Ostsee-Pipeline: Das Rohr zur Welt

Ostsee-Pipeline: Das Rohr zur Welt

, aktualisiert 08. November 2011, 13:29 Uhr
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Ein Mitarbeiter der Firma Bonatti werkelt an der Nord-Stream-Pipeline herum.

von Dana Heide und Helmut SteuerQuelle:Handelsblatt Online

Heute nehmen Kanzlerin Merkel und der russische Präsident Medwedjew die Nord-Stream-Pipeline in Betrieb. Doch ob die milliardenteure und äußerst umstrittene Gasleitung sich wirtschaftlich lohnt, ist noch nicht klar.

Es ist das derzeit größte Energieprojekt Europas: Die Nord Stream Gasleitung verbindet erstmals Deutschland direkt mit Russland. Die Strecke entspricht ungefähr der Distanz von München nach Barcelona und sie verläuft fast komplett unter Wasser. 7,4 Milliarden Euro hat der Bau gekostet – Geld, das nun wieder erwirtschaftet werden muss. 

Dazu hat das Betreiber-Konsortium die Leitungen für die nächsten 50 Jahre exklusiv an den russischen Energieriesen Gazprom vermietet. An Nord Stream ist der russische Gasmonopolist mit 51 Prozent beteiligt. Die BASF-Tochter Wintershall und die Eon Ruhrgas AG halten je 15,5 Prozent. Jeweils neun Prozent sind im Besitz der niederländischen Gasunie und der französischen GdF Suez.  

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Um den Vertrieb kümmert sich Gazprom selbst. Das dürfte nun nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren sein, als das Projekt angestoßen wurde. „Als man die Leitung begann zu planen, sah die Lage auf dem internationalen Markt anders aus, man befürchtete sogar Knappheiten“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Heute besteht eher ein Überangebot an Gas, auch durch neue Methoden zur Ausbeutung schwer zugänglicher Gasvorkommen, wie etwa das so genannte Fracking. Infolge dessen sank auch der Preis für den Energieträger. Über ihre Renditevorstellungen und wann sich das Projekt amortisiert haben soll, geben die Betreiber keine Auskunft. Energieexpertin Kemfert hält das Projekt jedoch für vielversprechend: „Ich denke, dass es sich nicht um eine Fehlinvestition handelt.“

Denn Experten erwarten, dass die Nachfrage nach Gas in nächster Zeit anziehen wird. Gaskraftwerke gelten als ideale Ergänzung zu alternativen Energien, weil sie die mit ihnen verbundenen Schwankungen besonders gut ausgleichen können. Zudem sind sie klimafreundlicher als etwa Kohlekraftwerke. „Ich glaube, dass der Anteil unkonventioneller Gasquellen auch in Europa zunehmen wird, aus Umweltschutzgründen aber nicht die steigende Nachfrage wird decken können“, sagt Kemfert. 


Der Chef von Nord Stream war früher bei der Stasi

Ob sich die Pipeline wirtschaftlich lohnt, wird sich noch zeigen. Die größten Hürden hat das Nord-Stream-Konsortium jedoch bereits im Vorfeld genommen. Dabei half nicht zuletzt auch der einflussreiche Chef des Aufsichtsgremiums des Nord Stream Konsortiums: Altkanzler Gerhard Schröder. 

Der fädelte das Projekt gemeinsam mit seinem Freund und damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin noch während seiner Zeit als Regierungschef ein. Und er sorgte dafür, dass der Vertrag noch kurz vor der Bundestagswahl, bei der Schröder eine Schlappe erlitt, besiegelt wurde. Ein paar Tage später saß er dann im Aktionärsausschuss des Nord-Stream-Konsortiums, dem Aufsichtsgremium des Joint Ventures. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 

Doch Schröder ist nicht die einzige Personalie, die zum Nachdenken anregt. Der Chef des Konsortiums, Matthias Warning, soll vor einigen Jahrzehnten noch im Auftrag der Stasi deutsche Unternehmen ausspioniert haben. Danach leitete er die Geschicke der Dresdner Bank in Russland. Laut Medienberichten soll er ebenfalls mit Putin befreundet sein. 

Die guten Verbindungen zur Politik dürften dem Projekt jedenfalls nicht geschadet haben. Es ist zu 70 Prozent kreditfinanziert, der deutsche Steuerzahler haftet mit einer Bürgschaft von 3,1 Milliarden Euro für einen Teil der Darlehen. Und auch die zahlreichen politischen Unstimmigkeiten konnte das Konsortium umgehen. 

So war und ist die Ostsee-Pipeline in Nordeuropa äußerst umstritten. Lange hatten Finnland, Schweden sowie die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen versucht, das Milliardenprojekt zu verhindern. Während Finnland und Schweden vordergründig vor allem um die Gesundheit ihrer Umwelt fürchteten und außerdem selber keinen Bedarf an Erdgas haben, verwiesen die baltischen Länder auf den Umstand, dass sie durch die Pipeline zu einer Energieinsel würden. Sie wollten eine über Land gelegte Pipeline, um so an das europäische Gasnetz angeschlossen zu werden.

Die Kritik aus Schweden wog am schwersten, da der größte Teil der 1200 Kilometer langen Gaspipeline durch die schwedische Wirtschaftszone führt. Hätte die Regierung in Stockholm die Leitung abgelehnt, wäre das gesamte Projekt gescheitert.

Die betroffenen Länder hatten offiziell vor allem Bedenken wegen möglicher Umweltschäden angeführt. Inoffiziell fürchteten sie jedoch um ihre eigene Sicherheit. So vermuteten sie etwa, dass Russland die Überwachung der Pipeline zu Spionagezwecken missbrauchen könnte.

Nach der Seerechtskonvention der Vereinten Nationen, die alle Ostseeanrainer unterschrieben haben, dürfen Staaten jedoch den Bau von Leitungen durch ihre Wirtschaftszonen nicht prinzipiell ablehnen. Wenn gravierende Umweltbeeinflussungen zu befürchten sind, sieht die Sache jedoch schon anders aus.

Die baltischen Länder und Polen bezeichneten die Gasleitung als erneuten deutsch-russischen Alleingang. Durch die von Altkanzler Schröder und dem russischen Ex-Präsidenten Putin initiierte Pipeline sehen sich diese Länder übergangen und befürchten, dass sie vom europäischen Energieverbund ausgeschlossen werden. Die baltischen Staaten hatten eine Verlegung der Pipeline über Land nach Westeuropa bevorzugt. Estland, Lettland, Litauen und Polen fürchten jetzt, dass sie zum energiepolitischen Spielball der Großmächte werden und Russland ihnen den Gashahn zudrehen kann. 


Kritiker fürchten größere Abhängigkeit von Russland

Die EU hatte das Projekt als besonders wichtig eingestuft, da die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen durch die Ukraine gemindert wird. In den vergangenen Jahren war es wegen ukrainisch-russischen Auseinandersetzungen immer wieder zu Lieferengpässen gekommen. Zuletzt hatte Russland im Winter 2009 im Streit die Gaslieferungen an Weißrussland gestoppt, sodass es auch in der EU zu Engpässen kam. Mit der Pipeline ende das „Diktat der Transitländer“ für russisches Gas nach Westeuropa, sagte Putin bei der inoffiziellen Eröffnung im September. 

Jedoch fürchten Kritiker auch die wachsende Abhängigkeit von russischem Gas. Schon jetzt beträgt dessen Anteil in Deutschland etwas mehr als 40 Prozent. Wenn Russland den Gashahn zudrehen würde, hätten wir hierzulande ein großes Problem. Energieexpertin Kemfert hält diese Bedenken für unbegründet. „Gazprom war für Deutschland immer ein zuverlässiger Gaslieferant, das wird sich voraussichtlich auch in der Zukunft nicht ändern“, sagt sie. 

Der erste Leitungsstrang ist von Nord Stream kann bis zu 27,5 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich transportieren. Der Bau des zweiten Strangs soll bis Ende 2012 abgeschlossen sein. Dann hat die Nord-Stream-Leitung eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Das wäre genug, um bis zu 26 Millionen Haushalte mit Gas zu versorgen. Ob auf Grund des größeren Gasangebots in Zukunft auch die Preise für den Energieträger sinken, ist jedoch fraglich. 

Gazprom koppelt noch immer im Rahmen langfristiger Verträge den Gaspreis an den Ölpreis. Auf den internationalen Märkten ist der Gaspreis jedoch aufgrund des derzeitigen Überangebots niedriger. „Wenn Gazprom keine flexiblen Gaspreise zulässt ist eher nicht mit einer Entspannung der Gaspreise zu rechnen“, sagt Energieexpertin Kemfert. 

Für viele deutsche Unternehmen hat sich das milliardenschwere Projekt jedenfalls jetzt schon ausgezahlt. Das niedersächsische Unternehmen Salzgitter beispielsweise liefert den Stahl und der Logistikdienstleister Schenker transportiert die Rohre, von denen 70 Prozent von Europipe in Mühlheim an der Ruhr gefertigt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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