Problemfall Energiesparte: Siemens ist "nah an der Katastrophe"

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Problemfall Energiesparte: Siemens ist "nah an der Katastrophe"

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Die Energiesparte bei Siemens ist zuletzt deutlich abgestürzt-

von Matthias Kamp

Das Energiegeschäft von Siemens läuft noch schlechter als bisher bekannt. Die Belegschaft stellt sich auf eine neue Kündigungswelle ein. Warum fällt der Konzern zurück? Und wie ist die Wende zu schaffen?

Die lang gezogene, silbrig-graue Fabrikhalle in der Mülheimer Rheinstraße grenzt direkt an die Ruhr. „Siemens Power Generation“ steht in großen Buchstaben an der Außenwand. Neben dem Eingang flattern müde drei Fahnen mit dem Firmenlogo im Wind. Eine Straße weiter liegt ein verlassener Baumarkt; bei Pommes Klaus nebenan sind auch mittags noch die Rollläden unten.

Die triste Ruhrgebietsszenerie passt zur Stimmung, die in diesen Tagen hinter den Toren der Mülheimer Siemens-Hallen herrscht. Der Konzern baut hier Dampfturbinen – die ganz großen Maschinen, von 250 Megawatt bis hoch in Leistungsbereiche von 600 Megawatt. Die Anlagen werden unter anderem in Kohlekraftwerken gebraucht, wo sie aus Dampf Strom erzeugen.

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Belegschaft erwartet nächste Kündigungswelle

Etwa 4800 Leute arbeiten im Mülheimer Werk – noch. Siemens verhandelt mit den Betriebsräten über Abfindungen für 450 Leute. Die müssen gehen, weil das Geschäft mit Anlagen zur Energieerzeugung lahmt, „konjunkturbedingt“, so die offizielle Begründung bei Siemens. Insgesamt fallen in Deutschland 1200 Jobs in der Energiesparte weg, so der bisherige Plan von Vorstandschef Joe Kaeser.

Die Siemens-Sparten im Vergleich

  • Energy

    Ergebnis
    2013: 1955
    2014: 1569
    Tendenz: -

    Ergebnismarge
    2013: 7,3
    2014: 6,4
    Tendenz: -

    Umsatz*
    2013: 26,6

    2014: 24,6
    Tendenz: -

    *Werte gerundet
    Geschäftsjahresende ist der 30.September
    Quelle: Geschäftsbericht

  • Healthcare

    Ergebnis
    2013: 2033
    2014: 2027
    Tendenz: -

    Ergebnismarge
    2013: 16,1
    2014: 16,3
    Tendenz: +

    Umsatz*
    2013: 12,6

    2014: 12,4
    Tendenz: -

    *Werte gerundet
    Geschäftsjahresende ist der 30.September
    Quelle: Geschäftsbericht

  • Industry

    Ergebnis
    2013: 1563
    2014: 2252
    Tendenz: +

    Ergebnismarge
    2013: 9,2
    2014: 13,2
    Tendenz: +

    Umsatz*
    2013: 16,9

    2014: 17,1
    Tendenz: +

    *Werte gerundet
    Geschäftsjahresende ist der 30.September
    Quelle: Geschäftsbericht

  • Infrastructure & Cities

    Ergebnis
    2013: 291
    2014: 1487
    Tendenz: +

    Ergebnismarge
    2013: 1,6
    2014: 7,9
    Tendenz: +

    Umsatz*
    2013: 17,9

    2014: 18,9
    Tendenz: +

    *Werte gerundet
    Geschäftsjahresende ist der 30.September
    Quelle: Geschäftsbericht

Doch in Mülheim stellt sich die Belegschaft schon auf die nächste Kündigungswelle ein. Im Mai wolle Siemens neue Streichungen in der Energiesparte verkünden, heißt es in Unternehmenskreisen. Die Rede ist von mehreren Tausend Arbeitsplätzen. „Dann sind wir hier in Mülheim bei einem Personalabbau im vierstelligen Bereich“, fürchtet ein Betriebsrat.

Ob in Mülheim, Görlitz, Erfurt oder Berlin: Wo Siemens Ausrüstung und Anlagen für die Energieerzeugung fertigt, herrscht derzeit Krisenstimmung. „Nah an der Katastrophe“, so beschreibt es ein Insider, entwickle sich der Bereich. Alles laufe viel schlechter, als man noch vor wenigen Monaten geglaubt habe, heißt es in Unternehmenskreisen. Man sei bei der „Energieerzeugung technisch weit hinten dran“. Es werde Jahre dauern, bis Siemens den Rückstand aufgeholt habe.

Kaeser schiebt die Schuld an den Problemen gerne Richtung Berlin, die Energiewende, die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Nachfrage nach großen Turbinen einbrechen lassen. Siemens aber hat auch Trends verschlafen, ist bei wichtigen Technologien weit hinter der Konkurrenz zurückgeblieben.

Sparte Power und Gas schrumpfte um drei Prozent

Schon die letzten Zahlen waren ernüchternd. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, also von Oktober bis Dezember 2014, brach der Gewinn in der Sparte Power and Gas im Vergleich zum Vorjahresquartal von 536 auf 325 Millionen Euro ein. Der Umsatz, bereinigt um Zukäufe, Verkäufe und Währungseffekte, schrumpfte um drei Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. „Es gibt kein anderes Geschäft im Hause mit einem vergleichbar großen Handlungsbedarf“, hatte Kaeser dazu im Januar erklärt. Wenn der Siemens-Chef Anfang Mai das Zahlenwerk zum zweiten Quartal vorlegt, werde es aber noch schlimmer kommen, heißt es nun in Konzernkreisen. Siemens wollte dazu keine Stellung nehmen.

Viel zu spät haben die Münchner erkannt, dass immer mehr Städte und Gemeinden auf kleine Gaskraftwerke zur Stromerzeugung bauen. Oftmals nutzen diese Kraftwerke zusätzlich die entstehende Wärme zur Heizung privater Haushalte und kommen so auf Wirkungsgrade von mehr als 90 Prozent. „Die dezentrale und kleinteilige Energieversorgung ist der zentrale Trend“, sagt etwa Marco Deckert, Energieexperte am Fraunhofer-Institut in Sulzbach bei Nürnberg.

Götz Brühl ist Geschäftsführer der Stadtwerke im oberbayrischen Rosenheim, einer Stadt mit gut 60 000 Einwohnern. Brühls ganzer Stolz ist ein kleines Kraftwerk, in dem die Stadt ihren Müll verbrennt. Das so entstandene Gas treibt mehrere Motoren an, die Strom und Wärme erzeugen. Schon vor zwölf Jahren hat Rosenheim dafür die ersten vier Gasmotoren mit je vier Megawatt angeschafft. Vor Kurzem hat Brühl das Kraftwerk erweitert und noch einen Gasmotor mit einer Leistung von zehn Megawatt eingekauft.

„Den Strom speisen wir ins Netz ein“, erläutert Brühl, „vorzugsweise zu Zeiten, in denen der Preis an der Strombörse hoch ist.“ Die entstehende Wärme können die Rosenheimer speichern oder ins Fernwärmenetz einspeisen. Kombiniert kommt das kleine Kraftwerk mit seinen knapp 30 Megawatt auf mehr als 90 Prozent Wirkungsgrad.

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5 Kommentare zu Problemfall Energiesparte: Siemens ist "nah an der Katastrophe"

  • @ Matthias Kamp ...kommen Sie doch heute mal nach Mülheim die 6 Fahnen und nicht 3 wehen nicht müde im Wind heute ist es windiger ! Pommes Klaus öffnet jeden Morgen sogar vor 5 Uhr und der geschlossene Baumarkt hat sich um das 4 Fache vergrößert und ist nur umgezogen....aber ab und zu haben Sie auch Recht

  • Aus der Misere kommt Siemens nur, wenn sie ihre Firmenphilosophie umstellt von einem Schmiergeld getragenen Vertrieb auf die Entwicklung konkurrenzfähiger Produkte! Ja, so einfach und doch so schwierig kann das sein!

  • Man Siemens durchaus verzeihen, dass die neuentwickelte,,besonders sparsame Großturbine kaum einer haben will und zwar nicht nur wgen der deutschen Politik, denn die Nachfrage danach ist weltweit mau.
    Also, am falschem Ende entwickelt und investiert, sei's drum, kann passieren.
    Doch das Drama ist, dass Ideengeber, die Neues im Sinn haben ausgebremst werden, sie kommenmdort nichtnweiter und hauen ab. Es ist bei Siemens als ob man über Kaugummi läuft, überall klebt man fest, bekommt keine Termine mit den trägen Vorstandsetagen, dass ist auf gut Deutsch ZUM KOTZEN in diesem Laden, der die Aufgabe vonmerfolglosen Geschäftsbereichen zum Selbstzweck,macht.
    Die Malaise war doch schon lange zu sehen, die dezentralisierung der Energieproduktion und der Boom kleiner Nalagen.
    Sometwas muß man in einer Art und Weise puschen,mwie Siemens es gar nicht kann, da ist auch Kaeser überfordert, der ja auch ein Altvorderer ist, dazu noch ein Finanzmensch,mdem es an Fantasie, Ideen und Esprit für teschnisches fehlt.
    Ich möchte ihn Fragen, welches Startup, welche Neunentwicklung hat er angestossen, wieviel Termine mit Entrepeneuren hat er gemacht. Er sollte mal einen Monat lang durch die Stratups von Rockett wandern, um zu sehen, was dort in dieser Zeit alles passiert, wie hochdrehend dort geschraubt, optimiert und erobert wird.
    Selbst in traditionellen Bereichen, wie z.B. Antriebe, Züge etc. dominieren Pleiten, Pech und Pannen,
    ma muß schneller und findiger werden, z.B. um Kunden mit passenden, innovativen Finanzierungen zu helfen.
    Oder dieser tolle neue kleine innovative E-Flugzeugmotor der ist toll, doch noch zu teuer. Hier verhält sich Siemens mal,wieder ähnlich wie beim damaligen weltweit ersten Farbhandy, man setzt sich bequem auf die Hochpreiskiste, andere kopieren die Entwicklung und entwickel fulminant billigere, größere und kleinere Modelle und erobern und schaffen neue Märkte, auch mit schnellen und reagiblen Partnerschaften und Übernahmen.
    Ein träger Riese halt!

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