Spionageangriff auf Thyssenkrupp: Großalarm hätte die Risiken erhöht

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, aktualisiert 08. Dezember 2016, 17:43 Uhr
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Cyberkrieg liveDer Hackerangriff auf Thyssenkrupp
von Jürgen Berke

Thyssenkrupp wurde Opfer eines groß angelegten Hackerangriffs. Über Monate bekämpfte der Konzern die Spione. Zum ersten Mal war ein Journalist bei einer solchen Abwehrschlacht dabei.

Der Essener Industriekonzern Thyssenkrupp hat nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ lange überlegt, wie der großangelegte Spionageangriff am besten abgewehrt werden kann. Sofort Großalarm auslösen und alle Mitarbeiter in Panik versetzen. Oder – wie es letztlich auch entschieden wurde – die Operationen der äußerst professionell vorgehenden Bande monatelang heimlich auf Schritt und Tritt beobachten und dann mit einem großen Gegenschlag aus dem Konzernnetz verjagen.

„Wir hätten Standort für Standort, Land für Land nacheinander bereinigen können“, sagte Christian Pagel, Bereichsleiter Information Technology Management in der Sparte Industrial Solutions der „WirtschaftsWoche“. „Das hätte aber deutlich länger gedauert und damit das Risiko erhöht, dass der Angreifer nach links oder rechts und sich andere Routen zu seinem vermeintlichen Ziel sucht. Deshalb blieb uns keine andere Wahl, als eine konzertierte Aktion an einem Wochenende zu starten.“

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Thyssenkrupp ist seit zehn Monaten Opfer eines groß angelegten Hackerangriffs, wie die WirtschaftsWoche in ihrer neuen Ausgabe exklusiv berichtet. Es ist der erste Angriff, den ein deutsches Großunternehmen öffentlich zugibt. Und das erste Mal, dass ein Journalist bei einer Abwehrschlecht zwischen Konzern und Hackern live dabei sein konnte.

PremiumDer Angriff auf Thyssenkrupp Im Auge des Sturms

Hacker greifen den Industriekonzern Thyssenkrupp an. Sie platzieren in den IT-Systemen versteckte Zugänge, um wertvolles Know-how auszuspähen. Ein exklusiver Report aus dem Inneren einer beispiellosen Abwehrschlacht.

Datensicherheit: Hackerangriff auf ThyssenKrupp Quelle: Getty Images, Montage: WirtschaftsWoche

Die sehr professionelle Bande ist in das weltweit verzweigte Unternehmensnetz von Thyssenkrupp eingedrungen und wollte insbesondere in den beiden Geschäftsbereichen Industrial Solutions und Steel Europe technologisches Know-how und Forschungsergebnisse stehlen.

„Thyssenkrupp war seit Februar das Ziel eines sehr professionellen Hackerangriffs“, bestätigte Martin Hölz, Chief Information Officer (CIO) und Leiter der Abteilung Group Processes & Information Technology bei Thyssenkrupp dem Magazin.

In der auf den Bau von Großanlagen spezialisierten Sparte Industrial Solutions waren demnach mehrere Standorte in Europa, Indien, Argentinien und den USA betroffen. In der Stahl-Sparte griffen die Hacker das Walzwerk Hohenlimburg in Hagen an.

Angriffsziele von aufsehenerregenden Cyberangriffen

  • Energie-Infrastruktur

    Im Dezember 2015 fiel für mehr als 80.000 Menschen in der Ukraine der Strom aus. Zwei große Stromversorger erklärten, die Ursache sein ein Hacker-Angriff gewesen. Es wäre der erste bestätigte erfolgreiche Cyberangriff auf das Energienetz. Ukrainische Behörden und internationale Sicherheitsexperten vermuten eine Attacke aus Russland.

  • Krankenhäuser

    Im Februar 2016 legt ein Erpressungstrojaner die IT-Systeme des Lukaskrankenhauses in Neuss lahm. Es ist die gleiche Software, die oft auch Verbraucher trifft: Sie verschlüsselt den Inhalt eines Rechners und vom Nutzer wird eine Zahlung für die Entschlüsselung verlangt. Auch andere Krankenhäuser sollen betroffen gewesen sein, hätten dies aber geheim gehalten.

  • Rathäuser

    Ähnliche Erpressungstrojaner trafen im Februar auch die Verwaltungen der westfälischen Stadt Rheine und der bayerischen Kommune Dettelbach. Experten erklären, Behörden gerieten bei den breiten Angriffen eher zufällig ins Visier.

  • Öffentlicher Nahverkehr

    In San Francisco konnte man am vergangenen Wochenende kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, weil die rund 2000 Ticket-Automaten von Erpressungs-Software befallen wurden. Laut einem Medienbericht verlangten die Angreifer 73 000 Dollar für die Entsperrung.

  • Bundestag

    Im Mai 2015 fallen verdächtige Aktivitäten im Computernetz des Parlaments auf. Die Angreifer konnten sich so weitreichenden Zugang verschaffen, das die Bundestags-IT ausgetauscht werden. Als Urheber wird die Hacker-Gruppe APT28 vermutet, der Verbindungen zu russischen Geheimdiensten nachgesagt werden.

  • US-Demokraten

    Die selbe Hacker-Gruppe soll nach Angaben amerikanischer Experten auch den Parteivorstand der Demokraten in den USA und die E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampf-Stabschef John Podesta gehackt haben. Nach der Attacke im März wurden die E-Mails wirksam in der Schlussphase des Präsidentschaftswahlkampfs im Oktober 2016 veröffentlicht.

  • Doping-Kontrolleure

    APT28 könnte auch hinter dem Hack der Weltdopingagentur WADA stecken. Die Angreifer veröffentlichen im September 2016 Unterlagen zu Ausnahmegenehmigungen zur Einnahme von Medikamenten, mit einem Fokus auf US-Sportler.

  • Sony Pictures

    Ein Angriff, hinter dem Hacker aus Nordkorea vermutet wurden, legte im November für Wochen das gesamte Computernetz des Filmstudios lahm. Zudem wurden E-Mails aus mehreren Jahren erbeutet. Es war das erste Mal, dass ein Unternehmen durch eine Hackerattacke zu Papier und Fax zurückgeworfen wurde. Die Veröffentlichung vertraulicher Nachrichten sorgte für unangenehme Momente für mehrere Hollywood-Player.

  • Yahoo

    Bei dem bisher größten bekanntgewordenen Datendiebstahl verschaffen sich Angreifer Zugang zu Informationen von mindestens einer Milliarde Nutzer des Internet-Konzerns. Es gehe um Namen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten und verschlüsselte Passwörter. Der Angriff aus dem Jahr 2014 wurde erst im vergangenen September bekannt.

  • Target

    Ein Hack der Kassensysteme des US-Supermarkt-Betreibers Target macht Kreditkarten-Daten von 110 Millionen Kunden zur Beute. Die Angreifer konnten sich einige Zeit unbemerkt im Netz bewegen. Die Verkäufe von Target sackten nach der Bekanntgabe des Zwischenfalls im Dezember 2013 ab, weil Kunden die Läden mieden.

  • Ashley Madison

    Eine Hacker-Gruppe stahl im Juli 2015 Daten von rund 37 Millionen Kunden des Dating-Portals. Da Ashley Madison den Nutzern besondere Vertraulichkeit beim Fremdgehen versprach, erschütterten die Enthüllungen das Leben vieler Kunden.

  • Thyssenkrupp

    Im Frühjahr 2016 haben Hacker den Industriekonzern Thyssenkrupp angegriffen. Sie hatten in den IT-Systemen versteckte Zugänge platziert, um wertvolles Know-how auszuspähen. In einer sechsmonatigen Abwehrschlacht haben die IT-Experten des Konzerns den Angriff abgewehrt – ohne, dass einer der 150.000 Mitarbeiter des Konzerns es mitbekommen hat. Die WirtschaftsWoche hatte die Abwehr begleitet und einen exklusiven Report erstellt.

  • WannaCry

    Im Mai 2017 ging die Ransomware-Attacke "WannaCry" um die Welt – mehr als 200.000 Geräte in 150 Ländern waren betroffen. Eine bislang unbekannte Hackergruppe hatte die Kontrolle über die befallenen Computer übernommen und Lösegeld gefordert – nach der Zahlung sollten die verschlüsselten Daten wieder freigegeben werden. In Großbritannien und Frankreich waren viele Einrichtungen betroffen, unter anderem Krankenhäuser. In Deutschland betraf es vor allem die Deutsche Bahn.

Indizien deuten darauf hin, dass die Cyberspione aus dem südostasiatischen Raum kommen und sich langfristig in den IT-Systemen einnisten wollten. Nahezu perfekt versteckten die Hacker in den IT-Systemen Backdoors, („Hintertüren“), um auf wertvolle Informationen zugreifen zu können. In den beiden attackierten Geschäftsbereichen flossen Datensätze ab.

Die befallenen IT-Systeme sind inzwischen gesäubert worden. Das konzerneigene Notfallzentrum CERT (Computer Emergency Response Team) hatte den Angriff im April entdeckt. Thyssenkrupp hat nach eigenen Angaben die Ermittlungsbehörden eingeschaltet und Anzeige erstattet.

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