M&A in der Pharmabranche: „Firmen streben nicht nach schierer Größe“

InterviewM&A in der Pharmabranche: „Firmen streben nicht nach schierer Größe“

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In der Pharma-Branche gibt es aktuell viele Fusionspläne

von Jürgen Salz

Nie zuvor wurde in der Gesundheitsbranche so viel fusioniert wie im vergangenen Jahr. Über die Gründe und die Strategien der Konzerne spricht Franz-Robert Klingan, Gesundheitsexperte und Partner bei der Beratung Bain & Company.

Herr Klingan, in der Gesundheitsbranche wird fusioniert wie nie zuvor. Was sind die Gründe?
Franz-Robert Klingan: Laut unserer jüngsten Studie erreichte der Wert aller Fusionen und Übernahmen im Gesundheitssektor im vergangenen Jahr 546 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Rekordwert. 2014 waren es noch 406 Milliarden US-Dollar. Weltweit wird im Gesundheitswesen gespart und die Unternehmen nutzen ihre Größenvorteile in relevanten Produkt- und Leistungskategorien neu. Schließen sich etwa Kliniken zusammen, steigt ihre Nachfragemacht. Darauf reagieren Medizintechnik- und Pharmakonzerne – mit Fusionen und Übernahmen.

Meistens geht es bei den Übernahmen der jüngeren Vergangenheit jedoch darum, Steuern zu sparen. So wollte der US-Konzern Pfizer den Konkurrenten Allergan kaufen, um seinen Sitz im steuergünstigen Irland anmelden zu können. Nachdem die US-Steuergesetze entsprechend geändert wurden, blies Pfizer den Deal ab. Unternehmen kaufen, um Steuern zu sparen - ist das nicht ein Armutszeugnis?
Es wäre die größte Übernahme in der Pharmabranche gewesen – bei einem Deal-Wert von etwa 160 Milliarden US-Dollar würde ich nicht von Armut sprechen. Pfizer hat eine lange M&A-Historie, hat durch Fusionen und Akquisitionen immer wieder seine Wettbewerbsposition gestärkt. Das ist eine valide Alternative zum Wachstum durch eigene Innovationen. Ich erwarte, dass sich mit den neuen US-amerikanischen Steuergesetzen steuerlich motivierte Übernahmen erledigt haben.

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Franz-Robert Klingan ist Gesundheitsexperte und Partner bei der Beratung Bain & Company. Quelle: PR

Franz-Robert Klingan ist Gesundheitsexperte und Partner bei der Beratung Bain & Company.

Bild: PR

Statt großer Fusionen werden nun auch vermehrt Tauschgeschäfte vereinbart. So will etwa Boehringer das Tiergesundheitsgeschäft von Sanofi übernehmen und gibt dafür seine Sparte mit rezeptfreien Medikamenten an Sanofi ab. Bis Ende Juni soll die entsprechende Vereinbarung stehen. Ein guter Deal?
Ähnlich haben es auch die britische GSK und die Schweizer Novartis gemacht. GSK erhält Impfstoffe und rezeptfreie Medikamente von Novartis, die Schweizer bekommen dafür die Krebsmedikamente. Das sind sehr smarte Deals. Die Unternehmen streben nicht mehr nach schierer Größe, sondern danach, in einzelnen Kategorien eine führende Position einzunehmen und auf diesem Weg Kostenführerschaft und damit Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

Ist das Tauschgeschäft mit Sanofi denn für Boehringer sinnvoll? 
Boehringer wird damit zur Nummer zwei im weltweiten Tierarzneimarkt hinter dem US-Konzern Zoetis. Tiergesundheit ist ein Wachstumsmarkt, der für Kategorieführer attraktive Margen verspricht. Generell ist eine führende Marktposition in einem Segment von mittlerer Attraktivität ertragreicher als die Position des entfernten Verfolgers in einem hochattraktiven Segment. Dies bestätigen unsere Studien über den Einfluss der Wettbewerbsposition auf den Ertrag immer wieder.

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Auffällig ist, dass bei den ganzen Fusionen und Übernahmen kaum Finanzinvestoren zum Zuge kommen. Passen Pharma und Private Equity nicht zusammen?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen das Beteiligungsvolumen, denn in den aktuellen Fondsvolumina sind Übernahmen nur bis zu einer gewissen Größe abzubilden. Zum anderen das Risiko. Finanzinvestoren halten ihre Unternehmen in der Regel fünf bis sieben Jahre, um dann möglichst mit Gewinn wieder auszusteigen. Und sie wählen Beteiligungen so, dass das Risiko für das Beteiligungsunternehmen begrenzt ist. Deswegen ist es für sie schwierig, bei Medikamentenherstellern einzusteigen, bei denen die Entwicklung eines Medikamentes zehn Jahre und mehr dauern kann, und das Risiko, dass es ein Präparat nicht auf den Markt schafft, hoch ist.

Dort wo das Entwicklungsrisiko gering ist – bei Spezialgenerika beispielsweise –, gab es im vergangenen Jahr erfolgreiche Akquisitionen und Exits. Und auch im Segment der Labordienstleistungen oder bei Zulieferern für Medizintechnik sind Finanzinvestoren sehr aktiv. Sie übernehmen dort eine wesentliche Rolle in der Umgestaltung der Industrie. Weltweit stieg die Zahl der Beteiligungen von Finanzinvestoren im Gesundheitssektor im letzten Jahr um sechs Prozent auf 199. Die Übernahme des Augsburger Unternehmens Synlab, das sich auf Laboranalysen spezialisiert hat, durch den Private-Equity-Investor Cinven zählt zu den Top-10-Deals 2015.

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