Schadenersatzansprüche: Thyssen-Krupp geht gegen Ex-Chef Schulz vor

Schadenersatzansprüche: Thyssen-Krupp geht gegen Ex-Chef Schulz vor

, aktualisiert 20. Dezember 2011, 15:43 Uhr
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Ekkehard Schulz, Ex-Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp AG.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Streit bei Thyssen-Krupp über das Desaster um die Milliarden-Abschreibung in Brasilien eskaliert. Nun lässt der Stahlkonzern sogar Schadenersatzansprüche gegen die Firmenlegende Ekkehard Schulz prüfen.

Essen/HamburgDer Mischkonzern Thyssen-Krupp prüft wegen der Kostenexplosion bei seinem neuen Stahlwerk in Brasilien Schadenersatzforderungen gegen Ex-Vorstandschef Ekkehard Schulz. Wegen der Abschreibungen in Höhe von 2,1 Milliarden Euro in der Sparte Steel Americas habe der Konzern Rechtsanwälte damit beauftragt, ein Gutachten zu aktualisieren, teilte der Konzern am Dienstag mit.

Zuvor hatte das „Manager Mmagazin“ vorab ohne Angaben von Quellen berichtet, die Kanzlei Hengeler Mueller solle im Auftrag des Aufsichtsrats prüfen, ob Schulz für die Kostenüberschreitung bei dem Stahlwerk haftungsrechtlich verantwortlich gemacht werden könne. Von der Kanzlei war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

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Der Aufsichtsrat habe zuletzt 2010 überprüfen lassen, ob er verpflichtet sei, Schadenersatzansprüche gegen den Vorstand der ThyssenKrupp AG und insbesondere gegen das für den Stahlbereich ehemalige, zuständige Vorstandsmitglied Karl-Ulrich Köhler geltend zu machen, erläuterte der Konzern. Dies sei von den Anwälten verneint worden. Köhler hatte im Zuge der Kostenexplosion bei den Stahlwerken in Übersee seinen Hut nehmen müssen. Er ist heute Europa-Chef des indischen Stahlkonzerns Tata Steel.

Die Kosten für das Stahlwerk in Brasilien waren ursprünglich auf 1,3 Milliarden Euro beziffert worden, schossen jedoch schließlich nach Pannen und Mängeln auf mehr als fünf Milliarden Euro in die Höhe. Thyssen-Krupp zog die Anlage in einem Sumpfgebiet hoch. Die Planungen in Übersee - dazu gehört auch ein neues Stahlwerk in den USA - hatte der Aufsichtsrat unter Führung von Gerhard Cromme abgesegnet.

Schulz hatte den Chefposten Ende Januar an den ehemaligen Siemens -Manager Heinrich Hiesinger abgegeben. Dieser hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2,9 Milliarden Euro abgeschrieben, den Löwenanteil machten die neuen Stahlwerke aus. Schulz hatte daraufhin vor zwei Wochen angekündigt, seinen Posten im Aufsichtsrat Ende des Jahres niederzulegen. „Mit diesem Schritt möchte ich die öffentliche Diskussion um meine Person im Zusammenhang mit den Investitionen bei Thyssen-Krupp Steel Americas beenden“, begründete der 70-Jährige.

Ekkehard Schulz übernahm im Zuge des Zusammenschlusses von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 die Leitung des Stahlgiganten. Mit seiner Gradlinigkeit und Verlässlichkeit erwies er sich als wichtiger Anker im Konzern. Schulz, das war der Unverwüstliche, der sich voll für die Firma einsetzte. "Der Preuße" wurde er genannt oder "Eiserner Ekki". Denn Schulz richtete das Unternehmen stark auf das Stahlgeschäft aus, renditeträchtige Technologiebereiche wie Aufzüge oder Anlagenbau mussten zurückstecken.


Fatale Entwicklung

Das funktionierte, solange Thyssen-Krupp ein mächtiger Spieler auf dem Stahlmarkt war. Doch auf die Konsolidierung der Branche in Deutschland folgte die in Europa. Die Stahlkocher von Frankreich, Spanien und Luxemburg gingen in Arcelor auf, der Konzern wurde im Jahr 2007 von Mittal geschluckt. Die Hüttenbetreiber in Großbritannien und den Niederlanden fusionierten zur Corus-Gruppe, die heute Teil von Tata Steel ist.

Thyssen-Krupp drohte den Anschluss zu verlieren. Schulz war klar, dass der Konzern im Wettbewerb kaum eine Chance haben würde, sollte er nicht ebenso wachsen und effizienter arbeiten. Der Manager bot deshalb für den kanadischen Stahlkonzern Dofasco - doch Arcelor legte ein höheres Angebot vor, und Thyssen-Krupp schien alleine zu bleiben: zum Leben zu klein, zum Sterben zu groß.

In dieser Situation entwickelte Schulz zusammen mit dem damaligen Stahlvorstand Ulrich Middelmann eine Wachstumsstrategie aus eigener Kraft. Ihr Plan: Mit einem Werk in Brasilien sollte sich der Konzern neue Märkte erschließen, dank niedrigerer Produktionskosten die USA aufrollen. Im Blick hatten sie vor allem die Autokonzerne.

Doch schon früh zeichnete sich die fatale Entwicklung in Übersee ab. Doch Krupp-Patriarch Berthold Beitz hielt an Schulz fest. Mehr noch. 2007, als die Finanzkrise begann, bat Beitz seinen Vertrauten inständig, das Unternehmen umsichtig durch die drohenden schweren Zeiten zu steuern. Schulz tat, wie ihm befohlen - doch die drohenden Risiken am Amazonas verschwieg er.


Waren ihm die Probleme bewusst?

Dort schwoll das Investitionsbudget weiter an: Zunächst auf 4,5 Milliarden Euro, vor zwei Jahren musste es der Aufsichtsrat um 200 Millionen Euro aufpolstern, kurz darauf erneut um eine halbe Milliarde Euro. Zu den 5,2 Milliarden Euro kommen noch Anlaufverluste und Reparaturen. "Wir sind heute bei knapp sieben Milliarden Euro", sagte ein Manager.

Vielleicht waren Schulz die Probleme in ihrer ganzen Dramatik gar nicht so bewusst. Vielleicht wurde er, wie er andeutet, von Untergebenen getäuscht. Fakt ist: Thyssen-Krupp steht mit dem Rücken zur Wand. Und mehrere Manager - darunter Ex-Stahlvorstand Köhler - mussten gehen.
Die Mehrausgaben in Brasilien fehlten zum Ausbau des Technologiegeschäfts. Nicht im Ansatz wurden die dafür vorgesehenen acht Milliarden Euro bereitgestellt. Mit der fatalen Folge, dass der hochprofitable Bereich im Markt zurückfällt. Um diesen Missstand zu beheben, holte Cromme den Siemens-Manager Hiesinger an die Spitze des Ruhrkonzerns.

Hiesinger war es nun, der nach den erneuten Schwierigkeiten das Projekt nüchtern und kühl durchrechnen ließ: "Was ist die Bude wert?" so lautete die Fragestellung, berichtet ein Manager. Seit Freitag ist die Antwort bekannt: 2,1 Milliarden Euro sind im amerikanischen Stahlgeschäft unwiederbringlich verloren, der größte Teil davon in Brasilien. Bei dem Betrag endete die Geduld von Beitz: Schulz musste gestern das Kuratorium der Krupp-Stiftung verlassen und sein Aufsichtsratsmandat bei Thyssen-Krupp aufgeben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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