
DüsseldorfWer gut ist, der überlebt. Wer kämpft, hat Glück. Und nur wer auf den Punkt vorbereitet ist, der wird am Ende siegen. Es sind Sätze wie diese, mit denen der Ausdauersportler Joey Kelly sein Publikum begeistert. Mit denen er es mühelos schafft, eine Brücke zu bauen zwischen dem Sport auf der einen Seite und dem Geschäft auf der anderen.
Er spricht schnell, spult sein Programm gekonnt herunter. Im Sport, sagt er, müsse man Ziele haben, es geht darum, durchzuhalten und extreme Situationen zu meistern. Genau wie in einem Unternehmen.
Im Swisshotel in Neuss bei Düsseldorf hören dem Extremsportler an einem Januartag 350 Vertriebsmitarbeiter der Ergo Versicherung zu. Motivator Kelly soll ihnen zeigen, wie auch sie es zu Höchstleistungen bringen können.
Im Nadelstreifenanzug und in Lederschuhen, statt wie gewohnt im Sportlerdress, wirkt Kelly, der mehr als 40 Marathons gelaufen, durch die Atacama-Wüste in Chile gerannt und zum Südpol gewandert ist, verkleidet. Diesmal ziert kein Sponsorenlogo sein Hemd. Kelly, der sich selbst häufig als „laufende Litfaßsäule“ bezeichnet, ist für die Redneragentur Speakers Excellence im Einsatz, die ihm lukrative Vorträge wie diesen im Swisshotel vermittelt. Wie viele er pro Jahr hält und was er mit dem einstündigen Programm unter dem Titel „No Limits – wie schaffe ich mein Ziel“ verdient, verrät er nicht. Nur so viel: Umsonst sei er nicht zu haben.
Der Extremsport, das Herangehen an die körperlichen Grenzen, fasziniert immer mehr Menschen. Outdoormarken wie Mammut oder The North Face verzeichnen zweistellige Wachstumsraten, und auch die traditionellen Ausrüster wie Adidas oder Nike setzen verstärkt auf den Trend. Nach Angaben des Verbands European Outdoor Group wächst die Branche stetig, 2011 setzte sie europaweit rund 10 Milliarden Euro um.
Auch Amateure messen sich im Wildwasserschwimmen, Ultraberglauf oder Klippenspringen. Ihnen geht es um das Abenteuer, um die Grenzerfahrung. Kelly, der zwar selten als Erster das Ziel erreicht, sich aber der Herausforderung stellt, so schnell wie möglich mit dem Fahrrad von San Francisco nach New York zu fahren, ist ihnen ein Vorbild. Und damit sein Geld wert.
Abenteuer, die in Erinnerung bleiben
Am Sonntag beginnt in München die Ispo, die weltweit größte Sportartikelmesse. Mehr als 2300 Aussteller präsentieren Kleidung, Geräte, Accessoires. Erstmals sind mehr als 400 von ihnen unter dem Begriff „Action Sport“ zusammengefasst. Um dem Extremsport-Trend gerecht zu werden und um sich von den traditionellen Sportarten abzugrenzen. Hier steht das Erlebnis im Vordergrund – ein gut organisiertes Abenteuer mit einem kleinen Restrisiko.
Die Hersteller profitieren längst von dem Boom der vergangenen Jahre. Und neben Kelly verdienen auch andere Extremsportler prächtig an dem Trend: Jochen Schweizer, der an einem Bungee-Seil für Willy Bogners Film „Fire, Ice and Dynamite“ 1990 von einer Staumauer gesprungen ist, verkauft heute mehr als 1000 verschiedene „außergewöhnliche Erlebnisse“, wie er sie selbst nennt. Bungee-Jumping gehört immer noch dazu. Rund 50 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht sein Unternehmen mittlerweile. Und Ralf Dujmovits, der als erster Deutscher auf den Gipfeln aller 14 Achttausender der Erde gestanden hat, hat nebenbei einen Spezialreiseanbieter gegründet, der Bergsportler auf den Kilimandscharo bringt und ihnen Eisklettern am Montblanc anbietet.
Extreme Sportarten lassen sich besonders gut vermarkten
Amical alpin ist einer der bekanntesten Trekking- und Expeditionsanbieter im Alpenraum, auch dank des berühmten Namens seines Gründers und dessen Frau Gerlinde Kaltenbrunner, eine der besten Bergsteigerinnen der Welt. Kelly, Schweizer und das Ehepaar Dujmovits und Kaltenbrunner profitieren von ihrer Glaubwürdigkeit – und verdienen mit ihr.
Die extremen Sportarten lassen sich besonders gut vermarkten, sagt Werner Starz, Marketingdirektor von Eurosport. Der TV-Sender erreicht mit der Übertragung von Veranstaltungen wie den „X-Games“ jährlich 20 Millionen Zuschauer europaweit.
Warum die Zuschauer Wellenreiten, Skateboarden oder ein Buckelpistenrennen so fasziniert? „Es ist ein Lebensgefühl und eine eigene Kultur. Es geht darum, Regeln zu brechen und sich einer Gefahr auszusetzen, die aber kalkulierbar bleibt“, sagt er.
Ein Abenteuer, das zwar in Erinnerung bleibt, aber nur kurzfristig den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt, das ist das Geschäftsmodell von Jochen Schweizer. Der frühere Stuntman, heute 54 Jahre alt, verkauft auf seiner Internetseite, in eigenen Läden und bei 4000 Handelspartnern Erlebnisgutscheine, vom Bungee-Sprung über den Lawinenkurs bis hin zum House-Running. 120 Euro gibt ein Kunde durchschnittlich bei Schweizer aus.
Fallschirmtandemsprünge sind der Bestseller
Doch längst sind nicht mehr alle Touren so extrem wie noch zu Beginn seiner Karriere. Die wachsende Nachfrage der Kunden nach immer extremeren Abenteuern, die sie an die Grenzen des Machbaren bringen, hat auch ihn lange angetrieben. Doch seit einem Unfall 2003, als ein Bungee-Sprung auf einer seiner Anlagen in Dortmund tödlich endete, hat Schweizer seine Unbeschwertheit verloren.
Und sein Geschäft neu aufgestellt: Seitdem kann man bei ihm auch Wellness-Wochenenden und Hundeschlittenfahrten in Lappland buchen. Allerdings verkauft sich das Extreme immer noch am besten: „Der Fallschirmtandemsprung ist nach wie vor unser Verkaufshit“, erzählt er. Der drahtige Sportler ist von seiner Leidenschaft zum Extremen getrieben. 2014 will er 100 Millionen Euro Umsatz machen.
Die Nachfrage nach organisierten Abenteuern wächst rasant
Ralf Dujmovits dagegen hat andere, sportlichere Ziele. Er will noch mal auf den Mount Everest, diesmal ohne künstlichen Sauerstoff. Auch deshalb hat er sich kürzlich von seinem Unternehmen verabschiedet. Der 50-Jährige hat Amical alpin an einen Mitarbeiter verkauft, um wieder mehr Zeit für die Berge zu haben. Dujmovits ist ebenso wie Joey Kelly, der frühere Gitarrist der Kelly Family, ein gefragter Redner, seine Vorträge oft ausgebucht.
Dujmovits, aber auch Jochen Schweizer und Joey Kelly sind Sportler und Unternehmer in einer Person. Sie leben von ihrer Glaubwürdigkeit, davon, sich selbst zu vermarkten. Und das Geschäft mit dem Extremsport lebt von seinen Protagonisten. Kelly, 39, hat kürzlich ein Buch geschrieben. „Hysterie des Körpers“ ist seit Oktober 2011 auf dem Markt und hat sich nach Angaben des Rowohlt-Verlags bislang 30000 Mal verkauft. Ihm macht es Spaß, andere an seinen physischen und psychischen Grenzgängen teilnehmen zu lassen.
Im Anschluss an den Vortrag in Neuss sagt er den Ergo-Mitarbeitern, dass jeder seine Chance auf Erfolg habe. Dass er ihnen zwar erklären kann, wie er es selbst geschafft hat, aber dass am Ende doch jeder für sich selbst kämpfen muss. Und wer gut ist, der überlebt.
























