Neue Grenzwerte beim Kohlendioxid: Droht VW die nächste Strafe?

Neue Grenzwerte beim Kohlendioxid: Droht VW die nächste Strafe?

, aktualisiert 07. Juli 2016, 18:18 Uhr
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Der qualmende Auspuff an einem VW-Dieselfahrzeug vom Typ T4 – die Kohlendioxid-Belastung hält sich in Grenzen.

von Stefan MenzelQuelle:Handelsblatt Online

In den nächsten fünf Jahren werden die Grenzwerte beim Kohlendioxid weiter verschärft. Nicht alle Autohersteller werden diese Vorgaben erfüllen. Ein deutscher Konzern rückt dabei besonders ins Blickfeld.

DüsseldorfDie deutschen Automobilhersteller werden die neuen europäischen Abgasgrenzen beim Kohlendioxid wahrscheinlich verfehlen. BMW droht deshalb eine Geldbuße in dreistelliger Millionenhöhe, auf Volkswagen könnte sogar eine Milliardenstrafe zukommen. Die neuen EU-Abgasgrenzen gelten in fünf Jahren von 2021 an. Im Durchschnitt darf ein Auto dann nur noch 95 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenen Kilometer an die Umwelt abgeben.

Der Volkswagen-Konzern dürfte nach Einschätzung der Unternehmensberatung PA Consulting die größten Schwierigkeiten damit haben, die neuen Kohlendioxid-Grenzen einzuhalten. Der wichtigste Grund dafür: In der gesamten Fahrzeugflotte des Konzerns gibt es zu wenige Hybrid- und Elektrofahrzeuge. „Ihr Anteil liegt bei 0,1 beziehungsweise 0,2 Prozent“, unterstreicht PA-Autoexperte Thomas Göttle. Zu wenig, um in fünf Jahren die neuen EU-Vorgaben beim Kohlendioxid zu erfüllen.

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Auch die jüngst von VW-Vorstandschef Matthias Müller verkündete Elektrooffensive kommt nicht mehr rechtzeitig. Die neuen umweltfreundlichen Autos aus dem Wolfsburger Konzern werden erst nach und nach im Lauf des kommenden Jahrzehnts auf den Markt kommen. „Von Mitte 2030 an wird der Elektroantrieb die Stückzahlen eines Diesels erreicht haben“, glaubt Autoexperte Götte.

Ein ähnliches Problem wie Volkswagen hat auch BMW aus München – die Bayern haben zu viele schwere Autos in ihrem Angebot. Bei BMW wiegen die großen SUV (Geländemodelle) im wahrsten Sinne des Wortes schwer. Das im Durchschnitt große Gewicht sorgt für einen höheren Benzinverbrauch und damit auch für einen größeren Kohlendioxid-Ausstoß.

Besser schneidet der Daimler-Konzern ab. Dort wirkt sich positiv aus, dass die Stuttgarter vermehrt leichtere und kleinere Autos auf den Markt gebracht haben. Daimler hat unter den deutschen Autoherstellern die Nase vorn bei den Zulassungszahlen mit alternativen  Antriebsformen. Zudem hat der Stuttgarter Konzern eine eigene Elektro-Offensive angekündigt. Ende September werden auf dem Pariser Autosalon die jüngsten Anstrengungen der Stuttgarter Entwickler in Form von Prototypen zu sehen sein. Daimler dürfte die Emissionsvorgaben wohl erfüllen und kommt voraussichtlich ohne eine Strafzahlung davon.

Gut vorangekommen bei der Kohlendioxid-Reduzierung sind die französischen und die italienischen Hersteller. Gegenüber den deutschen Premiumherstellern mit großen und schweren Fahrzeugen haben sie einen großen Vorteil: Wegen ihrer überwiegend von kleineren Autos geprägten Fahrzeugflotte dürften sie die neuen Abgasvorschriften auch im Jahr 2021 ziemlich problemlos erfüllen.

Unter den ausländischen Herstellern fällt die Hyundai-Kia-Gruppe negativ heraus. Auch die Koreaner gehören zu den Autokonzernen, die wahrscheinlich ein Strafgeld nach Brüssel an die EU überweisen müssen. PA Consulting rechnet mit etwa 300 Millionen Euro, also zwischen BMW und Volkswagen. Auch für Hyundai-Kia gilt: Es gibt zu wenige Elektro- und Hybrid-Modelle im Programm. Außerdem verbrauchen Benziner und Diesel aus Korea im Durchschnitt mehr Kraftstoff als die Autos der meisten Konkurrenten.


Unverzichtbarer Diesel

Um die EU-Vorgaben beim Kohlendioxid überhaupt erfüllen zu können, ist der Diesel vor allem für die deutschen Hersteller unverzichtbar geworden. Der Vorteil: Ein Diesel stößt im Vergleich mit einem Benziner zwischen zehn bis 15 Prozent weniger Kohlendioxid aus. Verantwortlich ist dafür allein schon der niedrigere Kraftstoffverbrauch, der den Diesel bislang immer besonders attraktiv erschienen ließ. Einige Länder wie etwa auch Deutschland hatten deshalb für den Dieselmotor Steuervergünstigungen eingeführt. Um nicht noch höhere Bußgelder wegen der Kohlendioxid-Belastung zahlen zu müssen, wollen die deutschen Hersteller nicht so schnell auf den Diesel verzichten. In den kommenden fünf Jahren „bleibt der Diesel zumindest in Deutschland alternativlos“, unterstreicht Autoexperte Götte.

Dass der Diesel im Rahmen der VW-Affäre so in Verruf geraten ist, hat also nicht mit den Kohlendioxid-Emissionen zu tun. Auch die Rußpartikel werden weitgehend aus den Abgasen herausgefiltert. Entscheidend für die aktuelle Diskussion über den Diesel sind allein die Stickoxid-Emissionen, für die die Autobranche bislang keine angemessene Lösung präsent hat.  Die ungelöste Stickoxid-Belastung dürfte vielmehr dazu führen, dass der Diesel auf längere Sicht überhaupt keine Zukunft mehr hat.

Die jüngsten Emissionsergebnisse gelten allerdings nur unter einem großen Vorbehalt. Die Berechnungen beruhen unter den bislang in Europa geltenden Testverfahren für den Kraftstoffverbrauch. Wegen der Dieselaffäre von Volkswagen hat in der EU eine Diskussion begonnen, ob die großzügigen europäischen Tests noch zeitgemäß sind. Es gelten zu viele Ausnahmen, weit weg von der Realität. Häufig reichen Ergebnisse aus dem Labor aus, die überhaupt nichts mit den wahren Bedingungen auf der Straße zu tun haben.

Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, hält schärfere Testverfahren für unausweichlich. „Dann bekommen wir Werte wie in den USA“, glaubt der Hochschullehrer.

In der Diskussion sind bereits mehrere neue Mess- und Testverfahren für Europa, unter anderem die sogenannten „Real Driving Emissions“ (RDE). Die Konsequenzen wären drastisch, auch für die jüngsten Ergebnisse bei den Kohlendioxid-Emissionen. Dann nämlich würden auch die Positiv-Beispiele aus Frankreich und Italien herausfallen. „Sollte dieser Testzyklus 2017 in Kraft treten, wird kein Hersteller sein spezifisches Kohlendioxid-Ziel für 2020/21 erreichen“, glaubt PA-Experte Göttle. In letzter Konsequenz müssten dann auch die Strafzahlungen für alle Hersteller deutlich drastischer ausfallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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