Rheumamittel Humira: Das wertvollste Medikament der Welt

Rheumamittel Humira: Das wertvollste Medikament der Welt

, aktualisiert 30. Januar 2017, 15:23 Uhr
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Zum Gesamtumsatz von Abbvie steuerte das Medikament Humira zuletzt 16,1 Milliarden Dollar bei.

von Siegfried HofmannQuelle:Handelsblatt Online

Forscher der BASF hatten den Wirkstoff entwickelt, der US-Konzern Abbvie machte ihn zum erfolgreichsten Produkt der Pharmabranche. 2016 erzielte das Rheumamittel Humira erstmals Erlöse von mehr als 16 Milliarden Dollar.

FrankfurtDie Erfindung aus den Labors der BASF hält den amerikanischen Pharmakonzern Abbvie damit weiter auf solidem Wachstumskurs halten. Dank Humira konnte Abbvie im vergangenen Jahr den Umsatz um 13 Prozent auf 25,6 Milliarden Dollar steigern. Der Nettogewinn verbesserte sich um rund 16 Prozent auf knapp sechs Milliarden Dollar, wie der US-Konzern jetzt bekannt gab.

Abbvie dürfte damit der einzige Pharmagroßkonzern sein, der im vergangenen Jahr organisch noch zweistellig gewachsen ist. Die meisten Konkurrenten unter den etablierten Pharmariesen verbuchen allenfalls leichtes Wachstum oder – wie etwa Novartis und Astra-Zeneca – sogar Umsatzrückgänge. Zum Gesamtumsatz von Abbvie steuerte Humira dabei 16,1 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Rheumamittel liefert damit 63 Prozent der Konzernerlöse. Der Anteil ist in den letzten zwei Jahren sogar noch leicht gestiegen, obwohl Abbvie bereits intensiv versucht, die Abhängigkeit von dem Bestseller durch Akquisitionen zu mindern. So hatte der Konzern unter anderem 2015 den Krebsspezialisten Pharmacyclics für rund 20 Milliarden Dollar übernommen. Die Umsätze mit dessen Krebsmittel Imbruvica legten zwar deutlich zu, blieben aber hinter den Erwartungen vieler Analysten zurück, ebenso wie die Hepatitismittel von Abbvie, während Humira einmal mehr positiv überraschte.

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Abbvie ist vor vier Jahren durch Ausgliederung aus dem Gesundheitskonzern Abbott Laboratories entstanden, der Anfang des letzten Jahrzehnts die BASF-Pharmasparte samt dem damals in der Endphase der klinischen Entwicklung befindlichen Humira übernommen hatte. Das Medikament gehört zu den so genannten TNF-Blockern, einer speziellen Klasse von Arzneistoffen, die relativ kompliziert sind und daher biotechnisch hergestellt werden müssen. Sie wirken gegen Autoimmun-Krankheiten wie Rheuma, indem sie den Botenstoff TNF neutralisieren und dadurch die Aktivität von Immunzellen gegen körpereigenes Gewebe reduzieren. Neben Humira sind derzeit noch vier weitere Mittel dieser Kategorie auf dem Markt. Diese werden von Pfizer, Johnson & Johnson, Amgen und UCB vertrieben.

Die spannende Frage lautet nun: Wie lange kann der Siegeszug von Humira noch weitergehen? Unter Analysten regt sich in dieser Hinsicht zusehends Skepsis. Die TNF-Blocker, so eine Befürchtung, könnten auf dem wichtigen US-Markt unter ähnlichen Preisdruck geraten wie etwa Diabetes- oder Asthmamittel, zumal bei den Konkurrenzprodukten Remicade (J&J) und Enbrel (Amgen, Pfizer) inzwischen die Patente abgelaufen sind.

Auch für Humira steht die Generika-Konkurrenz bereits in den Startlöchern. In Europa läuft der Patentschutz im kommenden Jahr aus, während in den USA um die Frage der Patentlaufzeit noch vor den Gerichten gestritten wird. Firmen wie Novartis, Amgen, Boehringer und einige andere arbeiten längst intensiv an Kopien von Humira, so genannten Biosimilars. Im September erhielt Amgen sogar bereits die erste Zulassung für ein solches Biosimilar zu Humira in den USA. Ein Verkauf des Produkts wird dort allerdings noch durch den Patentschutz blockiert.


„Erwarten weiter starkes Wachstum“

Abbvie-Chef Richard Gonzales demonstriert unterdessen weiter ungebrochene Zuversicht für seinen Blockbuster. „Wir sind zufrieden mit der Performance und erwarten weiter starkes Wachstum“, sagte er am Freitag bei Vorlage der Quartalszahlen. Den Patentschutz in den USA, glaubt Gonzales, wird Abbvie noch bis 2022 verteidigen können. Und auch die neue, unter anderem von Präsident Trump angeheizte Preisdebatte in den USA sieht er kaum als Gefahr. „Ich sehe nichts am Horizont, das Zweifel an den langfristigen Perspektiven rechtfertigt.“ Denn die Nachfrage nach Humira werde letztlich getrieben durch die sehr gute Wirkung und die soliden medizinischen Daten für das Medikament. Man gehe daher für 2017 weiter von zweistelligen Steigerungen der Verschreibungszahlen in den USA aus. Hinzu sollen weitere Preisanhebungen um jährlich einstellige Prozentsätze kommen. Außerhalb der USA rechne man mit etwa zwei Prozent Absatzwachstum bei stabilen Preisen.

Allerdings wird zumindest in Europa 2018 der Patentschutz ablaufen. Gonzales indessen verweist darauf, dass nach bisherigen Erfahrungen Biosimilars zunächst nicht mehr als ein Viertel der Verschreibungen und weniger als fünf Prozent der Umsätze in dem Markt erzielen dürften. Alles in allem dürfte Humira damit auf absehbare Zeit noch eine Goldgrube für den US-Konzern bleiben. Analysten gehen nach Daten der britischen Research-Firma Evaluate Pharma im Schnitt davon aus, dass Humira 2022 trotz Patentablauf noch fast 14 Milliarden Dollar Umsatz erzielen wird.

Die Geschichte von Humira begann im Grunde bereits vor gut einem Vierteljahrhundert in Ludwigshafen. Damals hatte der Chemieriese BASF noch große Ambitionen im Pharmageschäft und setzte seine Forscher unter anderem auf den Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) an. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Zytokin, einen Signalstoff, der im menschlichen Körper bei der Steuerung der Immunabwehr eine wichtige Rolle spielt. BASF-Manager hofften, dass man aus TNF einen Wirkstoff gegen Krebs machen könnte, und erwarben für einige Millionen Dollar eine Lizenz zur biotechnischen Produktion des Moleküls.

Bald aber zeigte sich, dass TNF bei vielen Krankheiten ohnehin im Überfluss im Körper zirkuliert und mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Eine BASF-Forschertruppe um Achim Möller und Heinz Hillen widmete sich daher der entgegengesetzten Strategie und suchten nach Rezeptoren, die in der Lage waren, TNF zu neutralisieren. Doch dem BASF-Management fehlte das Gespür für das medizinische Potenzial einer Anti-TNF-Strategie. Man trieb den Forschungsansatz daher nicht weiter voran und überließ zunächst der US-Firma Immunex das Feld, der man später auch einen Großteil der eigenen TNF-Patente verkaufte. Immunex - heute Teil des US-Biotechriesen Amgen - modifizierte den von BASF-Forschern erstmals identifizierten TNF-Rezeptor, um daraus das Medikament Enbrel zu entwickeln.

Erst einige Jahre später griff der Luwigshafener Chemieriese die Idee neu auf und entwickelte in Kooperation mit der britischen Biotechfirma Cambridge Antibody Technologies einen eigenen TNF-Blocker, einen sogenannten monoklonalen Antikörper gegen das Zytokin, den man unter der Bezeichnung D2E7 ab Mitte der 90er-Jahre in die klinischen Tests brachte. Aufgrund des politischen Widerstands gegen die Gentechnologie hatte der Konzern seine Biotech-Forschung zu diesem Zeitpunkt bereits nach Boston verlagert.

Beim zweiten Anlauf war sich das BASF-Management zwar durchaus bewusst, dass man eine Goldader in Händen hielt. Trotzdem unterschätzte man das Potenzial noch erheblich. Ende 2000, als sich D2E7 bereits in den abschließenden klinischen Tests befand, verkaufte der Konzern seine komplette Pharmasparte für knapp sieben Milliarden Dollar an den amerikanischen Pharmahersteller Abbott.

Gut ein Jahr nach der Übernahme erhielt Abbott die erste Zulassung für Humira. Mittlerweile ist das Medikament neben Rheuma für mehr als ein halbes Dutzend weiterer Autoimmun-Erkrankungen wie Schuppenflechte und Morbus Crohn zugelassen, bei denen Abwehrzellen gegen körpereigenes Gewebe Amok laufen. Humira ist dabei mit 40 Prozent Anteil klarer Marktführer in dieser Medikamentenkategorie.

Der Preis für die BASF-Pharmasparte, der damals ansehnlich erschien, entpuppte sich längst als Schnäppchen für den US-Konzern. Abbvie dürfte mit Humira inzwischen pro Jahr fast so viel operativen Gewinn einfahren wie man 2001 für das gesamte BASF-Pharmageschäft (samt diverser anderer Produkte) bezahlte.
Seit Markteinführung hat das Produkt kumuliert rund 95 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Allein die deutschen Krankenkassen geben derzeit pro Jahr etwa eine Milliarde Dollar für Humira aus.

Quelle:  Handelsblatt Online
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