
New YorkAm Ostufer des Mississippi, etwa eine Autostunde nördlich von New Orleans, erlebt die US- Schwerindustrie zwischen Zuckerrohrfeldern und Amberbäumen eine Renaissance. Triebfeder der bereits verloren geglaubten Dynamik sind die Ölvorkommen in North Dakota und die Schiefergasproduktion in Pennsylvania.
Beides treibt Investitionen in bereits im globalen Wettbewerb abgeschriebene Branchen. Der US-Stahlkonzern Nucor zieht dort gerade eine neue Eisenhütte hoch und investiert 750 Millionen Dollar (608 Millionen Euro). Auch andere Gesellschaften, darunter Westlake Chemical aus Houston, Potash of Saskatchewan und Methanex, beide aus Kanada, haben Projekte in Planung. Ormet aus Hannibal im US-Bundesstaat Ohio hat im vergangenen Jahr ein Aluminiumwerk reaktiviert und damit 250 Stellen geschaffen.
Die Ansiedlung der Industrie ist Vorbote eines landesweiten Investitionsschubs, dessen Ausgangspunkt die Ölfelder in North Dakota und die Schiefergasvorkommen in Pennsylvania darstellen. Investitionen in Erschließung, Lagerung und Transport der fossilen Energieträger dürften in den kommenden fünf Jahren 226 Milliarden Dollar (183 Milliarden Euro) erreichen, erwartet der Marktbeobachter Industrial Info Resources aus Sugar Land im US- Bundesstaat Texas.
Die Erdgasförderung in den USA steuert im laufenden Jahr auf ein Rekordhoch zu. Die Ölförderung erreichte im Juli den höchsten Stand seit 1999. In einem im März veröffentlichten Bericht schrieben Analysten der Citigroup, die „Reindustrialisierung“ der Vereinigten Staaten könnte bis 2020 bis zu 3,6 Millionen neue Stellen und einen BIP-Zuwachs von bis zu drei Prozent schaffen.
Bisher sind die positiven Auswirkungen auf Staaten wie Louisiana, Texas und North Dakota beschränkt. Mittlerweile gibt es aber Indizien dafür, dass sich wirtschaftliche Vorteile nicht bloß unmittelbar für die Öl- und Gasfelder ergeben. Die Aussicht auf kostengünstige Energieträger dürfte ganzen Wirtschaftszweigen Wettbewerbsvorteile bescheren, darunter Stahl- und Aluminiumherstellern, Automobilbauern und Chemie- und Düngemittelkonzernen.
Das wäre ein willkommener Schub für die US-Industrie, in der seit 2001 rund 5,12 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Die Diskussion, wie die Beschäftigung in der Industrie wieder in Gang kommt, beherrscht nicht zuletzt den US- Wahlkampf. Seit 2010, als die Wirtschaft zur Erholung ansetzte, hat das verarbeitende Gewerbe 532.000 Stellen geschaffen, zeigen Daten vom US-Bureau of Labor Statistics. Landesweit verharrt die Arbeitslosenquote seit 42 Monaten über der Marke von acht Prozent.
Die Auswirkungen sind spürbar
„Die Auswirkungen auf den globalen Öl- und Gasmarkt sind wirklich spürbar und dramatisch unterschätzt“, sagt Ed Morse, Leiter Rohstoffresearch und Koordinator des Teams, das den Bericht der Citigroup herausgab. Mit der wirtschaftlichen Aktivität, ausgelöst durch mehr Energieproduktion, gingen steigende Einkommen, mehr Konsum und mehr Wohlstand einher, sagte Morse.
Der Produktionsanstieg, gepaart mit steigenden Lagervorräten, hat dazu beigeträgen, dass Energie in den USA günstiger ist als in anderen Staaten. Am Terminmarkt sind Kontrakte für Öl in den USA um 20 Dollar günstiger als Öl der Sorte Brent, das in London gehandelt wird. Die Preise für Erdgas sanken in den USA im April auf den tiefsten Stand seit einem Jahrzehnt. In Großbritannien ist Erdgas etwa drei Mal so teuer, in Japan kostet es bis zum Fünffachen.
Mittlerweile sind sogar Investoren aus dem Ausland aufmerksam geworden. Der Mischkonzern Orascom Construction Industries aus Kairo investiert 250 Millionen Dollar in eine Ammonium- und Methanolanlage in Beaumont, Texas. Eine andere Orascom-Tochtergesellschaft wird möglicherweise eine Düngemittelfabrik im US-Bundesstaat Iowa errichten.
Das Investitionsvorhaben in der Größenordnung von 1,3 Mrd. Dollar würde 2200 Stellen am Bau und 165 permanente neue Arbeitsplätze schaffen, sagte Tina Hoffmann, Sprecherin der Wirtschaftsansiedlungsgesellschaft des US-Bundesstaates Iowa.
„Das Ausmaß an Investitionen in die petrochemische Industrie in den USA in den nächsten 10 bis 15 Jahren wird erheblich sein“, sagt Omar Darwazah, Leiter Investor Relations bei Orascom. „Angesichts des Booms beim Schiefergas, werden die Gaspreise in den USA wohl deutlich wettbewerbsfähiger als im Nahen Osten, weil es hier kein politisches Risiko gibt.“
























