Schwellenländer: Deutsche Produkte sind nicht (mehr) erwünscht

Schwellenländer: Deutsche Produkte sind nicht (mehr) erwünscht

, aktualisiert 16. Dezember 2011, 21:44 Uhr
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Bereit zur Verschiffung: Fahrzeuge von Audi und VW.

von Carsten Herz und Wolfgang ReuterQuelle:Handelsblatt Online

Lange galten Schwellenländer als Garant für satte Umsätze. Doch immer stärker blockieren diese Staaten nun westliche Produkte. Unter dem neuen Selbstbewusstsein der einst gelobten Länder leiden auch deutsche Unternehmen.

Frankfurt, DüsseldorfManchmal, so scheint es, reagiert die Börse irrational, ja regelrecht hysterisch. Am Mittwoch beispielsweise war so ein Tag. Panikartig verkauften Investoren die Papiere von Daimler und BMW. Und das alles wegen einer kurzen, einer fast schon belanglosen Nachricht.

China, so kündigte das Handelsministerium in Peking an, werde Strafzölle auf Autos aus den USA erheben. Betroffen seien auch Pkws der Marken Mercedes und BMW – allerdings nur, wenn sie in den USA produziert werden. Und die Strafen fallen für die beiden deutschen Hersteller recht milde aus: zwei Prozent für BMW, 2,7 für Daimler.

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In den Chefetagen der deutschen Autokonzerne hat daraufhin das Rechnen begonnen. Dann folgte die Entwarnung: In Stuttgart wie in München glauben die Manager, dass der chinesische Vorstoß kaum Auswirkungen auf ihr Geschäft hat. „Wir rechnen nicht mit nennenswerten Auswirkungen“, hieß es sowohl bei Daimler als auch bei BMW.

Die Anleger konnte das nicht beruhigen. Sie ahnen, dass die Meldung nur ein Teil eines viel größeren Puzzles ist – eines unguten Trends, einer bedrohlichen Entwicklung.

Denn: „Früher waren die Industriestaaten die einzigen, die Strafzölle erhoben haben“, sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, „heute greifen auch immer mehr Schwellenländer zu diesem Mittel, um ihre Wirtschaft zu schützen.“ Und nicht nur zu diesem. Auch sogenannte „Grauzonen-Maßnahmen“ nehmen laut Langhammer deutlich zu – also beispielsweise Anti-Dumping-Verfahren. Die werden von den Ländern gegen bestimmte importierte Produkte eingeleitet, sie sind intransparent, schwer zu kontrollieren – und meist enden sie in einer Handelsbeschränkung, seien es Importzölle oder vorgeschriebene Mindestpreise.

Gerade Exportzölle auf Seltene Erden treffen westliche IT-Konzerne hart

Im gerade veröffentlichten Bericht über Handelsbeschränkungen der WTO sind Hunderte von Import- und Exportzöllen zu finden: So hat Brasilien zwischen Mai und Mitte Oktober acht Anti-Dumping-Verfahren eingeleitet, China erhob drei verschiedene Export-Beschränkungen auf Seltene Erden und Nicht-Eisen-Metalle – eine Maßnahme, die gerade westliche IT-Konzerne hart trifft. Die ehemaligen Sowjet-Staaten gönnten sich elf – teilweise zeitlich begrenzte – Importzölle und außerdem verschiedene Exportverbote vor allem für Getreide.

Für deutsche Unternehmen beginnt deshalb ein neues Zeitalter. Lange Zeit waren die BRIC-Staaten – also Brasilien, Russland, Indien und China – für die Konzerne so etwas wie das Gelobte Land: Hier trafen sie auf aufstrebende Mittel- und Oberschichten, die nach westlicher Qualität und westlichem Luxus hungerten, hier erzielten sie die höchsten Wachstumsraten, hier katapultierten sie ihre ansonsten mauen Gewinne in schwindelerregende Höhen.


Protektionismus breitet sich weltweit aus

Heute aber blocken die Schwellenländer ihre Märkte ab. Sie schützen ihre Volkswirtschaften zunehmend vor westlichen Produkten. Und sie bedienen sich dabei all jener Mittel, mit denen sich die westliche Welt jahre-, vielleicht jahrzehntelang gegen die aufstrebenden Konkurrenten geschützt haben. Frei nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir.

„Wir erleben ein völlig neues Selbstbewusstsein in den aufstrebenden Volkswirtschaften“, sagt Thomas Stadelmann von der Kantonalbank St. Gallen, „die Schwellenländer lassen jetzt ihre Muskeln spielen.“

Beispiel Brasilien: Dort fordert die Staatsanwaltschaft, Chevron zu einer Rekordstrafe von über acht Milliarden Euro zu verurteilen, weil das Unternehmen dafür verantwortlich ist, dass große Mengen Öl aus einem Leck vor der Küste des Landes ausgelaufen sind. Übertragen auf das Ölleck vor dem Golf von Mexiko hätte BP demzufolge mehr als 10.000 Milliarden Euro Strafe zahlen müssen.

Stadelmann erscheint die Forderung „ungewöhnlich hoch“ – auch andere Experten sehen darin den Ausfluss eines neuen Protektionismus’. Der aber – auch das muss hier wohl vermerkt werden – ebenfalls von den USA abgekupfert ist. Denn kein anderes Land belegt ausländische Firmen mit derart hohen Strafen, wie Amerika – sei es wegen Korruptionsvergehen oder in Fällen von Schadensersatz.

Die Maßnahmen der Schwellenländer sind meist nicht willkürlich, sondern sie richten sich gegen die Unternehmen aus Staaten, die das jeweilige Land selbst ausgrenzen. BMW und Daimler beispielsweise sind mit den Strafzöllen in China unfreiwillig zwischen die Fronten eines Handelskriegs geraten, den das Reich der Mitte gerade mit den USA austrägt. Die USA erheben Zölle auf chinesische Reifen. China protestierte dagegen vor der WTO – allerdings erfolglos.

Entsprechend hat Peking die Anti-Dumping-Zölle gestaffelt: US-Hersteller müssen bis zu 21,5 Prozent auf ihre Fahrzeuge bezahlen, dagegen nehmen sich die Abgaben für BMW und Daimler bescheiden aus. Dennoch treffen sie die Autokonzerne. Denn China ist der mit Abstand wichtigste und am schnellsten wachsende Automarkt der Welt. Wie Daimler stellt BMW in den USA die meisten seiner Geländewagen her. Zwar glauben Experten, dass BMW und Daimler die Strafzölle verkraften werden. Denn: „Das Luxus-Publikum in China ist alles – aber nicht sehr preissensibel“, versichert ein Auto-Analyst.

Dennoch sehen Volkswirte den zunehmenden weltweiten Protektionismus mit Sorge: „Es gibt sicher ein Level, an dem die deutsche Exportwirtschaft ein Problem bekäme“, sagt Dirk Schumacher von Goldman Sachs.

Wo dieser Level liegt, vermag derzeit niemand zu sagen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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