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Siemens: Mit Rückenwind aus Washington

von Thomas Jahn Quelle: Handelsblatt Online

Selten war ein deutsches Unternehmen in den USA so präsent wie Siemens. Der Chef der US-Gesellschaft pflegt beste Beziehungen ins Weiße Haus. Als Arbeitgeber und Exporteur genießt der Konzern hohes Ansehen.

US-Präsident Barack Obama lässt sich das Blatt einer Windturbine in einem Siemens-Werk in Iowa erklären. Quelle: Reuters
US-Präsident Barack Obama lässt sich das Blatt einer Windturbine in einem Siemens-Werk in Iowa erklären. Quelle: Reuters

New YorkZwei Dinge fallen einem in dem Büro von Eric Spiegel auf. Zuerst bemerkt man die Aussicht. Das Capitol steht gleich nebenan, der US-Chef von Siemens kann den amerikanischen Senatoren fast auf den Schreibtisch gucken.

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Auf der Dachterrasse ist der Ausblick noch eindrucksvoller. Dort oben feierte Siemens vor wenigen Monaten die Einweihung seines US-Konzernsitzes in Washington DC. Die aus Deutschland und Amerika angereisten Vorstände konnten bei Wein und gutem Essen das National Monument aus nächster Nähe betrachten. Nur das Weiße Haus war hinter den Hochhäusern nicht zu sehen, obwohl es in der Nähe liegt.

Was einem noch in Spiegels Büro auffällt. Ein Namensschild fehlt ebenso wie persönliche Dinge. Sein Büro wird auch als Konferenzraum genutzt. Die Botschaften sind nicht zu übersehen. Erstens: Wir liegen im Zentrum der politischen Macht. Zweitens: Wir arbeiten zusammen.

Das sind hohe Ansprüche, denen Siemens in den USA inzwischen gerecht wird. Nicht aus Zufall besucht heute der US-Verkehrsminister Ray Lahood die Siemens-Lokomotiven-Fabrik im kalifornischen Sacramento. Präsident Barack Obama erwähnte vor kurzem Siemens in seiner Ansprache zur Lage der Nation. Man stelle sich vor, Angela Merkel würde in der Neujahrsansprache die Werke von General Electric in Deutschland loben.

Siemens ist seit fast hundert Jahren in den USA vertreten. Aber noch vor kurzem verwechselten Amerikaner den Mischkonzern mit der früheren Möbelkette Seaman’s Furniture – beide Namen spricht man in den USA ähnlich aus. Doch Siemens holt den Rückstand gegenüber seinem Erzrivalen General Electric auf, stellt Lobbyisten ein und gründete im Herbst mit „Siemens Government Technologies“ eine Firma, die sich nur um das Geschäft mit dem Bund kümmert. Deren Umsatz von rund einer Milliarde Dollar soll sich in drei Jahren verdoppeln. „Geschäft und Politik gehen Hand in Hand“, sagt Hans Decker, Professor an der Columbia University in New York. „Siemens ist in den USA ein Faktor geworden.“

Hinter dem Erfolg steckt auch Chefjustiziar Peter Solmssen. Vorstandschef Peter Löscher holte ihn als ersten Amerikaner 2007 in den Vorstand von Siemens. Er hatte zuvor neun Jahre für General Electric gearbeitet. Solmssen verlegte 2010 den US-Sitz des Konzerns von New York nach Washington und heuerte Spiegel an, der von der Wirtschaftsberatung Booz Allen Hamilton in Washington kam. Eine bei Siemens kontroverse Entscheidung: Bislang kamen Eigengewächse auf den wichtigen Posten. So leitete Klaus Kleinfeld einst die US-Geschäfte und wurde dann Konzernchef.


Das Pentagon lässt Siemens für sich produzieren

Das scheint Spiegel aber nicht zu schaden. Er steigert die Reputation von Siemens, verkauft Siemens als US-Arbeitgeber und Exporteur von in den USA hergestellten Produkten. Das gefällt Obama, der die US-Ausfuhren bis 2015 verdoppeln will. Mehrfach lud er Spiegel ins Weiße Haus ein. Kürzlich berichtete er Vorstandschefs von der Lehrlingsausbildung, die Siemens aus Deutschland in den USA einführte. Das entzückte Vizepräsident Joe Biden, dessen Frau sich im Bildungssektor einsetzt.

Solche Erfolge kommen nicht von ungefähr. Spiegel stellte eine Reihe wichtiger Leute ein. Siemens-Kommunikationschefin Camille Johnston leitete zuvor die Pressearbeit bei First Lady, Michelle Obama. Lobbychefin Kathleen Ambrose führte das Lobbybüro vom Minenkonzern Rio Tinto und arbeitete unter Präsident Bill Clinton.

Siemens Government Technologies führt Judy Marks, eine Veteranin in Washington, die Spiegel von Lockheed Martin abwarb. Die ersten Erfolge: Siemens arbeitet zusammen mit dem US-Rüstungskonzern Boeing bereits an „Micro-Grids“ für das Pentagon. Das sind kleine, von der Außenwelt unabhängige Kraftwerke, die Kasernen oder Militäranlagen auch im Notfall mit Strom versorgen können.

Einem Ritterschlag kam die Finanzierung von Siemens-Kraftwerken durch die Ex-Import Bank gleich. Das Kreditinstitut gleicht der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau und ist im US-Finanzministerium angesiedelt. Bislang gewährte die Bank vor allem Boeing Kredithilfen für seine Exporte. „Das ist Vetternwirtschaft“, wettert Timothy Carney, früherer US-Botschafter und Politikberater. Denn Obama finanziere Siemens Geschäfte, weil sie die Gasturbinen in North Carolina herstellen – ein in den US-Wahlen stets stark umkämpfter Bundesstaat.

Soweit ist es schon gekommen: Siemens ist in den USA so erfolgreich, dass es dafür angegriffen wird. Darin liegt auch die größte Gefahr. Kommt es bei den Präsidentschaftswahlen zum Regierungswechsel, könnte das Siemens-Team zu sehr auf die Demokraten gesetzt haben.

Spiegel teilt solche Befürchtungen nicht. „Wir setzen uns für überparteiliche Dinge wie bessere Energieeffizienz ein“, erklärt der US-Siemens-Chef. Wie vor einer Woche: Siemens hatte für die Beleuchtung des Parks zwischen Capitol und National Monument Sparlampen gestiftet. Innenminister Ken Salazar schaltete feierlich das Licht an und sagte zu Spiegel: „Siemens ist ja in diesen Tagen überall“.

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