Neues Novartis-Medikament: Eine lebende Arznei gegen die Blutkrebs

Neues Novartis-Medikament: Eine lebende Arznei gegen die Blutkrebs

, aktualisiert 13. Juli 2017, 18:17 Uhr
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Menschliche T-Zellen in einem Novartis-Labor: lebende Arznei und Hoffnung für Leukämie-Patienten.

von Siegfried HofmannQuelle:Handelsblatt Online

Mit einer Zelltherapie verspricht der Pharmakonzern Novartis neue Hoffnung für Patienten mit einer bestimmten Art von Blutkrebs. Die US-Behörde FDA gab grünes Licht. Das Medikament dürfte bald auf den Markt kommen.

Für Patienten mit einer speziellen Form der Leukämie eröffnet diese Entscheidung eine Chance – für den Schweizer Pharmariesen Novartis ist es ein wichtiger Durchbruch mit einem neuen Therapiekonzept: Ein Expertengremium der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA sprach sich am Mittwochabend einstimmig für die Zulassung des Novartis-Medikaments CTL019 zur Behandlung von bestimmten akuten Leukämien bei Kindern und jungen Erwachsenen aus.

Nach dem Votum der Experten hat das neue Novartis-Mittel nun beste Chancen, in Kürze auf dem US-Markt offiziell zugelassen zu werden, obwohl es mit erheblichen Nebenwirkungen einher geht. Es wäre damit der erste zugelassene Vertreter einer neuen Klasse von Krebsimmun-Medikamenten, der so genannten Car-T-Therapien. In Europa will Novartis im zweiten Halbjahr die Zulassung beantragen.

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Bei dem Konzept handelt es sich nicht um einen klassischen Pharmawirkstoff, sondern im Prinzip um eine Art Gentherapie. Denn das „Medikament“ besteht aus gentechnisch veränderten Zellen. Vas Narasimhan, der die Medikamentenentwicklung bei Novartis leitet, spricht daher von einem „lebenden Arzneimittel“. Entwickelt wurde es in Kooperation mit der University of Pennsylvania.

Grundlage für die neue Methode sind so genannte T-Zellen, eine spezielle Klasse von Immunzellen. Sie werden zunächst aus dem Blut der Patienten herausgefiltert, anschließend mit Hilfe gentechnischer Methoden mit einem so genannten Chimären Antigen-Rezeptor (CAR) ausgestattet, der wiederum spezielle Oberflächenmoleküle auf Tumorzellen erkennt. Die Immunzellen werden auf diese Weise gegen Krebszellen scharf gemacht. Sie werden anschließend zunächst im Labor vermehrt und dann dem jeweiligen Patienten wieder injiziert.

In einer Reihe von klinischen Versuchen zeigte das CAR-T- Konzept beachtliche Erfolge, insbesondere bei Patienten mit akuter lymphatischer Leukämie (ALL). Im Falle der Novartis-Studie konnten bei 52 von 63 behandelten ALL-Patienten, die keine andere Therapie-Option mehr hatten, eine komplette Rückbildung der Leukämie erzielt werden, die auch mehr als drei Monate nach Abschluss der Behandlung noch andauerte. Die Car-T-Therapie nährt damit Hoffnungen, dass sie eine dauerhafte Eliminierung der Krebszellen erreichen könnte.

Allerdings hat die Methode auch einen Preis in Gestalt erheblicher Nebenwirkungen, wie aus den Unterlagen der FDA hervorgeht. Dazu gehören schwere Entzündungsreaktionen, vorrübergehende neurologische Effekte, Herzkreislauf-Probleme und Beeinträchtigungen der Blutgerinnung.

Hinzu kommt der Effekt, dass die modifizierten T-Zellen grundsätzlich alle Immunzellen angreifen, die für die Bildung von Antikörpern zuständig sind, - mit der Folge, da dass die Patienten in dieser Hinsicht einen Mangel erleiden und anfällig für Infektionen werden. Sie müssen daher womöglich dauerhaft mit so genannten Immunglobulinen behandelt werden, die die fehlenden Antikörper ersetzen.

Trotz der gravierenden Nebenwirkungen sprachen sich die FDA-Experten einstimmig für eine Zulassung aus. Sie waren offenbar beeindruckt von der hohen Wirksamkeit bei relativ aussichtslosen Fällen. Das sei womöglich das aufregendste, was er in seinem Leben gesehen habe, zitiert die Agentur Bloomberg den Chef der Kinderklinik an der Universität Ohio, Tim Cripe, der Mitglied des FDA-Gremiums war.

Die bevorstehende Zulassung für das Novartis-Produkt gilt daher als genereller Durchbruch für das Car-T-Konzept in der Krebstherapie. Neben dem Baseler Pharmariesen sind auf dem Feld unter anderem auch die US-Biotechfirmen Kite Pharma, Juno Therapeutics sowie Bluebird Bio engagiert. In Deutschland arbeitet vor allem die Münchner Medigene AG an vergleichbaren Methoden. Medigene hat allerdings erst vor wenigen Tagen den ersten Antrag für eine klinische Studie mit ihrer TVR-Immunzelltherapie eingereicht, hat bis zu einer möglichen Zulassung also noch eine längere Wegstrecke vor sich. Unter den größeren Pharmafirmen forschen unter anderem AstraZeneca sowie die US-Firmen Celgene und Amgen auf dem Gebiet. Sie haben sich mit Kite und Bluebird verbündet. Bluebird wiederum arbeitet auch mit der deutschen Medigene zusammen.

Die bevorstehende Erstzulassung für die Car-T-Therapie von Novartis wird zunächst nur für eine relativ kleine Zahl von Patienten relevant sein. Laut FDA erkranken in den USA jährlich etwa 3100 Menschen an ALL, wovon aber ein Großteil mit herkömmlichen Chemotherapien erfolgreich behandelt werden kann. Ähnlich dürften die Verhältnisse in Europa sein.

Novartis testet CTL016 allerdings auch in einigen weiteren Blutkrebsarten, so etwa dem B-Zell-Lymphom und der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL), sowie bei soliden Tumoren wie Gebärmutterkrebs. Allerdings befindet sich die Entwicklung in diesen Bereichen noch in einem früheren Stadium.


Analysten rechnen mit Milliarden-Umsatz

Ebenfalls gute Aussichten auf die baldige Zulassung einer Car-T-Therapie hat unterdessen die US-Biotechfirma Kite Pharma, deren Produkt KTE-C19 sich ebenfalls im Zulassungsprozess bei der FDA befindet. Der Konkurrent Juno Therapeutics dagegen musste vor wenigen Wochen eine wichtige Car-T-Studie nach mehreren Todesfällen abbrechen.

Neben den medizinischen Risiken, bilden die Produktionsverfahren und Kosten für die Therapien eine erhebliche Herausforderung. Denn die Immunzellen müssen mit einem relativ komplexen Verfahren für jeden Patienten einzeln aufbereitet werden. Für die Pharmafirmen resultiert daraus ein neues Geschäftsmodell, das von der klassischen Medikamentenproduktion weit abweicht.

Novartis will das in den USA mit 30 spezialisierten Zentren und einer zentralen Produktionsstätte für die Modifikation der T-Zellen bewältigen. Eine ähnliche Struktur plant der Konzern auch für Europa. Klar ist damit, dass die neuen Therapien auch mit sehr hohen Preisen einhergehen.

Analysten gehen davon aus, dass der Schweizer Konzern etwa 600 000 Dollar für die Behandlung mit CTL019 verlangen wird. Pharmaanalyst Steve McGarry von HSBC geht davon aus, dass der Konzern auf dieser Basis „ein langfristig profitables Geschäft aufbauen kann“. Den erzielbaren Spitzenumsatz schätzt er auf 3,4 Milliarden Dollar. Aber auch dieser Wert könne noch konservativ sein, so Mc Garry. Denn längerfristig könnten womöglich auch Patienten in einem früheren Stadium der Krankheit mit dem Mittel behandelt werden.

Dass die Herstellerverfahren für solche Gen- und Zelltherapien eine Hürde darstellen können, zeigte sich bereits vor einigen Jahren bei einem ähnlichen Therapiekonzept, dem Prostata-Mittel Provenge von der US-Biotechfirma Dendreon. Dieses Produkt besteht aus genmodifizierten dentritischen Zellen, einer anderen Klasse von Immunzellen. Es konnte sich aber nie richtig durchsetzen, weil vielen Ärzten und Krankenkassen die Balance zwischen Wirksamkeit und Kosten als zu ungünstig erschien. Inzwischen wurde Dendreon nach China verkauft.

Einige Konkurrenten aus der Pharma- und Biotechbranche setzen daher auf ein anderes Konzept der individualisierten Krebsmedizin. So arbeiten zum Beispiel die deutschen Biotechfirmen Biontech und Curevac sowie die US-Firma Moderna an Krebsimpfstoffen auf Basis von RNA-Molekülen. Diese zielen ebenfalls darauf, Immunzellen gegen Tumore zu aktivieren.

Das Herstellverfahren für solche individuellen Impfstoffe, so die Erwartung, wird weniger aufwändig sein als die Zelltherapien. Zudem verspricht dieses Konzept ein breiteres Einsatzspektrum. Allerdings befinden sich diese Produkte noch in der Frühphase der klinischen Entwicklung. Zulassungsrelevante Studiendaten dürften kaum vor Ende des Jahrzehnts vorliegen.

Bis dahin dürften, neben dem Novartis-Mittel CTL019 noch einige weitere Car-T-Therapien die Zulassung bereits gemeistert haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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