Nach dem Abgas-Skandal: Katar will bei VW stärker mitreden

Nach dem Abgas-Skandal: Katar will bei VW stärker mitreden

, aktualisiert 27. April 2016, 19:40 Uhr
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Mehr als sieben Monate nach dem Bekanntwerden des Skandals haben bei VW nun auch die starrsten Strukturen Risse bekommen.

Quelle:Handelsblatt Online

In den Jahren des Erfolges schienen die Machtverhältnisse bei Volkswagen wie zementiert. Nun stehen die Zeichen in Wolfsburg allerdings auf Wandel. Als Folge der Diesel-Krise wird der Aufsichtsrat wohl umstrukturiert.

Wolfsburg/DohaIm mächtigen Präsidium von Volkswagen wird künftig wohl auch Englisch gesprochen. Das liegt aber nicht etwa daran, dass der innerste Zirkel der VW-Kontrolleure demnächst internationaler auftreten will. Der Auslöser ist vielmehr die sich anbahnende neue Zusammensetzung des Aufsichtsrats-Gremiums: Der drittgrößte Aktionär Katar soll nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur künftig auch Teil dieser engsten Gruppe werden. Und damit nicht genug: Um die Balance zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite zu erhalten, soll das bislang sechsköpfige Gremium in diesem Zuge auf acht Mitglieder aufgestockt werden.

Was für Außenstehende als vermeintlich kleines Zahlenspiel erscheint, lässt tief in die Machtarchitektur bei Europas größtem Autobauer blicken. Denn so lange der Wunsch des Emirates auch bereits bestehen mag: Ohne die weltweite Diesel-Krise hätte es die Umstrukturierung wohl noch lange nicht gegeben. In den Jahren des Erfolges schienen die Machtverhältnisse bei Volkswagen wie zementiert.

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Mehr als sieben Monate nach dem Bekanntwerden des Skandals haben bei VW aber nun auch die starrsten Strukturen Risse bekommen, über Jahre etablierte Machtverhältnisse sind aus den Fugen geraten. Auf allen Ebenen des rund 600 000 Mitarbeiter starken Konzerns haben die Manipulationen an mehr als elf Millionen Diesel-Fahrzeugen Spuren hinterlassen. Angefangen vom neuen Konzernchef Matthias Müller über einen Wechsel an der Aufsichtsratsspitze bis hin zu umfassenden Neubesetzungen bei sechs von neun Vorstandsposten. Bei Volkswagen liegt im April 2016 kaum ein Stein dort, wo er vor einem Jahr war.

Seit 2009 ist das finanzkräftige Emirat Katar drittgrößter Anteilseigner in Wolfsburg, nach den Inhaberfamilien Piëch/Porsche sowie dem Land Niedersachsen. Rund 17 Prozent von Volkswagen gehören den Scheichs, gebündelt wird das Investment in einer eigens gegründeten Holding. Dafür hat Katar zwei Plätze im 20-köpfigen Gesamt-Aufsichtsrat, der seit dem vergangenen Jahr vom ehemaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch geleitet wird. So weit, so gut.

Während sich das Emirat in den vergangenen sieben Jahren gut damit arrangieren konnte, kochten im Zuge der Krise alte Begehrlichkeiten wieder hoch. Wann immer das Präsidium in den letzten Monaten zu wichtigen Sitzungen zusammenkam, blieben die Katarer außen vor. Tonangebend waren - wie im gesamten Aufsichtsrat - die Vertreter von Land und Arbeitnehmerseite sowie natürlich des Porsche/Piëch-Clans.


Ein loyaler Verbündeter

„Der Druck der Katarer ist inzwischen so groß, dass er nicht mehr ignoriert werden kann“, heißt es aus dem Aufsichtsrat. Zuletzt hätten insbesondere die Fragen zur Dividenden-Zahlung und Neuausrichtung nach der Krise für Gesprächsbedarf gesorgt. Dabei sollen sie zuletzt auch vermehrt Unterstützung aus den Reihen der Familien Porsche/Piëch erhalten haben. Das Emirat und die Familien pflegen seit 2009 ein besonders inniges Verhältnis.

Die Katarer gelten als loyale Verbündete des Vorstands. Für die Führungsriege um Konzernchef Müller dürfte mehr Einfluss aus Doha also kein Problem sein, wenn es etwa um die neue „Strategie 2025“ geht. Neben einer neuen, offeneren Konzernkultur stehen dabei auch mehr Eigenständigkeiten der Marken nach dem Vorbild von Porsche im Blickpunkt sowie mehr Effizienz und Verschlankungen von Abläufen.

Schon 2009 beim Einstieg bei VW nach dem turbulenten Übernahmekampf mit Porsche sei den Katarern ein Präsidiumsplatz in Aussicht gestellt worden, erklärt ein damals mit den Verhandlungen Betrauter. Angesichts des Besitzes von über 50 Millionen stimmberechtigten Stammaktien erscheint das Ansinnen im Sinne der Machtbalance durchaus legitim - das Land Niedersachsen hat mit rund 20 Prozent Stammaktien einen Präsidiumssitz inne. „Von daher ist es nur konsequent, wenn ihre Forderung nun endlich in die Praxis umgesetzt wird.“

Technisch ist die Umsetzung der Forderung einfach, der Aufsichtsrat selbst entscheidet über die Zusammensetzungen seiner Teilgremien. In diesem Kontext dürfte aber noch eine andere Frage spannend werden: Ein Bundesgesetz verlangt seit dem 1. Januar eine fixe Frauenquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Kontrollposten. Hier hat VW noch Nachholbedarf, derzeit haben nur drei Frauen einen Platz inne.

Um nicht unnötig in Zugzwang zu kommen, müsste bei allen Neubesetzungen also auch die Suche nach Frauen eine neue Bedeutung bekommen. Ob es diese dann auch ins Präsidium schaffen, erscheint derzeit aber unwahrscheinlich. Eine Quote für die Ausschüsse gibt es noch nicht. So gesehen dürfte zumindest hier eine Männerdomäne gewissen Bestandsschutz genießen. „Keine Frage, auch hier würden VW mehr Frauen zweifelsohne gut zu Gesicht stehen“, sagt ein Aufseher.

Quelle:  Handelsblatt Online
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