Nach geplatzter Alstom-Übernahme: Joe Kaeser hat wieder Zeit für das Wesentliche

ThemaSiemens

Nach geplatzter Alstom-Übernahme: Joe Kaeser hat wieder Zeit für das Wesentliche

Bild vergrößern

Strahlender Verlierer: Siemens-Chef Joe Kaeser wendet sich nach der geplatzten Offerte für das Alstom-Energie-Geschäft jetzt wieder dem Umbau in München zu.

von Rebecca Eisert und Saskia Littmann

Der Deal mit Alstom ist geplatzt. Jetzt kann Siemens-Chef Kaeser sich wieder auf das wirklich Wichtige konzentrieren - Siemens wieder auf die Spur zu bringen. Was nun auf der Agenda steht.

Die Würfel sind gefallen, doch das Spiel fängt für Siemens gerade erst an. General Electric hat den Zuschlag für den französischen Konkurrenten Alstom bekommen - unter großen Zugeständnissen. Der französische Staat wird vom bisherigen Großaktionär Bouygues 20 Prozent der Anteile übernehmen und damit direkt am Industriekonzern beteiligt sein. Damit sieht Paris die energiepolitische Unabhängigkeit des Landes gesichert.

Der Regierung ging es vor allem darum, das Geschäft mit den Atomkraftwerken nicht in ausländische Hände abzugeben. General Electric zahlt 17 Milliarden Dollar für die Energiesparte von Alstom. Die Franzosen behalten ihre Transportsparte, die TGV-Züge herstellt, und erwerben von General Electric das Bahnsignalgeschäft. Für die französische Regierung scheint damit alles klar.

Anzeige

Und für Siemens?

Dass die Deutschen bei Alstom das Nachsehen haben, ist keine Katastrophe. Der Technologiekonzern aus München steckt mitten in einer schwierigen Restrukturierungsphase. Chef Joe Kaeser hat ein umfassendes Programm aufgelegt. Es soll der größte Konzernumbau seit 1989 werden, heißt es in Industriekreisen. In einem Brief an seine Mitarbeiter schreibt Kaeser, dass es operativ noch viel zu tun gäbe. Daher werde ihm das Thema Alstom "nicht sonderlich fehlen". An erster Stelle steht nun die Umsetzung des Programms "Vision 2020".

Das Tauziehen um Alstom

  • April

    Am 24. April wird bekannt, dass GE Alstom kaufen will. Der Schritt gilt als Frontalangriff auf Siemens. Am nächsten Tag rufen die Übernahmegerüchte die französische Regierung auf den Plan. Sie will einen Verkauf in die USA mit allen Mitteln verhindern. Am 27. April greift Siemens in den Übernahmepoker ein. Man habe der Alstom-Führung „Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen zukünftiger Zusammenarbeit“ signalisiert. Am 28. April schaltet sich Frankreichs Präsident Hollande in das Tauziehen ein. Bei getrennten Treffen berät er mit den Chefs von Siemens und GE. Einen Tag später kündigt Siemens ein Angebot für Alstom an. Bedingung dafür: Siemens will die Alstom-Bücher vier Wochen lang prüfen und Managementinterviews führen. Am 30. April empfiehlt der Verwaltungsrat von Alstom den Aktionären eine bindende Offerte von GE. Dieser will für die Energietechnik-Sparte von Alstom 12,35 Milliarden Euro zahlen.

  • 7. bis 11. Mai

    Siemens-Chef Kaeser betont „ernsthaftes“ Interesse an Alstom. Zugleich sagt der Manager, er wolle mit dem Übernahmeplan auch die Handlungsfähigkeit der Siemens-Führung unter Beweis stellen. Einen Tag später lehnt Montebourg das GE-Angebot für Alstom öffentlich ab. Am 9. Mai berät Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit seinem Kollegen Montebourg über einen möglichen Alstom-Siemens-Deal. Am 11. Mai werden Medienberichte bekannt, laut denen Siemens Alstom neben der eigenen Bahnsparte auch das Geschäft mit Signaltechnik anbieten will.

  • 14. und 15. Mai

    Frankreichs Regierung sendet widersprüchliche Signale. Energieministerin Ségolène Royal bezeichnete das GE-Angebot in einem Interview als „sehr gute Gelegenheit“. Nach einem Treffen mit Kaeser teilt sie mit, das deutsche-französische Projekt komme gut voran. Einen Tag später erweitert Paris seine Eingriffsrechte bei internationalen Deals. Mittels Verordnung könne ohne die bei „nationalem Interesse“ nötige Zustimmung eine ungewünschte Alstom-Übernahme gekippt werden.

  • 18. Mai

    Der Siemens-Betriebsrat fordert für den Fall einer Alstom-Übernahme erneut den Erhalt der Arbeitsplätze in der Bahnsparte des Konzerns, die dann an die Franzosen gehen soll.

  • 20. Mai

    Nach Angaben der französischen Regierung hat Siemens um zusätzliche Informationen über das Unternehmen gebeten. Paris wertet dies als Hinweis auf ein bevorstehendes Übernahmeangebot.

  • 24. und 28. Mai

    Hollande lässt erneut ein Treffen mit GE-Chef Jeff Immelt anberaumen. Der Präsident hatte das GE-Angebot zuletzt als nicht ausreichend bezeichnet. Am 28. Mai bessert GE das eigene Angebot nochmals etwas nach.

  • 30. Mai

    Kaeser betont nochmals, dass Siemens keinen Zeitdruck verspüre und bis zum 16. Juni alle Optionen prüfen werde.

  • 11. Juni

    Überraschend geben Siemens und der japanische Konkurrent Mitsubishi Heavy Industries (MHI) bekannt, ein gemeinsames Angebot für Alstom zu prüfen.

  • 16. Juni

    Siemens und MHI legen ihr Angebot für Alstom vor. MHI will sich mit bis zu zehn Prozent an Alstom beteiligen und eine umfassende industrielle Allianz, aber keine Übernahme. Das Gasturbinen-Geschäft der Franzosen soll an Siemens gehen. Insgesamt beinhaltet die Offerte Barzahlungen von Siemens über 3,9 Milliarden Euro und von MHI über 3,1 Milliarden Euro.

Darunter hat Kaeser neben der kompletten Umwälzung der bisherigen Organisationsstruktur - die so genannten Sektoren werden abgeschafft und statt bisher in 16 wird das Geschäft in nur noch neun Divisionen gebündelt - auch die Kernelemente definiert, in denen Siemens wachsen soll.

Entlang der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung, der Automatisierung und Digitalisierung, so steht es im Programm, will Kaeser langfristig verdienen. Wachstumspotenziale sieht der Chef auch bei Dienstleistungen rund um die Förderung von Schiefergas (Fracking) vor allem in den USA.

Organisches Wachstum soll Siemens zu alter Stärke zurückführen, aber auch harte Sparmaßnahmen und Stellenstreichungen. Dass General Electric nun über Alstom auf den europäischen Markt drängt, macht es für Kaeser schwieriger. Sein Konterpart, GE-Chef Jeffrey Immelt, hätte dem Deal mit Paris kaum zugestimmt, verspräche er sich trotz der umfangreichen Zugeständnisse nicht eine gewinnbringende Verbindung. Das Umfeld wird also härter.

Brancheninsider gehen davon aus, dass Siemens sein Wachstum durch weitere Zukäufe sichern will. Nicht auszuschließen ist, dass Siemens in einigen Jahren doch noch eine Verbindung mit der Zugsparte von Alstom eingeht. Gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France Presse sagte Kaeser: "Wir wollten nie unser Bahngeschäft verkaufen, sondern zusammen mit Alstom einen europäischen Champion mit globaler Durchsetzungskraft bauen." An seinen Plänen halte er fest. "Das Ziel bleibt, der Weg dahin wird jetzt ein anderer", sagte Kaeser.

Und wer weiß: Sollten die Kartellbehörden das Zusammengehen von Alstom und GE nur unter Auflagen genehmigen - etwa erst nach der Abgabe von Unternehmensteilen - wäre es durchaus möglich, dass Kaeser als lachender Dritter parat steht. "Wir sind weiter gesprächsbereit", sagte Kaeser der "Bild"-Zeitung (Montagausgabe). "Unsere Türen stehen Alstom und der französischen Regierung offen."

Kein Wunder. Denn die Zugsparte brachte den Münchener zuletzt nur wenig Marge und viele Probleme. Peinliche Verzögerungen führten zu Sonderbelastungen im dreistelligen Millionenbereich.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%