Riesige Vorkommen: Gas-Boom in den USA

Riesige Vorkommen: Gas-Boom in den USA

, aktualisiert 19. November 2011, 09:27 Uhr
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Gasförderung in Texas: Ein gutes Geschäft

von Thomas JahnQuelle:Handelsblatt Online

In Amerika entsteht durch neue Fördertechniken ein Öl- und Gasboom. Deutsche Industrie-Konzerne wie Siemens hoffen auf das große Geschäft - zum Nachteil grüner Technologien.

New YorkNebel steigt über der Bühne auf. Man sieht nicht die Hand vor Augen, der gesamte Saal mit 2000 Gästen ist mit schwarzen Tüchern abgehängt. Selbst die Stühle sind schwarz. Dramatische Musik spielt auf. Dann fängt die Lasershow an. Als sich der Nebel wieder verflüchtigt, spricht die Gouverneurin vom US-Bundesstaat North Carolina, dann der Bürgermeister von Charlotte, dann sprechen die Siemens-Manager. Was für eine Party: Gestern wurde eine Gasturbinenfabrik von Siemens in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina eingeweiht. 350 Millionen Dollar steckt der deutsche Mischkonzern in das Werk und schafft mehr als 1000 Arbeitsplätze. Solch eine Produktionsstätte hat Siemens sonst nur noch in Berlin.

Warum Amerika? Die Frage ist leicht beantwortet: Siemens wittert hier das große Geschäft. Nach Expertenschätzungen könnten in den USA in den kommenden zehn Jahren ein Drittel aller knapp 1500 Kohlekraftwerke stillgelegt und durch Gaskraftwerke ersetzt werden. Eine Gasturbine wiegt ungefähr so viel wie ein Airbus A380, da produziert man besser vor Ort. Auch verkauft sich "Made in USA" besser an die US-Versorger, bei denen die Städte oder Bundesstaaten ein Wort mitzureden haben.

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Vor wenigen Wochen sicherte sich Siemens beispielsweise einen Megaauftrag von Florida Power & Light. Insgesamt liefern die Deutschen sechs Gasturbinen für die modernisierten Kraftwerke in Cap Canaveral. Über den genauen Preis einer Gasturbine schweigt sich Siemens aus, je nach Ausstattung und Modell zahlt man nach Brancheninformationen mehrere zehn Millionen Dollar pro Stück. Amerika bietet als weltgrößter Energiemarkt eine Milliardenchance für Siemens. "Amerika bietet für uns langfristig großartige Chancen", sagt Randy Zwirn, Chef von Siemens Energy in Amerika.

Noch vor wenigen Jahren galten die Erdgasvorkommen in den USA als erschöpft. Kohle ist ein billiger Rohstoff und massenhaft vor Ort vorhanden. Das ist wichtig für die Versorger: Der Bau eines Kraftwerks ist eine kostspielige Investition, die sich nicht in Jahren, sondern Jahrzehnten auszahlt. Fast jedes zweite Kraftwerk wird damit betrieben. Doch das Bild wandelt sich. "Heute ist es fast unmöglich, ein neues Kohlekraftwerk in den USA genehmigt zu bekommen", sagt Zwirn.

Eine große Rolle spielt der Umweltschutz. Genauso wichtig ist: In den USA gibt es massenhaft preiswertes Erdgas. Eine neue Bohrtechnologie macht es möglich. Mit dem sogenannten "Fracking" heben US-Unternehmen ungeahnte Mengen von Öl und Gas in Oklahoma, Texas oder Pennsylvania. Erst vor wenigen Tagen entdeckte das US-Unternehmen Anadarko in Colorado ein Öl- und Gasvorkommen mit über einer Milliarde Barrel. Es herrscht Goldgräberstimmung, noch vor Jahren waren Anbieter wie Devon oder Chesapeake unbekannte Firmen, jetzt zählen sie mit zu den größten Energieunternehmen Amerikas. Etablierte Konzerne wie Exxon Mobil springen auf den Zug auf.


Vorkommen reichen für 100 Jahre

Nach Schätzungen von Lobbygruppen reicht das Gas, um das Land für 100 Jahre zu versorgen. Das Gas kostet derzeit nur halb so viel wie europäisches Gas. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, fast täglich erschließen US-Unternehmen neue Gasquellen. Dass man sich damit selbst die Preise kaputt macht, ist zwar allen in der Branche klar. Aber es ist wie beim Goldrausch im 19. Jahrhundert: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Daher durchkämmen die Unternehmen die USA und sichern sich so viel Bohrrechte, wie sie können. Spätestens nach fünf Jahren müssen sie bohren, sonst verlieren sie das Recht wieder.

Das billige Gas setzt die alternativen Energien unter Druck. "Es drückt die Preise für Wind", sagt Michael Revak, Verkaufschef von Siemens Wind in Amerika. Nach einer Prognose des US-Energieministeriums zahlt man in den USA im Jahr 2016 inklusive aller Kosten für ein Megawatt pro Stunde Windenergie 97 bis 243 Dollar - je nachdem, ob die Elektrizität auf dem Meer oder auf dem Land produziert wurde. Gas kostet dagegen je nach Turbine nur 66 bis 103 Dollar. "Die Revolution hat erst begonnen", sagt John Richels, Chef von Devon, dem größten unabhängigen Energieunternehmen Amerikas.

Zumindest die Politik müsste sich über den Öl- und Gas-Boom freuen: Er schafft Arbeitsplätze, verringert die Abhängigkeit von den Opec-Ölförderstaaten und senkt den CO2-Ausstoß. Dazu siedeln sich Unternehmen wie Dow Chemical wieder in den USA an, weil sie sich für ihre energieintensive Produktion preiswertes Erdgas sichern wollen. Aber die US-Regierung ist nicht so recht begeistert. Die neue Bohrtechnik wird von Umweltschützern kritisiert. Dass sie auch Solar- und Windenergie das Leben schwermacht, freut die Regierung unter US-Präsident Obama gar nicht - sie hatte sich die Förderung grüner Technologien auf die Fahne geschrieben.

Die Branche leidet zudem massiv unter einem Skandal in den eigenen Reihen: Das insolvente Unternehmen Solyndra veruntreute Fördermittel in Höhe von 535 Millionen Dollar. Solche Schlagzeilen sind Gift auch für Wind. Deren Subventionen sind bis Ende 2012 befristet. Im November 2012 wählen die Amerikaner. Gewinnen die Republikaner, könnten die Subventionen wackeln. Das würde auch Siemens treffen, die seit sieben Jahren im amerikanischen Windmarkt tätig sind und hinter General Electric mit einem Marktanteil von 16 bis 18 Prozent die Nummer zwei sind. "Fallen die Steuererleichterungen weg, könnte die Nachfrage dramatisch einbrechen", sagt Revak.

Quelle:  Handelsblatt Online
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