Siemens: Crommes Karriere-Denkmal wackelt

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Siemens: Crommes Karriere-Denkmal wackelt

von Matthias Kamp

Bei Siemens den falschen Aufräumer installiert, bei ThyssenKrupp jahrelang die Misswirtschaft geduldet: Gerhard Cromme wird im Herbst seiner Karriere zur tragischen Figur.

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Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme wird zur tragischen Figur.

Am Dienstag dieser Woche wird es wieder einen dieser Momente geben, an denen die Öffentlichkeit nicht den eisig-schneidenden, sondern den charmanten und gewinnenden, jovialen Gerhard Cromme erleben kann. Um kurz vor zehn, wenn sich die Stuhlreihen in der Münchner Olympiahalle gefüllt haben, wird der Siemens-Aufsichtsratschef voraussichtlich wieder vom Podium hinabsteigen und sich für einige Minuten unter die Honoratioren und angereisten Aktionäre des Technologiekonzerns mischen.

Vorne in den ersten Reihen werden die Ehefrauen der Siemens-Vorstände sitzen und der 1,94 Meter großen stolzen Gestalt in die Augen sehen, an ihrer Seite die Nachfahren des Unternehmensgründers Werner von Siemens und die Vertreter der großen Fonds. Cromme wird sich sodann, in feines Tuch gewandet, durch die Menschentrauben schieben, sein Lächeln anknipsen und sich den Scheinwerfern zuwenden, die seinen gebräunten Teint unterstreichen. Er wird Hände schütteln, Schultern klopfen und genießen, wie die Menschen zu ihm aufblicken.

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Der Lebenslauf des Gerhard Cromme

  • 1943

    Gerhard Cromme wird am 25. Februar 1943 als Sohn eines Lehrers in Vechta in Niedersachsen geboren.

  • 1962

    Ab 1962 studiert Cromme  Rechtswissenschaft und der Volkswirtschaftslehre in Münster, Lausanne und Paris.  1971 absolviert er sein zweites Juristisches Staatsexamen.

  • 1971

    Von 1971 bis 1986 arbeitet Cromme t beim französischen Konzern Saint-Gobain-Pont-à-Mousson; zuletzt als stellvertretender Generaldelegierter für Deutschland. 1984 übernimmt er zudem den Vorsitz der Geschäftsführung  der Vegla Vereinigte Glaswerke GmbH in Aachen.

  • 1986

    Ab 1986 übernimmt Gerhard Cromme verschiedene Führungspositionen beim Schwerindustrie-Unternehmen Krupp im Ruhrgebiet. Unter anderem koordiniert er den Rückzug des Konzerns aus dem Rüstungsgeschäft und ist für die "erste feindliche Übernahme an der Ruhr" durch Aufstockung des Anteils am Dortmunder Stahlkonzern Hoesch mitverantwortlich.
    1992 wird Cromme zum  "Manager des Jahres" ausgezeichnet.

  • 1997

    Im April  1997 fusionieren die Thyssen Stahl AG und die Krupp Hoesch Stahl AG.  Die vollständige Fusion zur Thyssen Krupp Stahl AG wird im Herbst 1998 vollzogen.

  • 1999

    Von 1999 bis 2001 ist Cromme zusammen mit Ekkehard Schulz Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp AG. In diese Zeit fällt unter anderem die Neugliederung des Konzerns in die drei Geschäftsbereiche Stahl, Industriegüter und Dienstleistungen.

  • 2001

    Von 2001 bis 2013 hat  Gerhard Cromme den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der ThyssenKrupp AG inne. Bis 2008 leitet er zudem die Experten-Kommission "Corporate Governance".

  • 2007

    Seit dem April 2007 ist Cromme zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG  und unter anderem für die 2014 vorgestellte neue Konzernstrategie "Siemens - Vision 2020" mitverantwortlich.

Doch das dürfte es für den fast 72-jährigen promovierten Juristen dann auch schon gewesen sein mit den entspannten Momenten auf der Hauptversammlung des Siemens-Konzerns. Denn diesmal wird er deutliche Kritik einstecken müssen. Alle scheinen sie sich gegen ihn verbündet zu haben, vom Aktionär bis zum Aufsichtsratskollegen. Daniela Bergdolt, die die Aktionäre der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz vertritt, ist fest entschlossen, am Dienstag das Problem beim Namen zu nennen. Und das heißt Cromme. Er soll, darauf will die Münchner Juristin pochen, seine Ankündigung von 2013 wahr machen und vor Ende seiner Amtszeit im Januar 2018 abtreten.

Inkarnation des Hochmuts

Warum aber Cromme zu etwas auffordern, das er selbst bekannt gegeben hat? Und warum vor ganz großem Publikum? Für Bergdolt ist die Antwort klar: „Er scheint sich an seine Aussage nicht mehr zu halten.“ Und sie weiß, dass andere im Siemens-Aufsichtsrat das auch befürchten. „Wir müssten jetzt eigentlich einen Nachfolger für Cromme benennen und einarbeiten“, sagt ein langjähriger Kontrolleur – ohne sich Hoffnungen zu machen, dass sein Oberaufseher dies auch so sieht und wie versprochen vorzeitig geht.

Cromme, der auf eine Karriere zurückblickt, die in der deutschen Wirtschaft beispiellos ist, wird im Herbst seiner Laufbahn zur tragischen Figur. Einst Lichtgestalt der deutschen Industrie, letztes Aushängeschild der früheren Deutschland AG, war er Anwärter auf die Nachfolge des 2013 verstorbenen Berthold Beitz an der Spitze der legendären Essener Krupp-Stiftung. Nun droht der Prototyp des gottgleichen Großindustriellen, die Bühne der Wirtschaft als Inkarnation des Hochmuts zu verlassen.

Lange ein Meister des Verschweigens, Kaschierens und des Euphemismus, muss Cromme erleben, wie verdeckte Fehlleistungen der vergangenen Jahre sein lange Zeit honoriges Bild in der Öffentlichkeit endgültig verdunkeln. Als er 2007 Peter Löscher als Unbefleckten an der Siemens-Spitze installierte, der den jahrelang korrupten Riesen in ein neues Zeitalter führen sollte, galt er noch als der unerbittliche Aufräumer an der Isar. Doch unter Löscher fiel der Technologieriese gegenüber der Konkurrenz zurück. Die Bürokratie wucherte, aber Cromme ließ seinen Protegé gewähren. Erst als wichtige Investoren Druck machten, willigte er in die Abberufung Löschers ein und inthronisierte das Siemens-Eigengewächs Joe Kaeser.

Noch ruinöser ist für Crommes Ruf, dass er auch bei ThyssenKrupp Korruption und Misswirtschaft jahrelang laufen und sich von bestellten Rechtsgutachtern von jeder Mitverantwortung freisprechen ließ. Erst im Frühjahr 2013 musste er deswegen nach heftiger Kritik der Aktionäre zurücktreten. Damit war auch Crommes Traum dahin, als Beitz-Nachfolger in die Villa Hügel einzuziehen.

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