Siemens-Hauptversammlung: Turbulente Zeiten für Konzernchef Joe Kaeser

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Siemens-Hauptversammlung: Turbulente Zeiten für Konzernchef Joe Kaeser

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Joe Kaeser

von Matthias Kamp

Gegenwind durch den fallenden Ölpreis, schwache Quartalszahlen und nun noch Probleme in der Vorzeigesparte Medizintechnik: Die Unruhe bei Siemens wird nicht kleiner, sondern größer.

Die Nachricht schlug kurz vor Beginn der Hauptversammlung im Münchner Olympiapark ein wie eine Bombe. Siemens-Chef Joe Kaeser holt die 44-jährige Janina Kugel in den Vorstand des Technologiekonzerns. Sie ist eine enge Vertraute Kaesers und seit 2014 Chief Diversity Officer.

Im Siemens-Führungsgremium wird sie künftig das Personalressort verantworten – der vierte Wechsel in eineinhalb Jahren in diesem Bereich. Gehen muss Hermann Requardt. Er war im Vorstand bislang für das Geschäft mit Medizintechnik zuständig.

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Der erneute Umbau des Vorstands ist vor allem eines: Ein Symptom für die gewaltige Spannung und große Unruhe, unter der Siemens auch eineinhalb Jahre nach Kaesers Amtsantritt immer noch steht. Siemens müsse zur Ruhe kommen, erklärte der charismatische Niederbayer im Juli 2013. Bisher hat Kaeser sein Ziel nicht erreicht.

Wie Siemens 2014 abgeschnitten hat

  • Konzern

    Umsatz: 71,9 Milliarden Euro (2013: 73,4 Milliarden Euro)
    Gewinn nach Steuern: 5,5 Milliarden Euro (2013: 4,4 Milliarden Euro)
    Operative Rendite: 10,3 Prozent
    Nettorendite: 7,6 Prozent
    Free Cashflow: 5,40 Milliarden Euro (2013: 5,38 Milliarden Euro)

    Quelle: Geschäftsbericht 2014

  • Power and Gas (Gasturbinen und Dampf)

    Umsatz: 12,7 Milliarden Euro (2013: 14,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 2,2 Milliarden Euro (2013: 2,1 Milliarden Euro)
    Rendite: 17,4 Prozent

  • Wind Power and Renewables (Windkraftanlagen)

    Umsatz: 5,6 Milliarden Euro (2013: 5,4 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,006 Milliarden Euro (2013: 0,007 Milliarden Euro)
    Rendite: 0,1 Prozent

  • Energy Management (Stromübertragung)

    Umsatz: 10,7 Milliarden Euro (2013: 11,7 Milliarden Euro)
    Ergebnis: -0,09 Milliarden Euro (2013: -0,25 Milliarden Euro)
    Rendite: -0,8 Prozent

  • Building Technologies (Gebäudetechnik)

    Umsatz: 5,6 Milliarden Euro (2013: 5,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,51 Milliarden Euro (2013: 0,38 Milliarden Euro)
    Rendite: 9,2 Prozent

  • Mobility (Zug- und Bahntechnik)

    Umsatz: 7,2 Milliarden Euro (2013: 5,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,53 Milliarden Euro (2013: -0,23 Milliarden Euro)
    Rendite: 7,3 Prozent

  • Digital Factory (Automatisierung, Industriesoftware)

    Umsatz: 9,2 Milliarden Euro (2013: 9,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 1,7 Milliarden Euro (2013: 1,3 Milliarden Euro)
    Rendite: 18,3 Prozent

  • Process Industries and Drives (Antriebssysteme)

    Umsatz: 9,6 Milliarden Euro (2013: 9,8 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 0,77 Milliarden Euro (2013: 0,51 Milliarden Euro)
    Rendite: 8,0 Prozent

  • Healthcare (Medizintechnik)

    Umsatz: 11,7 Milliarden Euro (2013: 12,0 Milliarden Euro)
    Ergebnis: 2,1 Milliarden Euro (2013: 2,1 Milliarden Euro)
    Rendite: 17,7 Prozent

Kaesers neuester Brandherd ist die Medizintechnik, bisher das Aushängeschild bei Siemens. Kontinuierlich lieferte Requardt in der Vergangenheit Margen nahe 20 Prozent. Zwischen Oktober und Dezember lag sie jedoch nur noch bei 14,5 Prozent. Immer noch hoch, allerdings beunruhigt der Trend nach unten.

Ein Grund unter anderen für die schmelzende Marge: In China gibt es inzwischen Wettbewerber, die Siemens mit guten Produkten zu niedrigeren Preisen Marktanteile abjagen. Im Siemens-Umfeld heißt es, Requardt sei im Zuge seines Erfolgs zunehmend arrogant und ignorant geworden und habe wichtige Trends verschlafen. „Zügig“ werde man wieder zu besseren Margen zurückkehren, verspricht Kaeser.

Die neun Divisionen von Siemens

  • Division Power and Gas

    Produkte und Anwendungen: Gasturbinen, Dampfturbinen, Energiegewinnung aus Schiefergas

    Umsatz 2014/2015: 13,2 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,4 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 10,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Wind Power and Renewables

    Produkte und Anwendungen: Windkraftanlagen

    Umsatz 2014/2015: 5,7 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,16 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 2,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 5-8 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Energy Management

    Produkte und Anwendungen: Stromübertragung, Kraftwerkssteuerung, Transformatoren

    Umsatz 2014/2015: 11,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,57 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 4,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Building Technologies

    Produkte und Anwendungen: Gebäudesicherheit, Brandschutz, Gebäudeautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 6,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,553 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 9,2 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-11 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Digital Factory

    Produkte und Anwendungen: Software zur Steuerung von Fertigungsprozessen, Industrieroboter

    Umsatz 2014/2015: 10,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,7 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 17,5 Prozent

    Angestrebte Marge: 14-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Process Industries and Drive

    Produkte und Anwendungen: Industrieautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 9,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,536 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 5,4 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-12 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Mobility

    Produkte und Anwendungen: Hochgeschwindigkeitszüge, U-Bahnen, Straßenbahnen, Zugleitsysteme

    Umsatz 2014/2015: 7,5 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,588 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 7,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 6-9 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Financial Services

    Produkte und Anwendungen: Finanzdienstleistungen

    Angestrebte Marge: 15-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Ralf Thomas

  • Eigenständige Division Healthcare

    Produkte und Anwendungen: Ultraschall, Computertomografen, Magnetresonanztomografen, Labordiagnostik

    Umsatz 2014/2015: 12,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 2,2 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 16,9 Prozent

    Angestrebte Marge: 15-19 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Prof. Dr. Siegfried Russwurm

Umsatz wird vermutlich nicht wachsen

Doch da kann Aufsichtratschef Gerhard Cromme auf der Hauptversammlung „den Erfolg von Siemens“ und „das gute Jahr 2014“ so oft beschwören wie er will: Viele der angereisten 7700 sind skeptisch und bringen Kaeser in Erklärungsnot. Für mehr als 7,6 Milliarden US-Dollar kauft Kaeser etwa den amerikanischen Ausrüster für die Ölindustrie, Dresser-Rand. Dabei haben viele Ölförderer aufgrund des niedrigen Ölpreises ihre Investitionen in neue Anlagen längst eingestellt.

„Das wird Siemens treffen“, sagte Kaeser denn auch heute in München. Im schlimmsten Fall drohen dem Konzern in ein paar Jahren Abschreibungen in Milliardenhöhe.

Programm "Siemens 2020" in Schlagworten

  • Der "Elektrifizierungs-Konzern"

    Siemens will sich entlang der Wertschöpfungsketten von Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung aufstellen. Chef Kaeser hat hierfür mehrere Wachstumsfelder mit Potenzial definiert, so etwa die Märkte für kleine Gasturbinen sowie Offshore-Windanlagen, intelligente Stromnetze, Produkte und Dienste rund um das Thema Industrie 4.0 aber auch der Markt für die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas.

  • Schlanker und wieder näher am Kunden

    Das Sektorenkonzept wird zum Oktober komplett abgeschafft. Bisher hatten die Münchner ihr Geschäft in die Sektoren Healthcare, Energy, Industry und Infrastructure & Cities gegliedert. Künftig soll es, wie schon unter dem früheren CEO Heinrich v. Pierer, nur noch Geschäftseinheiten geben. Statt den bisher 16 Divisionen soll es nur noch 9 geben.

  • Healthcare-Geschäft wird eigenständig

    Das Healthcare-Geschäft wird in Zukunft eigenständig, also außerhalb der neun Divisionen geführt. Dies bedeutet, dass regionale Organisationsstrukturen
    den Anforderungen des Gesundheitsmarktes angepasst werden können und nicht der Matrix der Konzernorganisation entsprechen müssen.

  • Mitarbeiter stärker beteiligen

    Das Unternehmen will seine Aktienprogramme für Mitarbeiter unterhalb der Senior-Managementebene erweitern und die Anzahl der Mitarbeiter-Aktionäre um mindestens 50 Prozent auf deutlich über 200.000 steigern. Hierzu stellt Siemens jährlich erfolgsabhängig bis zu 400 Millionen Euro zur Verfügung.

  • Sparen

    Mit der Bündelung der Divisionen und der Auflösung der Sektoren sollen Bürokratie abgebaut, Kosten gesenkt und Entscheidungen innerhalb des Unternehmens beschleunigt werden. Zudem sollen Querschnittsfunktionen wie das Personalwesen und die Kommunikation gestrafft und zentral geführt werden. Insgesamt will Kaeser so bis 2016 eine Milliarde Euro einsparen.

Die Zeit drängt für Kaeser. Im laufenden Geschäftsjahr, so der Siemens-Chef, werde der Umsatz von 71 Milliarden Euro nicht wachsen. Ab 2016 soll es dann aber wieder aufwärts gehen. Die Zahlen für das Quartal von Oktober bis Dezember geben allerdings erstmal Anlass zu Zweifeln.

Der Gewinn ist im Vergleich zum Vorjahresquartal um 25 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro eingebrochen. Der Auftragseingang schrumpfte um 13 Prozent. Der Grund: Siemens schaffte es nicht, ausreichend neue Großaufträge an  Land zu ziehen. Der Umsatz wuchs zwischen Oktober und Dezember moderat um drei Prozent.

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Umfassender Stellenabbau

Dass für Kaeser und seine fast 360.000 Mitarbeiter demnächst ruhigere Zeiten anbrechen, ist unwahrscheinlich. In der kommenden Woche will die Konzernführung mit den Arbeitnehmervertretern die neuen Pläne für einen umfassenden Stellenabbau besprechen. Die Rede ist von mehreren Tausend Arbeitsplätzen, die Kaeser streichen will.

Eines hat Kaeser in den zurückliegenden 18 Monaten geschafft: Durch seine Personalrochaden hat der Konzernchef die Organisation komplett auf seine Person zugeschnitten – Kaeser ist bei Siemens Alleinherrscher. Doch jetzt muss der frühere Finanzchef, der dem Unternehmen seit mehr als 30 Jahren dient, auch liefern. Im Jahr 2017 soll Siemens beim Wachstum wieder zum Wettbewerb aufgeschlossen haben, hat er angekündigt. Im Moment ist nicht zu erkennen, wie das geschehen soll.

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