Siemens: Der lange Schatten der Vergangenheit

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KommentarSiemens: Der lange Schatten der Vergangenheit

von Matthias Kamp

Jedes Quartal der gleiche Ärger: Immer neue Sonderbelastungen aus Problemen bei Großprojekten drücken auf die Bilanz von Siemens. Vorstandschef Joe Kaeser muss dringend das Risikomanagement verbessern.

Von „Legacy-Projekten“, also Altlasten-Projekten, spricht Siemens-Chef Joe Kaeser, wenn er versucht zu erklären, warum der Konzern, den er jetzt seit gut einem Jahr führt, immer wieder hohe Abschreibungen wegen Fehl- und Rückschlägen bei der Implementierung von Großprojekten verbuchen muss. Mal geht es um zu spät ausgelieferte ICE-Züge, mal um technische Probleme bei der Anbindung von Hochseewindparks ans Stromnetz, mal um nicht richtig funktionierende Hochspannungsleitungen in Kanada. Doch immer geht es um dreistellige Millionenbeträge, die auf die Siemens-Bilanz drücken.

Im Geschäftsjahr 2014, das Ende September ablief, verbuchten die Münchner Sonderbelastungen in Höhe von 900 Millionen Euro. Im Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013 waren es 700 Millionen Euro gewesen. Daraus sollen nach Kaesers Vorstellungen möglichst schnell 350 Millionen Euro werden. Ohne Sonderbelastungen wird es also auch in den kommenden Jahren nicht gehen. Noch hat Siemens zu viele „Legacy-Projekte“ in der Pipeline, etwa noch nicht ausgelieferte Züge.

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Der große Konzernumbau Bei Siemens drängt die Zeit

Siemens-Chef Joe Kaeser baut den Konzern radikal um. Bald müssen Ergebnisse folgen - denn die Investoren werden ungeduldig. Am Mittwoch gab der Aufsichtsrat grünes Licht für den Hörgeräte-Verkauf.

Quelle: Presse

Jüngstes Sorgenkind ist Fertigung von Windkraftanlagen, die Kaeser als eines der Zukunftsgeschäfte des Unternehmens definiert hat. In der jüngsten Vergangenheit hat Siemens hier beachtliche Erfolge erzielt, etwa bei Großaufträgen für Windparks in Amerika und Großbritannien. Doch jetzt gibt es Probleme mit kaputten Rotorblättern und Lagern in den Turbinen, die viel zu früh verschleißen und ersetzt werden müssen.

Das führte im Quartal von Juli bis September zu außergewöhnlichen Belastungen in Höhe von 223 Millionen Euro Die Folge ist ein  Verlust aus dem Geschäft mit Windkraftanlagen in Höhe von 66 Millionen Euro, nach einem Gewinn von 179 Millionen Euro im Vorjahresquartal.

Die neun Divisionen von Siemens

  • Division Power and Gas

    Produkte und Anwendungen: Gasturbinen, Dampfturbinen, Energiegewinnung aus Schiefergas

    Umsatz 2014/2015: 13,2 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,4 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 10,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Wind Power and Renewables

    Produkte und Anwendungen: Windkraftanlagen

    Umsatz 2014/2015: 5,7 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,16 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 2,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 5-8 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Energy Management

    Produkte und Anwendungen: Stromübertragung, Kraftwerkssteuerung, Transformatoren

    Umsatz 2014/2015: 11,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,57 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 4,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Building Technologies

    Produkte und Anwendungen: Gebäudesicherheit, Brandschutz, Gebäudeautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 6,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,553 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 9,2 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-11 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Digital Factory

    Produkte und Anwendungen: Software zur Steuerung von Fertigungsprozessen, Industrieroboter

    Umsatz 2014/2015: 10,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,7 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 17,5 Prozent

    Angestrebte Marge: 14-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Process Industries and Drive

    Produkte und Anwendungen: Industrieautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 9,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,536 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 5,4 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-12 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Mobility

    Produkte und Anwendungen: Hochgeschwindigkeitszüge, U-Bahnen, Straßenbahnen, Zugleitsysteme

    Umsatz 2014/2015: 7,5 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,588 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 7,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 6-9 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Financial Services

    Produkte und Anwendungen: Finanzdienstleistungen

    Angestrebte Marge: 15-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Ralf Thomas

  • Eigenständige Division Healthcare

    Produkte und Anwendungen: Ultraschall, Computertomografen, Magnetresonanztomografen, Labordiagnostik

    Umsatz 2014/2015: 12,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 2,2 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 16,9 Prozent

    Angestrebte Marge: 15-19 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Prof. Dr. Siegfried Russwurm

Die Ursachen für die massiven Probleme mit solchen Großprojekten sind vor allem in der Vergangenheit zu suchen. Kaesers Vorgänger Peter Löscher hatte das Ziel ausgegeben, der Konzern müsse seinen Umsatz möglichst schnell auf 100 Milliarden Euro steigern.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchte Siemens einen Umsatz von knapp 72 Milliarden Euro. Löschers ehrgeizige Zielmarkte setzte die Manager in den Geschäftseinheiten unter gewaltigen Druck. Sie nahmen Projekte an, ganz gleich, ob sie sie technisch bewältigen konnten oder nicht. Hauptsache die Umsatzkurve stieg. Ein funktionierendes Risikomanagement gab es nicht; es mussten Aufträge her – egal welche, egal um welchen Preis.

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Jetzt muss Kaeser das Risikomanagement verbessern. Technische Risikoprofile bei der Prüfung von Großprojekten hat er zur Pflicht gemacht. Die Abteilungen müssen nun bei möglichen Aufträgen genauer abwägen zwischen möglichem Ertrag und dem Risiko.

Erste Erfolge kann er vorweisen. Das Ausbringen der rieseigen Umspannplattformen in die Nordsee zur Anbindung von Windparks funktioniert heute besser. Doch es bleibt noch viel zu tun; die Schatten der Vergangenheit werden Kaeser noch einige Zeit begleiten.

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