Russland: Wie die Sanktionen deutsche Unternehmen treffen

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Russland: Wie die Sanktionen deutsche Unternehmen treffen

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Die deutsch-russische Zusammenarbeit leidet unter der politischen Krise, wie die geplatzen Gas-Deals zeigen

von Sebastian Schaal

Opel stellt die Produktion in Russland ein, anderen deutschen Unternehmen entgehen Milliarden-Geschäfte. Noch schwerer als die Sanktionen wirkt die Schwäche der russischen Wirtschaft selbst.

Rainer Seele kann sich freuen. Bei der Jahrespressekonferenz stellte der Wintershall-Chef das zweitbeste Ergebnis der 121-jährigen Geschichte des Unternehmens vor. Deutschlands größter Erdöl- und Erdgasförderer verdiente bei einem Umsatz von 15,1 Milliarden Euro unterm Strich 1,46 Milliarden Euro. Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann – auch wenn es nicht ganz an das Rekordjahr 2013 heranreicht.

Vor allem, wenn man die Umstände bedenkt: Der Ölpreis ist seit Monaten auf Talfahrt, die Wechselkurse erschweren dem international tätigen Unternehmen die Planung. Die Öl- und Gasproduktion konnte die BASF-Tochter trotz der monatelangen Förderunterbrechungen in Libyen auf 136 Millionen Barrel Öläquivalent (boe) steigern. Die höheren Mengen, vor allem in Russland und Norwegen, konnten die niedrigeren Preise allerdings nur teilweise kompensieren.

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Die Sanktionen der EU und USA gegen Russland

  • Banken

    Die EU erschwert den Zugang zu den EU-Finanzmärkten für russische Banken. Gilt für alle Banken mit einem staatlichen Anteil von mindestens 50 Prozent. Sie können auf den EU-Kapitalmärkten keine neuen Wertpapiere oder Aktien von russischen Unternehmen mehr verkaufen.

    In den USA fallen drei weitere Banken im russischen Staatsbesitz unter die Strafmaßnahmen, damit sind es nun fünf von sechs: Die Bank von Moskau, die Russische Landwirtschaftsbank und die VTB Bank kamen hinzu. Ihnen wird der Zugang zu mittel- und langfristiger Dollarfinanzierung für Russland erschwert. Sie dürfen aber weiter in den USA operieren.

  • Waffen

    Die EU verbietet künftige Rüstungslieferungen. Betroffen sind alle Güter, die auf einer entsprechenden Liste der EU stehen. Gilt nicht für bereits unterzeichnete Verträge, also auch nicht für die Lieferung von zwei französischen Hubschrauberträgern im Wert von 1,2 Milliarden Euro an Russland.

    In den USA wurde die United Shipbuilding Corporation (größtes russisches Schiffsbau-Unternehmen) zu den bislang acht auf der Sanktionsliste stehenden Firmen im Verteidigungssektor ergänzt. Die Unternehmen dürfen nicht mehr das US-Finanzsystem nutzen oder mit amerikanischen Bürgern Geschäfte machen.

  • Technologie

    Die EU verbietet den Export von bestimmten Hochtechnologiegütern an das Militär. Gilt beispielsweise für Verschlüsselungssysteme sowie für Hochleistungscomputer.

  • Energie

    Die EU untersagt die Ausfuhr für Spezialtechnik zur Ölförderung. Zielt auf Geräte, die für Ölbohrung und -förderung beispielsweise in der Arktis gebraucht werden.

    Auch in den USA gelten für Unternehmen aus der Ölbranche eingeschränkte Importmöglichkeiten für Technik zur Erschließung von Ölquellen in tiefen Gewässern, vor der arktischen Küste oder in Schiefergestein. Die aktuelle Energieproduktion werde damit aber nicht beeinträchtigt.

Dazu kommt: Wintershall ist wie kaum ein anderes deutsches Unternehmen in Russland involviert. Und gerade im Öl- und Gashandel mit den Russen zählt derzeit das politische Kalkül mehr als ökonomische Logik. Der Einfluss auf das Jahresergebnis ist zwar noch gering, die politische Krise zwischen Ost und West wirkt sich aber dennoch auf strategische Entscheidungen des Unternehmens aus.

Wichtige Russland-Projekte scheitern

Anfang Dezember stoppten die Russen einseitig den Bau der Gaspipeline South Stream, an der auch Wintershall beteiligt ist. „Wir hätten das gerne gemacht. Gazprom übrigens auch. Es sind aber aus Europa deutliche Signale gesendet worden, dass Gazprom nicht unbedingt als Investor willkommen ist“, sagte Seele im Interview mit dem „Handelsblatt“. „Deshalb machte das Milliardenprojekt am Ende auch aus unserer Sicht keinen Sinn mehr. Letztlich hat die EU es blockiert.“

Auch ein weiteres deutsch-russisches Projekt mit Beteiligung von Wintershall ist inzwischen geplatzt: Gazprom sollte den gemeinsam mit der BASF-Tochter betriebenen Gashändler Wingas komplett übernehmen, Wintershall als Gegenleistung die Förderrechte an einem Gasfeld in Sibirien erhalten. „Wir bedauern das. Es ist eines der attraktivsten Gasfelder, das uns angeboten wurde, weil die Förderung dort sehr profitabel ist“, sagt Seele. „Wir haben uns zusammengesetzt und waren uns einig, dass sich die Rahmenbedingungen – insbesondere die politischen – so verschlechtert haben, dass dieser Asset-Tausch nicht mehr sinnvoll ist.“

Russland - und die Ängste seiner Nachbarn

  • Estland

    25 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Russen. 2007 erlebte das High-Tech-Land einen schlimmen Hackerangriff wohl aus Russland – da wird die Krim-Krise zum Albtraum.

  • Lettland

    Ohne russisches Gas gehen rund um Riga die Lichter aus. Das wissen die zwei Millionen Letten, von denen mehr als ein Drittel Russisch als Muttersprache angibt.

  • Litauen

    Hier begann vor 25 Jahren der Zerfall der Sowjetunion, hier verschifft Russland heute viel Erdöl. Zum russischen Erdgas gibt es auch in Litauen bislang keine Alternative.

  • Polen

    Russland fernhalten – das ist hier parteiübergreifende Staatsraison. Seit Jahren sehen sich die Polen als Fürsprecher der Ukraine in der Europäischen Union.

  • Tschechien

    Die Annexion der Krim erinnert die Tschechen fatal an den sowjetischen Einmarsch in Prag vor 46 Jahren. Russland ist weit weg – das Gefühl der Bedrohung nicht.

  • Slowakei

    Das Land musste 2009 tagelang ohne Gas auskommen – Kollateralschaden russischer Sanktionen gegen die Ukraine. Eine Neuauflage dieses Szenarios wäre bedrohlich.

  • Ungarn

    Ohne eigene Energiequellen sind die Ungarn vom russischen Öl und Gas abhängig. Trotzdem subventioniert die Regierung großzügig den Stromverbrauch im Lande.

  • Rumänien

    Was geschieht mit dem Land, wenn die 1,4 Millionen Ungarn in Siebenbürgen nach dem Muster der Krim-Russen die heutige Staatsgrenze infrage stellen?

  • Bulgarien

    Ohne Öl und Gas aus Russland würde das arme Land völlig zusammenbrechen – darum fürchtet die Regierung in Sofia nichts mehr als eine Verschärfung der Konfrontation.

  • Krim

    Die Halbinsel ist ein Armenhaus. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl entsprach ihre Wirtschaftsleistung bisher kaum 40 Prozent des ukrainischen Durchschnitts. Wie Putin seinen neuen Untertanen den Aufschwung bescheren will, ist unklar.

  • Republik Moldau

    Im Sommer 2014 hat das Land ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet. Doch in der abtrünnigen Region Transnistrien stehen schon lange russische Truppen.

  • Georgien

    Ökonomisch orientiert sich das Land an Europa. Wegen des Konflikts um Südossetien hat Russland ein Embargo verhängt. Das wurde aber gerade gelockert.

  • Armenien

    Das arme Land hängt am Tropf Russlands. Moskau liefert billiges Gas, baut ein Atomkraftwerk – und unterstützt die Armenier im Grenzkonflikt mit Aserbaidschan.

  • Aserbaidschan

    Die ölreiche Staat drängt sich den Europäern als alternativer Lieferant auf, der Europa bei der Diversifizierung der Energieversorgung helfen kann. Das passt den Russen gar nicht.

  • Ukraine

    Die neue Regierung drängt in Richtung EU, der Osten des Landes ist mit Russland verbandelt. Aber der Handel mit Russland nimmt ab, die Oligarchen sind auf West-Kurs.

  • Weißrussland

    Das unterentwickelte Land hat seine Pipelines an Russland verkauft und Raffinerien an Moskauer Banken verpfändet. Minsk ist abhängig von Moskau wie keine andere Regierung.

  • China

    Peking will seinen wichtigen Partner Russland nicht verprellen. Doch Grenzverschiebungen wie auf der Krim machen China mit Blick auf Tibet und die Uiguren extrem nervös.

  • Kasachstan

    Im Norden des Landes gibt es viele Städte, in denen Russen die Mehrheit stellen. Kasachstan ist mit seinen Rohstoffen außerdem für Russland wirtschaftlich sehr attraktiv.

Dennoch sorgt sich Seele um das deutsch-russische Verhältnis und sieht in den Sanktionen „eine Belastung für unsere Geschäftsbeziehungen“. „Unter den russischen Geschäftspartnern ist die Unterstützung für die Politik von Präsident Wladimir Putin sehr groß. Und für die Sanktionen hat niemand Verständnis, weil sie in erster Linie die Bevölkerung treffen“, sagt der Wintershall-Chef. „Die Sanktionen untergraben Putins Autorität nicht wie gewünscht. Im Gegenteil, das schweißt die Russen noch stärker zusammen.“

Auch in der deutschen Autobranche ist die Stimmung merklich abgekühlt. Galt Russland noch vor einem Jahr als der Wachstumsmarkt schlechthin, der bis 2020 der größte Markt Europas werden sollte, zieht zum Beispiel Opel jetzt die Reißleine und schließt sein Werk in Sankt Petersburg. „Die Situation ist mehr als belastend. Der Markt hat sich mehr als halbiert“, sagt Opel-Chef Karl-Thomas Neumann im „Handelsblatt“. „Wir sind zu der Einschätzung gekommen, dass die Perspektive für den russischen Markt nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig nicht gut ist. In der aktuellen Situation sehen wir keine Grundlage für massive Investitionen in Russland.“

6,5 Milliarden Euro weniger Exporte

Der Schritt von Opel ist die „Ultima Ratio“, in anderen Branchen ist die Lage derzeit noch besser. Dennoch: Gegenüber den Vorjahren verdienen die rund 6000 deutschen Unternehmen, die in Russland aktiv sind, Milliarden weniger. Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft beziffert die Exporteinbußen nach Russland im vergangenen Jahr auf 6,5 Milliarden Euro, das Minus der EU-Exporte nach Russland liegt sogar bei 16 Milliarden Euro.

Deutschland im Gasstreit gewappnet

  • Speichermöglichkeiten

    Die Bundesrepublik verfügt mit einer Kapazität von etwa 23 Milliarden Kubikmetern über die weltweit viertgrößten Speichermöglichkeiten. Dies entspricht rechnerisch mehr als einem Viertel des deutschen Jahresbedarfs an Gas.

  • Füllstand der Speicher

    Der Energiestreit zwischen Russland und der Ukraine hat für deutsche Verbraucher zunächst nichts Bedrohliches. Die 51 deutschen Gasspeicher sind aktuell zu knapp 75 Prozent gefüllt, wie aus einer Übersicht europäischer Behörden hervorgeht. Das dürfte bei milder Witterung für mehrere Monate reichen. In den 28 EU-Mitgliedsstaaten sind die Gasspeicher derzeit im Schnitt zu mehr als 64 Prozent gefüllt.

  • Deutsche Erdgasförderung

    Die inländische Erdgasförderung der Bundesrepublik erreichte von Januar bis März 2014 ein Energie-Äquivalent von rund 84.400 Terajoule (TJ). Das liegt acht Prozent unter dem Niveau der ersten drei Monate des vorigen Jahres.

  • Löwenanteil aus ausländischen Quellen

    Das gesamte deutsche Erdgas-Aufkommen (Importe, inländische Gewinnung und Speichermenge) entsprach in den ersten drei Monaten dieses Jahres einem Energiegehalt von rund 1,179 Millionen Terajoule (TJ). Das waren etwa 17,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Mehr als vier Fünftel dieser Menge stammte aus Importen (rund 979.000 TJ) - das sind 2,9 Prozent mehr als zwischen Januar und März 2013.

  • Woher stammen die Gasimporte?

    2013 kamen über 38 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland, EU-weit rund 30 Prozent. Die Baltenstaaten, Finnland, Slowakei und Bulgarien kommen auf bis zu 100 Prozent. Die Hälfte der russischen Gasexporte nach Europa wird über Leitungen (Pipelines) durch die Ukraine abgewickelt. Das übrige russische Gas nimmt den Weg über Weißrussland sowie den direkten Weg durch die Ostsee über die Nordstream-Pipeline.

„Damit gehen über 40 Prozent des Exportrückgangs zu Lasten deutscher Unternehmen“, sagt Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses. „Auch 2015 müssen wir mit weiteren Einbußen rechnen.“ Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) rechnet ebenfalls mit schlechten Geschäften: „Wir gehen von einem weiteren Rückgang von fast 15 Prozent aus, also eher mit einem größeren statt kleineren Einbruch.“

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