Siemens: Kampf der Korruption

, aktualisiert 15. November 2011, 22:07 Uhr
Bild vergrößern

Schatten fallen während einer Pressekonferenz auf eine Wand, auf der das Logo und das Motto des Siemens-Konzerns zu lesen sind.

von Axel HöpnerQuelle:Handelsblatt Online

Vor fünf Jahren begann der größte deutsche Schmiergeldskandal. Aufpasser Theo Waigel ist heute mit dem Kontrollsystem des Konzerns zufrieden.

MünchenEs war ein Schreck in der frühen Morgenstunde. Wie üblich eilten die Siemens-Beschäftigten am 15. November 2006 über den Münchener Maximiliansplatz zum Haupteingang der Konzernzentrale, um ihren Arbeitstag zu beginnen. Doch die Routine wurde von einer ganzen Reihe Polizeiwagen gestört. „Mir kamen Beamte entgegen, die kistenweise Aktenordner rausschleppten“, erinnert sich ein Siemens-Manager. In den Fluren des Technologiekonzerns machten wilde Gerüchte die Runde. Doch kaum einer ahnte, dass hier gerade der größte deutsche Schmiergeldskandal seinen Anfang nahm, der den Konzern in seinen Grundfesten erschüttern sollte.

Weit mehr als eine Milliarde Euro war in schwarze Kassen geflossen und größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Mehr als zwei Milliarden Euro kostete der Skandal den Konzern – vor allem Anwalts- und Beratergebühren sowie Geldstrafen. Heute, fünf Jahre später, ist der Konzern ein anderer. Praktisch die gesamte Führung wurde ausgewechselt. Siemens baute eine 600 Mann starke Compliance-Abteilung auf, die verhindern soll, dass wieder geschmiert wird. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel, der seit drei Jahren im Auftrag der US-Behörden die Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung als unabhängiger „Monitor“ überwacht, zog gestern im Club Wirtschaftspresse eine positive Bilanz: „Das Experiment ist geglückt.“ Ein „systemisches Risiko Korruption“ gebe es bei Siemens nicht mehr.

Anzeige

Größere Summen, soll das heißen, können nicht mehr einfach so unbemerkt aus dem Konzern abfließen. Einzelfälle, das heißt es auch, wird es aber immer geben.

Das hat sich pünktlich zum Jahrestag gezeigt. Da wurden Ermittlungen der Nürnberger Justiz gegen drei Siemens-Mitarbeiter bekannt. Es geht um mögliche Schmiergeldzahlungen in der Karibik, mit denen Aufträge von Klinikbetreibern gewonnen werden sollten. Ein Teil der Zahlungen soll noch Anfang 2008 geflossen sein – also zu einer Zeit, als Siemens schon angefangen hatte, sein weltweit vorbildliches Antikorruptionssystem aufzubauen.

Durch den jüngsten Fall sehen sich nun all die bestätigt, die glauben, dass man in manchen Regionen und Branchen dieser Welt ohne Schmiergeld keine Aufträge bekomme. Schließlich waren die Vorfälle in der Karibik kein Einzelfall. So war ebenfalls in diesem Jahr bekannt geworden, dass Siemens-Mitarbeiter in Kuwait versuchen wollten, mit Hilfe von Schmiergeldzahlungen einen Auftrag bei einem Kraftwerksbau zu bekommen.

Alles wie früher also? Siemens-Topjurist Klaus Moosmayer, der die Compliance-Organisation gemeinsam mit dem Chief Compliance Officer Josef Winter leitet, spricht von einem „Kontroll-Paradox“. Dort, wo besonders genau hingeschaut wird und alles transparent veröffentlicht wird, werden Einzelfälle zwangsläufig sofort bekannt. Dann wirken ausgerechnet die sauberer, die es nicht so genau nehmen. Einzelfälle aber seien nicht zu verhindern. „Wenn unter 400000 Mitarbeitern nichts passieren würde, wäre das höchst verdächtig“, sagt Moosmayer.

Bislang gibt es in der Tat keine Hinweise auf neue systematische Korruption. Den Kuwait-Fall deckte Siemens selbst auf, Geld ist nicht geflossen. So konnte der Konzern zeigen, dass die Frühwarnsysteme funktionieren. Eine abschreckende Wirkung haben solche Fälle zudem.

Im Fall der karibischen Klinikbetreiber allerdings ist Geld geflossen. Die Summen sind nach Informationen des Handelsblatts überschaubar. Es soll um 750000 Euro über einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren gehen.

Monitor Theo Waigel jedenfalls ist zufrieden. Zwar habe Siemens aufgrund der neuen Praxis womöglich manchen Auftrag verloren. So zog sich der Konzern aus dem Bieterwettbewerb bei einem Wasserprojekt im Norden Afrikas, das ein asiatischer Projektierer betreute, lieber zurück. Insgesamt aber sei heute ein rigoroses Nein zur Korruption eher ein Wettbewerbsvorteil, sagte Waigel und zitierte den polnischen Politiker Wladyslaw Bartoszewski: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%