Roland Koch im Interview: „Wir sind kein Baukonzern mehr“

Roland Koch im Interview: „Wir sind kein Baukonzern mehr“

, aktualisiert 29. November 2011, 12:13 Uhr
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Der Vorstandsvorsitzende von Bilfinger Berger, Roland Koch.

von Georg WeishauptQuelle:Handelsblatt Online

Rund 80 Firmen hat Bilfinger Berger gekauft. Da hat Roland Koch viel zu tun. Der Vorstandschef des Baukonzerns erklärt im Gespräch mit dem Handelsblatt seine Strategie und ob Bilfinger einen neuen Namen braucht.

Handelsblatt: Herr Koch, die Schuldenkrise hat in Italien und Griechenland Finanzfachleute an die Spitze der Regierungen gespült. Glauben Sie als Ex-Politiker, dass die beiden die Finanzkrise meistern?

Roland Koch: Ich glaube nicht, dass Nichtpolitiker prinzipiell besser geeignet sind, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Die neuen Regierungen können nur eine Übergangslösung sein. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass sie die notwendigen unbequemen Entscheidungen schneller treffen können. Aber sie müssen bald lernen, wie Politik funktioniert, sonst werden sie scheitern.

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Handelsblatt: Teilen Sie die Sorge, dass die Finanzkrise vom Süden Europas auf den Kern der Euro-Zone übergreift?

Koch: Die Frage, ob Europa seine Schuldenkrise managen kann, bleibt sicherlich nicht auf einige wenige Länder begrenzt. Das in Griechenland entstandene Problem zwingt zu einem Paradigmenwechsel.

Handelsblatt: Und der wäre?

Koch: Es zwingt die Euro-Staaten dazu, gemeinsam Verantwortung zu tragen und sich nicht hinter einer "No-bail-out-Klausel" zu verstecken. Und es zwingt die Finanzmärkte, eine neue Art von Bewertung für Staatsschulden zu suchen. Ratingagenturen, die Unternehmen beurteilen, sind mit ihren Instrumenten heute dazu völlig ungeeignet. Nur die Europäische Zentralbank (EZB), der europäische Stabilisierungsfonds und die innere Disziplinierung im Euro-Raum können neues Vertrauen schaffen.

Handelsblatt: Tut die Bundeskanzlerin genug?

Koch: Die Kanzlerin ist in einer extrem schwierigen Situation, mit der sie sehr verantwortungsbewusst umgeht. Auf der einen Seite muss sie die deutschen Interessen im Auge haben - und die hat sie auch im Blick. Auf der anderen Seite muss und will sie es auch an unserem Beitrag zur Stabilisierung der Euro-Zone und damit letztlich unseres Kontinents nicht fehlen lassen, zumal wir die größten Nutznießer sind. Vielen in unserem Land dämmert erst allmählich, welche Position Deutschland in Europa innehat.


"Meine Aufgabe ist es, Türen zu öffnen"

Handelsblatt: Gefährdet die Finanzkrise das Geschäft von Bilfinger Berger in 2012?

Koch: Wir sind heute zumeist mit langfristigen Rahmenverträgen für unsere Kunden tätig und deutlich weniger vom volatilen Projektgeschäft abhängig. Zudem haben wir den großen Vorteil, in vielen sehr unterschiedlichen Branchen zu arbeiten. Dadurch streuen wir das Risiko. In unserer Sparte Power Services profitieren wir von der Energiewende. Auch das Geschäft mit der Wartung von Anlagen in der Öl- und Gasindustrie läuft weiterhin äußerst erfolgreich. Das Unternehmen hat schon die Krise 2008 gut gemeistert. Wir sind auch für 2012 optimistisch, dass wir unseren Wachstumskurs fortsetzen können.

Handelsblatt: Sie sehen also keine Rezessionsgefahr?

Koch: Nein, für Deutschland sehe ich die Gefahr nicht. Dennoch sind wir heute bei unseren kurzfristigen Prognosen vorsichtiger als noch im Sommer.

Handelsblatt: Trotzdem setzen Sie sich für die nächsten fünf Jahre sehr hohe Ziele: Sie wollen das Konzernergebnis verdoppeln und die Leistung um 50 Prozent steigern.

Koch: Wir haben die Planung ja in Kenntnis der aktuellen Situation vorgenommen. Sie geht davon aus, dass wir nicht in eine langfristige strukturelle Krise schlittern. Ob es in den nächsten Monaten ein wenig auf- und abgeht, tangiert nicht unsere solide, mittelfristige Perspektive.

Handelsblatt: Aber Prognosen sind gefährlich. Ihr Konkurrent Hochtief musste sie dieses Jahr zweimal korrigieren.

Koch: Hochtief hat ein anderes Risikoprofil, ist viel mehr vom volatilen Projektgeschäft abhängig. Darin liegt sicher unser strategischer Vorteil.

Handelsblatt: Ihr Wachstumskurs gelingt ihnen aber nur, wenn Sie die Unternehmen im Konzern vernetzen. Wie soll das gehen?

Koch: Das ist nicht einfach. Wir wollen, dass der Kunde von unseren vielen Einheiten künftig gemeinsame Dienstleistungen erhält. Meine Aufgabe ist es, Türen zu den Schwesterunternehmen zu öffnen. Aber unser Geschäft bleibt eine Kombination aus mittelständischer Kundennähe und der Reputation und Qualitätsgarantie eines internationalen Konzerns.
Handelsblatt: Wie soll das funktionieren?
Koch: Wir bauen gerade ein Kundenkontaktsystem auf, damit jeder bei Bilfinger weiß, wer auch Kunde in einem anderen Teilkonzern ist. Denn wir erbringen ja Dienstleistungen für fast jedes Unternehmen in Deutschland. Dann können die Teilkonzerne künftig gemeinsam zum Kunden gehen.


Halbe Milliarde zur Verfügung

Handelsblatt: Da laufen also demnächst mehrere Kollegen aus verschiedenen Teilkonzernen beim Kunden auf?

Koch: Wir müssen zunächst einmal vermeiden, dass fünf oder sechs Mitarbeiter von Bilfinger zum Kunden gehen, ohne voneinander zu wissen. Früher spielte das keine Rolle, weil sie für getrennte Unternehmen arbeiteten. Jetzt geht das nicht mehr.

Handelsblatt: Wie wollen Sie alle 58 000 Mitarbeiter von Ihrer Strategie überzeugen?

Koch: Es geht ja nicht darum, dass der gut ausgebildete Schweißer in Südafrika mit dem Koch in der Kantine bei der EADS in München zusammenarbeitet. Wir müssen aber die dafür nötige Managementstruktur aufbauen. Alle 300 bis 400 obersten Führungskräfte haben deshalb von mir persönlich erfahren, wie ich mir die strategische Entwicklung vorstelle. Das ist der Startschuss für Dutzende Projekte, die bis zur Basis reichen.

Handelsblatt: Ist die neue Marke "One", bei der sie die Zusammenarbeit des klassischen Hochbaus mit der Sparte Gebäudemanagement testen, ein Modell für andere Bereiche?

Koch: Bei Gewerbebauten herrscht die Mentalität: zu billigsten Preisen bauen, schnell einen Zehnjahresmietvertrag finden und das Ganze an einen Fonds verkaufen. Der wundert sich später über die schlechte Qualität. Mit "One" gehen wir einen neuen, nachhaltigen Weg: Planung, Bau und Betrieb aus einer Hand - mit einer jahrelangen Kostengarantie für die sogenannte zweite Miete. Ja, von solchen Projekten wird es ganz viele geben.

Handelsblatt: Zudem müssen Sie das Auslandsgeschäft ausbauen.

Koch: Ja. Aber uns stehen mehr als eine Milliarde Euro für Übernahmen zur Verfügung.

Handelsblatt: Und wo liegen die wichtigsten Märkte außerhalb Europas?

Koch: Unser Blick geht klar nach Asien. So ist Indien mit seinem großen Energiebedarf und seiner Prozessindustrie für uns ein großer Markt. Dort haben wir gerade mit Neo Structo einen ersten wichtigen Dienstleister übernommen. Er bildet die Basis für weitere Akquisitionen in Indien. Wir werden aber auch unsere Basis in Nordamerika ausbauen.


"Ich habe mir den Wechsel gut überlegt"

Handelsblatt: Bilfinger Berger lässt sich in Asien kaum aussprechen. Werden Sie einen neuen Namen kreieren?

Koch: Wir arbeiten derzeit noch unter sehr vielen Marken auf der Welt. Das müssen wir sicherlich ändern.

Handelsblatt: Denken Sie an einen Kunstnamen wie Eon?

Koch: Ich glaube nicht, dass wir bereit sind, genug Geld zu investieren, um weltweit einen neuen Namen durchzusetzen. Aber wir können uns vorstellen, unseren Namen mit einer Aussage zu kombinieren. Sie soll erkennbar machen: Aus dem Bau- ist ein Dienstleistungskonzern geworden. Das Ergebnis werden Sie schon Anfang des Jahres sehen.

Handelsblatt: Was sagt Ihr neuer Großaktionär Cevian Capital zu ihren Plänen?

Koch: Wir erklären ihm selbstverständlich unsere Strategie. Aber wir wollen keine Verantwortlichkeiten verwischen. Dazu gehört auch, dass wir nicht öffentlich verkünden, wann und wie wir mit Aktionären sprechen.

Handelsblatt: Sie haben also noch nicht mit Cevian gesprochen, zum Beispiel über einen Sitz im Aufsichtsrat?

Koch: Wie ich gerade sagte: Das Unternehmen wird die Kontakte zu seinen Aktionären nicht kommentieren.

Handelsblatt: Haben Sie den Wechsel aus der Politik in die Wirtschaft schon bereut?

Koch: Nein, keinen Tag, was sicherlich an zwei Dingen liegt: Ich habe nach einer langen Zeit in der Politik mir diesen eigenen Wunsch zum Wechsel gut überlegt. Und ich habe das große Glück, eine Herausforderung zu finden, die mich ausfüllt und mir Spaß macht.

Handelsblatt: Herr Koch, ich danke Ihnen für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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