auf ein bevorstehendes Übernahmeangebot.

  • 24. und 28. Mai

    Hollande lässt erneut ein Treffen mit GE-Chef Jeff Immelt anberaumen. Der Präsident hatte das GE-Angebot zuletzt als nicht ausreichend bezeichnet. Am 28. Mai bessert GE das eigene Angebot nochmals etwas nach.

  • 30. Mai

    Kaeser betont nochmals, dass Siemens keinen Zeitdruck verspüre und bis zum 16. Juni alle Optionen prüfen werde.

  • 11. Juni

    Überraschend geben Siemens und der japanische Konkurrent Mitsubishi Heavy Industries (MHI) bekannt, ein gemeinsames Angebot für Alstom zu prüfen.

  • 16. Juni

    Siemens und MHI legen ihr Angebot für Alstom vor. MHI will sich mit bis zu zehn Prozent an Alstom beteiligen und eine umfassende industrielle Allianz, aber keine Übernahme. Das Gasturbinen-Geschäft der Franzosen soll an Siemens gehen. Insgesamt beinhaltet die Offerte Barzahlungen von Siemens über 3,9 Milliarden Euro und von MHI über 3,1 Milliarden Euro.

Andere Option

Kurzzeitig hatte Kaeser aber auch eine andere Option erwogen, heißt es in Konzernkreisen: Zusammen mit einem Partner wollte er Alstom komplett übernehmen und hinterher die „Vermögenswerte sortieren“, wie es heißt. Doch für das Geschäft fand sich offenbar kein geeigneter Partner.

Von Anfang an hatte es der Siemens-Chef ausschließlich auf das lukrative Geschäft mit den Gasturbinen abgesehen. Damit erzielte Alstom zuletzt einen Umsatz von knapp 2,5 Milliarden Euro. Die Franzosen fertigen ihre Turbinen in der Schweiz, in den USA und in kleinerem Umfang in Mannheim. Installiert sind insgesamt 664 Alstom-Turbinen. Hier locken Kaeser die langfristigen Wartungsverträge.

Nur für das Alstom-Geschäft mit den Gasturbinen zu bieten, hätte im Wettstreit mit dem Angebot von GE allerdings keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Das wusste der ausgebuffte Stratege Kaeser und holte Mitsubishi ins Boot.

Für Siemens würde sich eine Übernahme des Gasturbinen-Geschäfts von Alstom perfekt in die Gesamtstrategie fügen. Der Konzern aus München will künftig vor allem in Energiegeschäft wachsen. Schwerpunkt sollen die USA sein. Dort läuft das Kraftwerksgeschäft noch. In Deutschland liegt es wegen der Energiewende dagegen am Boden.

Programm "Siemens 2020" in Schlagworten

  • Der "Elektrifizierungs-Konzern"

    Siemens will sich entlang der Wertschöpfungsketten von Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung aufstellen. Chef Kaeser hat hierfür mehrere Wachstumsfelder mit Potenzial definiert, so etwa die Märkte für kleine Gasturbinen sowie Offshore-Windanlagen, intelligente Stromnetze, Produkte und Dienste rund um das Thema Industrie 4.0 aber auch der Markt für die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas.

  • Schlanker und wieder näher am Kunden

    Das Sektorenkonzept wird zum Oktober komplett abgeschafft. Bisher hatten die Münchner ihr Geschäft in die Sektoren Healthcare, Energy, Industry und Infrastructure & Cities gegliedert. Künftig soll es, wie schon unter dem früheren CEO Heinrich v. Pierer, nur noch Geschäftseinheiten geben. Statt den bisher 16 Divisionen soll es nur noch 9 geben.

  • Healthcare-Geschäft wird eigenständig

    Das Healthcare-Geschäft wird in Zukunft eigenständig, also außerhalb der neun Divisionen geführt. Dies bedeutet, dass regionale Organisationsstrukturen
    den Anforderungen des Gesundheitsmarktes angepasst werden können und nicht der Matrix der Konzernorganisation entsprechen müssen.

  • Mitarbeiter stärker beteiligen

    Das Unternehmen will seine Aktienprogramme für Mitarbeiter unterhalb der Senior-Managementebene erweitern und die Anzahl der Mitarbeiter-Aktionäre um mindestens 50 Prozent auf deutlich über 200.000 steigern. Hierzu stellt Siemens jährlich erfolgsabhängig bis zu 400 Millionen Euro zur Verfügung.

  • Sparen

    Mit der Bündelung der Divisionen und der Auflösung der Sektoren sollen Bürokratie abgebaut, Kosten gesenkt und Entscheidungen innerhalb des Unternehmens beschleunigt werden. Zudem sollen Querschnittsfunktionen wie das Personalwesen und die Kommunikation gestrafft und zentral geführt werden. Insgesamt will Kaeser so bis 2016 eine Milliarde Euro einsparen.

Alstom erhalten

Eine Übernahme weiterer Alstom-Teile, auch darüber war man sich in München früh klar, würde eine sehr schwierige Integration bedeuten und Siemens zum jetzigen Zeitungen möglicherweise überfordern. Kaeser hat dem Münchner Technologiekonzern einen weitreichenden Umbauplan verordnet, bei dem sämtliche Geschäftsbereiche neu sortiert werden. Außerdem wäre es zu Überlappungen bei den Siemens- und Alstom-Aktivitäten gekommen, was die Kartellwächter auf den Plan gerufen hätte.

Mit der Allianz zwischen München und Tokio hat Siemens den Konkurrenten General Electric auf dem falschen Fuß erwischt. Denn das Angebot, so wie es jetzt vorliegt, würde Alstom – trotz aller Probleme immer noch ein Kronjuwel der französischen Industrie –  als Unternehmen erhalten. Und das will vor allem die Regierung in Paris. Die kann per Dekret jeden Deal zu Alstom unterbinden.

Diebische Freude

Kaeser freut sich denn auch diebisch über seinen Überraschungs-Coup, mit dem er die Amerikaner jetzt unter Zugzwang setzt. Noch in der Nacht auf Montag telefonierte sich das Übernahmeteam von GE zusammen, um über eine Nachbesserung seines Angebots für die Energiesparte von Alstom zu beraten. Bislang bieten die Amerikaner 12,3 Milliarden Euro. „Das Angebot ist für Siemens weniger komplex, fokussiert und mit deutlich geringeren Risiken verbunden.“, sagt Kaeser.

weitere Artikel

Doch durch ist die Sache trotz Kaesers trickreichem Schachzug noch nicht. Größter Gegner des Siemens-Chefs ist der Alstom-CEO Patrick Kron. Der will mit allen Mitteln verhindern, dass die Deutschen bei dem französischen Konzern zum Zuge kommen. Auch die intensive Lobbyarbeit der vergangenen Wochen hat daran nichts geändert. Kron bleibt hart.

Allerdings ist Kaeser mit seinem geschickten Manöver weit gekommen. Dass Siemens am Ende zum Zuge kommt, ist nicht ausgeschlossen, vor allem weil die Deutschen die Regierung auf ihrer Seite haben. Engster Verbündeter ist Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. "Unser Angebot ist finanziell und industriepolitisch attraktiver (als das des Wettbewerbs). Es erhält die Marke Alstom in wesentlichen Teilen und finanziell ist es in Summe etwa eine Milliarde Euro besser“, sagt Siemens-Chjef Kaeser. Am morgigen Dienstag muss Kaeser den Abgeordneten der französischen Nationalversammlung Rede und Antwort stehen – für den Niederbayer geht es in die nächste Runde.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%