Serie Wirtschaftswelten 2025: So erlebt ein Joghurt die Industrie 4.0

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Serie Wirtschaftswelten 2025: So erlebt ein Joghurt die Industrie 4.0

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Industrie 4.0: Joghurtproduktion voll vernetzt.

von Lothar Schnitzler, Mario Brück und Rebecca Eisert

Maschinen entscheiden, Werkstücke erteilen Befehle: Die digitale Fabrik verspricht die Annäherung an das Extrem einer Produktion ohne den Menschen. Die deutschen Unternehmen müssen aufpassen, dass die USA nicht vor ihnen in der Zukunft ankommen.

Futuristen überschlagen sich vor Euphorie. Deutsche Maschinen- und Anlagenbauer sollen in zehn Jahren bis zu 15 Prozent produktiver arbeiten, prognostiziert die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech glaubt sogar an Sprünge bis 30 Prozent. Und Bitkom und Roland Berger liefern sich einen Schaulauf der Superlative: Der IT- und Telekommunikationsverband verheißt Deutschland bis 2025 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 80 Milliarden Euro, die Münchner Unternehmensberatung sogar mehr als das Dreifache.

Die Botschaft dahinter ist klar. Für Volkmar Denner, Chef des Stuttgarter Autozuliefer- und Elektrokonzerns Bosch, sind die Aussichten Ausdruck, dass der „Hochkostenstandort Deutschland“ international weiterhin „wettbewerbsfähig sein“ könne.

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Der Quell solcher Freude ist die Digitalisierung der Fertigung, in Deutschland Industrie 4.0 genannt, in den USA Internet der Dinge. Die Chiffren beschreiben nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung die vierte Umwälzung in der Industrie: Hatten die Unternehmen bis zuletzt die körperliche Arbeit wegrationalisiert, machen sie sich nun daran, geistige Fähigkeiten überflüssig zu machen – indem sie diese auf Maschinen und Produkte übertragen, die einander mitteilen, wer sie sind und was sie zu tun haben.

Wettlauf der Ausrüster

Das Fernziel ist eine alte Utopie der Menschheit: Statt Hand und Hirn einzusetzen, dirigiert Homo sapiens ein Orchester aus Maschinen und Werkstücken, das alle Wünsche erfüllt. Ob Roboter oder Rohling, Stanze oder Stechsäge, Presse oder Packanlage – alle folgen einer gemeinsamen Partitur. Ein sozialer Organismus, in dessen Mitte der Mensch steht, halb Zuschauer, halb Akteur.

Schon ist ein Wettlauf in Gang, wer weltweit die Nase vorn hat. Ausrüster wie Siemens und General Electric, Infineon und Intel, Bosch und SAP oder die Deutsche Telekom und Microsoft, sie alle drängen in die Fabriken, um Maschinen und Produkte mit Steuerungen, Chips, Sensoren und IT in mitdenkende Agenten zu verwandeln.

Für Deutschland geht es dabei um nicht weniger als die Zukunft des bisherigen Erfolgsmodells. „Die nächsten zehn Jahre werden darüber entscheiden, ob wir weiter ein führendes Industrieland sind oder ob wir den Wandel vielleicht nicht schaffen“, sagte Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Aschermittwoch-Auftritt im vorpommerschen Demmin. Denn sowohl die USA als auch China machen Tempo. Zugleich zaudert der deutsche Mittelstand. Einerseits fürchtet er die hohen Investitionen, andererseits die Preisgabe von Know-how, wenn die Digitalisierung mit der Weitergabe von Daten an Kunden und Zulieferer einhergeht.

Die Folgen von Industrie 4.0 für die Branchen in Deutschland bis 2025

  • Maschinenbau

    Anteil am Umsatz des verarbeitenden Gewerbes (Bruttoproduktionswert): 13 %
    Zusätzliches Umsatzwachstum pro Jahr: 2-5 %
    Produktivitätssteigerungen: 7-11 %
    Zahl der Arbeitsplätze: 95.000
    Jährlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen: + 0,9 %

    Quelle: Boston Consulting Group

  • Automobilbau

    Anteil am Umsatz des verarbeitenden Gewerbes (Bruttoproduktionswert): 22 %
    Zusätzliches Umsatzwachstum pro Jahr: 2-3 %
    Produktivitätssteigerungen: 6-9 %
    Zahl der Arbeitsplätze: 50.000
    Jährlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen: + 0,2 %

    Quelle: Boston Consulting Group

  • Nahrungsmittel

    Anteil am Umsatz des verarbeitenden Gewerbes (Bruttoproduktionswert): 10 %
    Zusätzliches Umsatzwachstum pro Jahr: 2-3 %
    Produktivitätssteigerungen: 5-10 %
    Zahl der Arbeitsplätze: 15.000
    Jährlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen: + 0,8 %

    Quelle: Boston Consulting Group

  • Sonstige

    Anteil am Umsatz des verarbeitenden Gewerbes (Bruttoproduktionswert): 55 %
    Zusätzliches Umsatzwachstum pro Jahr: 1-2 %
    Produktivitätssteigerungen: 4-7 %
    Zahl der Arbeitsplätze: 230.000
    Jährlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen: + 0,6 %

    Quelle: Boston Consulting Group

  • Gesamt

    Umsatz des verarbeitenden Gewerbes (Bruttoproduktionswert): 2 Billiarden Euro
    Zusätzliches Umsatzwachstum pro Jahr: 20-40 Milliarden Euro
    Produktivitätssteigerungen: 90-150 Milliarden Euro

    Quelle: Boston Consulting Group

Mischung aus Science-Fiction und Fantasy

Verbraucher dagegen können sich jetzt schon über Produkte aus der intelligenten Fertigung freuen. Sie ermöglicht individuelle Artikel vom Nutella-Glas mit dem eigenen Namenszug bis zur ausgefallenen Nudel aus dem 3-D-Drucker.

Könnten die Produkte berichten, wie sie selbstständig über Fließbänder gleiten und durch Maschinen wimmeln, würden daraus bizarre Erzählungen zwischen Science-Fiction und Märchen, Prosa und Fantasy, basierend auf wahren Begebenheiten. Eine solche Erzählung ist die Entstehungsgeschichte eines Bechers Beeren-Müsli-Joghurt der Marke Landliebe – garniert mit allem, was die Fabrik der Zukunft von einer heutigen Fabrik unterscheidet.

Mit dem digitalen Zwilling auf Reisen

Morgens um sechs bei Bauer Markus Holzrichter im sauerländischen Halver. Noch gibt es mich nicht, den Becher Rote-Beeren-Müsli-Joghurt der Firma FrieslandCampina, zu dem ich einmal werde, allenfalls in Ansätzen, im Euter einer der 100 Kühe hier im Stall. Dafür existiert von mir schon ein Schatten in Form von Bits und Bytes, eine Art virtueller Zwilling in den Computern von Bauer Holzrichter und FrieslandCampina. Mein digitaler Doppelgänger wird in den kommenden Stunden mit mir wachsen und für mich alles regeln, was ich sein soll.

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5 Kommentare zu Serie Wirtschaftswelten 2025: So erlebt ein Joghurt die Industrie 4.0

  • Ansich ist das ja eine tolle Sache aber was sollen dann die ganzen Menschen machen, wenn unser Dasein sich nur über die Arbeit definiert? Die ganzen neoliberalen Ansichten müssten dann ja überdacht werden, wer soll dann noch bis 70 oder mehr arbeiten? Fragen über Fragen.

  • au ja, da müssen wir wirklich aufpassen, das wir die USA nicht "aus den Augen verlieren" . So viel gutes hat uns doch Amerika gebracht.
    Mc Donalds und co, 2. und dritt Jobs, eine völlig ausufernde Finanzindustrie ect, alles Errungenschaften welche die Welt braucht :-)

  • Für die Unternehmen ist das bestimmt eine tolle Sache. Sie brauchen immer weniger Arbeitnehmer. Aber wie soll die Bevölkerung ihren Lebensunterhalt verdienen ? Hat die Bevölkerung kein Geld, findet kein Konsum statt. Findet kein Konsum statt, gibt es keine Inflation. Gibt es keine Inflation, haben die Staaten nicht mehr die Möglichkeit, sich zu entschulden.

    Wie sowas ausgehen kann, sieht man ja zur Zeit. Mehr arme Menschen heisst auch mehr Kriminalität. Gerade in Großstädten gibt es überall in Deutschland mittlerweile Viertel, in welche nicht einmal die Polizei allein geht. Die USA als "Vorbild" zu nehmen, halte ich für falsch.

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