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„Motor City“: Findige Firmen hauchen Detroit Leben ein

von Thomas Jahn Quelle: Handelsblatt Online

Am Rande der Auto-Show entdecken viele kleine Unternehmen trotz hoher Arbeitslosigkeit die Vorteile Detroits. Die Start-ups profitieren von billigen Mieten und qualifizierten Arbeitern.

„Detroit wird nie wieder so werden wie es einmal war“, sagt Unternehmensgründer Roye, „aber es tut sich wieder etwas“. Quelle: Reuters
„Detroit wird nie wieder so werden wie es einmal war“, sagt Unternehmensgründer Roye, „aber es tut sich wieder etwas“. Quelle: Reuters

DetroitFast sein ganzes Leben arbeitete Milton Roye in der Autoindustrie. Bei der GM-Tochter Delphi führte er die Vertriebsabteilung für Innendesign und Lichtsysteme, kümmerte sich um Kunden wie Toyota oder Johnson Controls. Doch viele seiner Initiativen wurden geblockt, frustriert kündigte Roye und gründete vor drei Jahren eine eigene Autofirma, Enrg Power Systems. Mit Hilfe einer patentierten Plasmatechnologie will er den Verbrauch von Benzinmotoren bis zu 21 Prozent senken.

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Bis hierhin ist die Geschichte von Roye nicht weiter erwähnenswert. Start-ups gibt es viele. Das Besondere: Der 55-Jährige baut seine Firma in Detroit auf. Man reibt sich die Augen: Warum ausgerechnet in der Stadt mit den Graffiti-beschmierten Hauswänden und verfallenen Fabrikhallen? Wo in den vergangen zehn Jahren ein Viertel der Bevölkerung abwanderte und fast jeder fünfte ohne Arbeit ist? Die Stadt, der im Mai das Geld ausgehen soll?

Aber viele der Probleme sieht Roye als Vorteil. Kaum mehr als einen Steinwurf vom GM-Konzernsitz entfernt bastelt der Amerikaner an seiner zweiten Karriere. Das Drei-Mann-Unternehmen wird von einem Aufbaufonds von Ford gefördert, in ein paar Jahren will Roye 50 bis 60 Mitarbeiter beschäftigen. „Wo sonst in Amerika als in Detroit kann ich so viele qualifizierte Angestellte finden, die sich in der Autobranche bestens auskennen“, sagt Roye.

Der Niedergang der US-Autoindustrie ist bekannt. Detroit litt als „Motor City“, GM und Chrysler mussten vor wenigen Jahren Konkurs anmelden, Ford schrammte haarscharf am gleichen Schicksal vorbei. Doch scheint das Schlimmste überstanden: Die Big Three sind wieder in Form. Zum ersten Mal seit 20 Jahren konnten sie 2011 ihren US-Marktanteil zusammengenommen wieder ausbauen.


„Wir haben viel zu bieten, gerade für deutsche Firmen

Aber nicht nur in der Autoindustrie gibt es Lebenszeichen. Andere Unternehmen entdecken die Stadt. So siedelte Dan Gilbert im vergangenen Jahr seine Firma Quicken Loans, den größten Internetbasierten Hypothekenvermittler Amerikas, in die Innenstadt von Detroit um.

Fast 4000 Menschen arbeiten jetzt für ihn in Downtown. Der geborene Detroiter kaufte die Büros für lächerlich wenig Geld: Ein Büroturm mit fast 75.000 Quadratmeter Fläche kostete ihn nur acht Millionen Dollar. Subventionen gibt es jedoch keine, wie Gouverneur Rick Snyder klarstellt - dafür fehlen schlicht die Mittel. „Aber wir haben langfristig mehr zu bieten, gerade für deutsche Firmen - bei uns dreht sich wie in Deutschland vieles um die Produktion von hochwertigen Gütern“, sagt Snyder.

Unternehmensgründer Roye zahlt fast nichts für die Büromiete. Er gründete Enrg Power Systems in Tech Town, einer von dem Bundesstaat Michigan und Stiftungen finanzierten Organisation. Die Idee: In Zusammenarbeit mit der nahe liegenden Wayne University sollen Firmengründer unterstützt werden. Mentoren und Trainer stehen für Neuankömmlinge zur Verfügung.

Widerstand gegen den Verfall regt sich auch von ganz unten. Kim Tandy führt die Graswurzelorganisation University Commons. Ihre Mitglieder kümmern sich um zwölf Stadtteile im Nordwesten von Detroit. Mit staatlicher Förderung baut die Gruppe eine Einkaufsstraße auf, organisiert Paraden oder Kinderspielfeste. Ebenfalls sucht sie nach Mietern für die Häuser, die nach Zwangsvollstreckung leer stehen.

Tandy ist weit gekommen. Sie lebte mit 19 Jahren in einem leerstehenden Haus, war bereits Mutter von vier Kindern. „Als ich mir Essen aus dem Müll holte und mir eine Ratte entgegensprang - da wusste ich: Ich werde mein Leben ändern“, sagt Tandy. Heute wirbt sie für Detroit: „Die Medien zeichnen ein viel zu schlechtes Bild - wir haben Golfklubs und wunderschöne Häuser, wir machen sogar Führungen“. Tatsächlich stehen in den Vororten viele Häuser aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die man für 80.000 Dollar kaufen kann - weniger als die Hälfte der Kosten von vor fünf Jahren.


Kurzinfo zu Detroit

Geschichte: Früher war Detroit die viertgrößte Stadt der USA. Wohnten 1950 1,8 Millionen Menschen in der Stadt, sind es heute kaum mehr als 700.000. Allein in den vergangenen zehn Jahren flüchtete ein Viertel der Einwohner aus der Stadt.

Größe: Die Stadt besitzt mit rund 360 Quadratkilometern eine gigantische Ausdehnung. Man könnte Miami, Minneapolis und San Francisco darin unterbringen und es wäre immer noch Platz übrig. Mit dem Niedergang der Autoindustrie und der Abwanderung zerfielen ganze Stadtteile.

Zukunft: In Detroit ist viel Platz für neue Ideen und Anwohner. „Detroit wird nie wieder so werden wie es einmal war“, sagt Unternehmensgründer Roye, „aber es tut sich wieder etwas.“.


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