Siemens: Das Jahr der Entscheidung

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Siemens: Das Jahr der Entscheidung

von Matthias Kamp

Joe Kaesers Ergebnisse beim Umbau des Siemens-Konzerns sind durchwachsen. Legt der Umsatz nicht bald wieder zu, droht eine Führungsdiskussion. Kaeser steht vor seiner eigenen Bewährungsprobe.

"Wir sind Siemens Duisburg und wollen es auch bleiben“, steht auf einem Transparent, das die Arbeiter vor ihrem Werkstor aufgestellt haben. In den Hallen dahinter fertigen rund 2300 Siemensianer Kompressoren und Verdichter für die Öl- und Gasindustrie – ganz so wie die Kollegen beim US-Unternehmen Dresser-Rand, das Siemens-Chef Joe Kaeser kürzlich für 7,8 Milliarden Dollar gekauft hat und das auch in Frankreich produziert. Groß war darum die Sorge im Ruhrgebiet, Kaeser könnte nach der Übernahme die Fabriken in Duisburg-Hochfeld schließen und die Fertigung in Frankreich bündeln. Siemens ist in Hochfeld der wichtigste Arbeitgeber.

Doch das Schlimmste scheint abgewendet. „Die Produktivität der Fertigung in Duisburg ist gut“, lobt Kaeser, das Problem sei die aufgeblähte Verwaltung. Rund 300 Stellen, heißt es in Betriebsratskreisen, will Siemens darum in Duisburg abbauen. Das ist immer noch nicht wenig, gemessen an den Befürchtungen aber offenbar erträglich.

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Wie Siemens 2014 abgeschnitten hat

  • Konzern

    Umsatz: 71,9 Milliarden Euro (2013: 73,4 Milliarden Euro)
    Gewinn nach Steuern: 5,5 Milliarden Euro (2013: 4,4 Milliarden Euro)
    Operative Rendite: 10,3 Prozent
    Nettorendite: 7,6 Prozent
    Free Cashflow: 5,40 Milliarden Euro (2013: 5,38 Milliarden Euro)

    Quelle: Geschäftsbericht 2014

  • Power and Gas (Gasturbinen und Dampf)

    Umsatz: 12,7 Milliarden Euro (2013: 14,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 2,2 Milliarden Euro (2013: 2,1 Milliarden Euro)
    Rendite: 17,4 Prozent

  • Wind Power and Renewables (Windkraftanlagen)

    Umsatz: 5,6 Milliarden Euro (2013: 5,4 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,006 Milliarden Euro (2013: 0,007 Milliarden Euro)
    Rendite: 0,1 Prozent

  • Energy Management (Stromübertragung)

    Umsatz: 10,7 Milliarden Euro (2013: 11,7 Milliarden Euro)
    Ergebnis: -0,09 Milliarden Euro (2013: -0,25 Milliarden Euro)
    Rendite: -0,8 Prozent

  • Building Technologies (Gebäudetechnik)

    Umsatz: 5,6 Milliarden Euro (2013: 5,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,51 Milliarden Euro (2013: 0,38 Milliarden Euro)
    Rendite: 9,2 Prozent

  • Mobility (Zug- und Bahntechnik)

    Umsatz: 7,2 Milliarden Euro (2013: 5,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,53 Milliarden Euro (2013: -0,23 Milliarden Euro)
    Rendite: 7,3 Prozent

  • Digital Factory (Automatisierung, Industriesoftware)

    Umsatz: 9,2 Milliarden Euro (2013: 9,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 1,7 Milliarden Euro (2013: 1,3 Milliarden Euro)
    Rendite: 18,3 Prozent

  • Process Industries and Drives (Antriebssysteme)

    Umsatz: 9,6 Milliarden Euro (2013: 9,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,77 Milliarden Euro (2013: 0,51 Milliarden Euro)
    Rendite: 8,0 Prozent

  • Healthcare (Medizintechnik)

    Umsatz: 11,7 Milliarden Euro (2013: 12,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 2,1 Milliarden Euro (2013: 2,1 Milliarden Euro)
    Rendite: 17,7 Prozent

Das Geschehen in Duisburg zeigt, welche Kapazitäten die Integration von Dresser-Rand in absehbarer Zeit noch binden wird. Bei der Energievorständin Lisa Davis, aber auch bei Konzernoberst Kaeser selbst. Dabei ist die Eingliederung der US-Tochter nur eine von vielen Baustellen, an denen Kaeser auch zwei Jahre und drei Monate nach seinem Amtsantritt arbeitet: Im Energiegeschäft erwächst durch den Zusammenschluss von General Electric und Alstom ein mächtiger Konkurrent. Im wichtigsten Wachstumsmarkt China schwächelt das Geschäft. Zugleich steigen dort die einstigen Kunden selbst ins Geschäft mit Hochgeschwindigkeitszügen ein. Und die Digitalisierung wälzt das Geschäft mit Medizintechnik und Industrie-Ausrüstung um.

Kaesers Zukunft entscheidet sich daran, wie er diese Herausforderungen meistert. Abgerechnet wird Mitte November 2016: Dann legt er die Bilanz für das Geschäftsjahr 2015/16 (zum 30.9.) vor.

Die Zeit nach seinem Amtsantritt war für den früheren Finanzvorstand eine des Übergangs, 2014/15 dann das Geschäftsjahr der „operativen Konsolidierung“, wie er es nennt, in dem der Umsatz gerade mal stabil geblieben sein dürfte. 2015/16 soll Siemens nun wieder wachsen, hat Kaeser versprochen. Sollte er das Ziel verfehlen, könnte eine Personaldiskussion wie im Sommer 2013 losbrechen, als Vorgänger Peter Löscher sein Margenziel kassieren und am Ende gehen musste. Für Kaeser ist jetzt das Jahr der Entscheidung angebrochen.

Programm "Siemens 2020" in Schlagworten

  • Der "Elektrifizierungs-Konzern"

    Siemens will sich entlang der Wertschöpfungsketten von Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung aufstellen. Chef Kaeser hat hierfür mehrere Wachstumsfelder mit Potenzial definiert, so etwa die Märkte für kleine Gasturbinen sowie Offshore-Windanlagen, intelligente Stromnetze, Produkte und Dienste rund um das Thema Industrie 4.0 aber auch der Markt für die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas.

  • Schlanker und wieder näher am Kunden

    Das Sektorenkonzept wird zum Oktober komplett abgeschafft. Bisher hatten die Münchner ihr Geschäft in die Sektoren Healthcare, Energy, Industry und Infrastructure & Cities gegliedert. Künftig soll es, wie schon unter dem früheren CEO Heinrich v. Pierer, nur noch Geschäftseinheiten geben. Statt den bisher 16 Divisionen soll es nur noch 9 geben.

  • Healthcare-Geschäft wird eigenständig

    Das Healthcare-Geschäft wird in Zukunft eigenständig, also außerhalb der neun Divisionen geführt. Dies bedeutet, dass regionale Organisationsstrukturen
    den Anforderungen des Gesundheitsmarktes angepasst werden können und nicht der Matrix der Konzernorganisation entsprechen müssen.

  • Mitarbeiter stärker beteiligen

    Das Unternehmen will seine Aktienprogramme für Mitarbeiter unterhalb der Senior-Managementebene erweitern und die Anzahl der Mitarbeiter-Aktionäre um mindestens 50 Prozent auf deutlich über 200.000 steigern. Hierzu stellt Siemens jährlich erfolgsabhängig bis zu 400 Millionen Euro zur Verfügung.

  • Sparen

    Mit der Bündelung der Divisionen und der Auflösung der Sektoren sollen Bürokratie abgebaut, Kosten gesenkt und Entscheidungen innerhalb des Unternehmens beschleunigt werden. Zudem sollen Querschnittsfunktionen wie das Personalwesen und die Kommunikation gestrafft und zentral geführt werden. Insgesamt will Kaeser so bis 2016 eine Milliarde Euro einsparen.

Bisher hat der Siemens-Lenker Hierarchieebenen gestrichen und den Konzern komplett neu strukturiert. Kaeser hat Hör- und Haushaltsgeräte abgestoßen, Unternehmen wie Dresser-Rand und das Geschäft mit kleinen Turbinen von Rolls-Royce zugekauft und am Ende gut 13.000 Stellen abgebaut. Wenn Kaeser in zwei Wochen die Zahlen für 2014/15 vorlegt, dürfte er sein Ziel einer Gewinnmarge von zehn Prozent als erfüllt vermelden, heißt es in Analystenkreisen.

„Kaesers Bilanz ist bisher durchwachsen“, resümiert dennoch Christoph Niesel, Portfoliomanager bei Union Investment. Zwar sei das alte Problem abgestellt, regelmäßig Abschreibungen in oft dreistelliger Millionenhöhe verkünden zu müssen, etwa für zu spät gelieferte Züge oder nicht zeitig angeschlossene Nordsee-Windparks. Auch Kaesers Verkäufe und die Zukäufe im Energiegeschäft findet Niesel schlüssig. Siemens habe aber weiter ein „Wachstums- und Gewinnproblem“.

Etwa 17 Prozent des Konzernumsatzes – rund 15 Milliarden Euro – tragen nichts oder zu wenig zum Gewinn bei. Dazu gehören Transformatoren, Anlagen zur Stromübertragung, Kompressoren, Ultraschallgeräte, Windkraftanlagen für die Stromerzeugung an Land und das Zuggeschäft. In Kaesers Umfeld heißt es, er mache Druck auf die verantwortlichen Manager, ihre Sparten in Ordnung zu bringen. Doch auch weitere Verkäufe seien eine Option für ihn.

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