Shell, Aral, Total: Wie Tankstellen ums Überleben kämpfen

Shell, Aral, Total: Wie Tankstellen ums Überleben kämpfen

, aktualisiert 19. September 2016, 10:21 Uhr
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Der Konzern bietet seinen Kunden bereits Geldabhebungen und Amazon-Schließfächer.

von Franz Hubik und Regine PalmQuelle:Handelsblatt Online

Elektroautos, rückläufiger Spritverbrauch, neue Mobilitätskonzepte: Tankstellen müssen sich radikal wandeln, um in der Verkehrswelt von morgen zu bestehen. Ideen gibt es viele. Was Erfolg versprechen könnte.

DüsseldorfTanken fahren und mit mehr Geld nach Hause kommen, als man vorher hatte? Kein Problem. An immer mehr Tankstellen können Kunden nicht nur ihr Fahrzeug, sondern auch die Geldbörse auftanken. Der Tankwart von heute ist Vieles: Banker, Paketbote und Lebensmittelverkäufer. Autos betankt er hingegen nur mehr gelegentlich. Die Spritverkäufer wagen immer mehr Experimente, um ihre Stationen möglichst attraktiv für Kunden zu machen. Denn das klassische Geschäftsmodell der Tankstelle ist zunehmend vom Aussterben bedroht.

Allein mit dem Verkauf von Benzin und Diesel können die rund 14.500 Tankstellen in Deutschland schon heute kaum überleben. „Nur 35 Prozent unserer Kunden kaufen ausschließlich Treibstoff“, sagte István Kapitány kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt. Der oberste Tankstellenchef des britisch-niederländischen Ölmultis Shell ist überzeugt: „Unsere Kunden belohnen, wenn wir ihnen mehr Komfort bieten.“ Sein Ziel ist es, Kunden mit Dienstleistungen an die Stationen zu locken, die einem das Leben ein bisschen einfacher und bequemer machen.

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Kapitánys jüngster Coup: Shell paktiert mit Amazon. Der weltgrößte Onlinehändler errichtet zurzeit Paketstationen an deutschen Shell-Tankstellen. Amazon-Kunden können ihre Bestellungen dann zu diesen Automaten mit Schließfächern umleiten, falls sie nicht zuhause anzutreffen sind. Mit derlei Kooperationen versucht Kapitány dem schleichenden Niedergang seiner Branche zuvor zu kommen.

„Die Tankstellen haben heute schon ein großes Problem“, erklärt Thomas Schlick, Mobilitätsexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Allein binnen des nächsten Jahrzehnts werde der Kraftstoffverbrauch aufgrund von effizienteren Motoren um gut 30 Prozent zurückgehen. Auch alternative Mobilitätsangebote wie Carsharing beeinflussen das Geschäft der Tankstellen negativ, analysiert Schlick. Denn wer sich sein Auto teilt, braucht weniger Sprit.

Für Tankstellen heißt das: Die Kunden kommen seltener. Und noch schlimmer: Es ist fraglich, ob sie künftig überhaupt noch vorbeischauen.

Wenn sich das Elektroauto durchsetzt, „benötige ich die klassische Tankstelle nicht mehr“, sagt Mobilitätsexperte Schlick. In der Stadt lassen sich Stromautos bequem an der Steckdose zu Hause oder auf der Arbeit vollladen. Die Zapfsäule ist überflüssig. Nur bei Überlandfahrten sind Elektroautofahrer aufgrund der geringen Reichweite der Autos auf Schnellladestationen angewiesen. Aber auch da sieht Schlick kaum Geschäftsmöglichkeiten für klassische Tankstellen. Denn Schnellladestationen betreiben Autohersteller wie Tesla lieber gleich selbst.


Zukunft als Mobilitätsplattform

Peter Fuß, Automobilexperte bei dem Consultinghaus Ernst & Young, ist nicht ganz so pessimistisch, was die Zukunft klassischer Tankstellen anbelangt. „Wir werden einen sehr langen Transformationsprozess bei den Autoantriebsarten sehen. Die Tankstelle, wie wir sie heute kennen, wird zumindest noch zehn bis 15 Jahre Bestand haben“, sagt Fuß.

Doch auch für ihn gibt es keinen Zweifel: Das klassische Geschäft der Tankstellen steht massiv unter Druck. Dennoch sei das sich ändernde Mobilitätsverhalten nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance für Tankstellenbetreiber.

„Die Tankstelle ist ein Pflichtstopp“, sagt Fuß. Mineralöl zwinge die Leute an die Zapfsäulen. Die Frage sei nur: Was biete ich den Kunden vor Ort an? Fuß ist überzeugt, dass Tankstellen viel stärker aus Kundensicht und weniger produktorientiert agieren müssen. Tendenziell verspreche dabei alles Erfolg, was Kunden einen Zeitgewinn beschert. Pakete direkt neben der Zapfsäule abholen zu können sei dafür ein erfolgsversprechendes Beispiel.

Roland-Berger-Experte Schlick glaubt, dass Tankstellen sich zu Mobilitätsstationen wandeln, an denen Fahrer Autos und Fahrräder abholen, leihen, warten, tauschen oder waschen können. Die Tankstelle wäre dann quasi eine Plattform, „die den Übergang von einer Mobilitätsvariante zu einer anderen reibungslos ermöglicht“, so Schlick.

Mehrwert in anderen Bereichen bieten Tankstellenbetreiber ihren Kunden schon heute. Shell, der zweitgrößte Tankstellenbetreiber Deutschlands, hat an 1300 Stationen einen geschlossenen Bargeldkreislauf in Kooperation mit der Postbank eingeführt. Über das System können die Kunden bezahlen oder auch Bargeld abheben. „Der bediente Geldautomat zieht Scheine und Münzen ein, überprüft sie auf Echtheit und gibt von sich aus Wechselgeld raus“, erklärt eine Sprecherin der Mineralölgesellschaft. Dann geht das Geld in den Tresor.

Umgekehrt können Kunden auch Geld abheben. Täglich gibt es laut Shell rund 25.000 Bargeldabhebungen an den Stationen in Deutschland; an einigen sogar bis zu 75 Mal am Tag. Ganz unabhängig davon können die Autofahrer aber auch wie gewohnt per Karte zahlen.


Vom Fahrradverleih bis zum Frisör

Das sogenannte ICM-System (Integrated Cash Management System) bietet für Tankstellenbetreiber vor allem einen Sicherheitsvorteil, da in der Kasse kein Bargeld mehr frei zugänglich ist. Zudem ist das Geld im Tresor Eigentum der Postbank. Diese Sicherheit zahlt sich aus, heißt es bei Shell. Die Zahl der Raubüberfälle sei um mehr als 60 Prozent zurückgegangen.

Branchenprimus Aral bietet in Kooperation mit der ING Diba rund 450 Geldautomaten an. Insgesamt betreibt die Tochter des britischen Ölmultis BP rund 2350 Tankstellen in Deutschland. „Wir prüfen permanent neue Ideen und Konzepte, um unseren Kunden zusätzliches Services an unseren Stationen zu bieten“, sagt Rainer Kraus, Leiter strategische Kooperationen bei Aral. Im Mittelpunkt stehe dabei, dass der Kunde neben dem Tanken Dinge des täglichen Bedarfs zeitsparend erledigen kann.

Die Gesellschaft Total arbeitet mit verschiedenen Anbietern zusammen, darunter Postbank und die Cardpoint GmbH, die nach eigenen Angaben 1000 Geldautomaten in ganz Deutschland betreut. Angeboten werde der Service, wenn der Standort eine ausreichende Besucherfrequenz aufweist.

Das Angebot der Tankstellenbetreiber kennt kaum Grenzen. An einigen Stationen, die das Aral-Logo tragen, kann man beispielsweise schon heute Fahrräder leihen oder kaufen. Auch eine Wäscherei ist zu finden. Bei Total frisieren seit Anfang August zwei erfahrene Friseure nicht Autos, sondern Kunden.

„Wir werden rund um die Tankstelle viele weitere Experimente sehen“, prophezeit Ernst & Young-Partner Fuß. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Angebote wie ein Friseurladen das langfristige Überleben der Tankstellen sichern können“, warnt indes Roland-Berger-Experte Schlick.

Einig sind sich beiden die Mobilitätsexperten hingegen, dass die größte Bedrohung für das Geschäftsmodell der Tankstelle das autonome Fahren ist. Denn wenn Menschen nicht mehr physisch vor Ort sein müssen, um ihren Wagen zu betanken, helfen auch die besten Angebote rund um die Zapfsäule nichts – niemand wird sie nutzen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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