Stahlkocher in der Ostukraine: "Wer arbeitet, ist kein Separatist"

Stahlkocher in der Ostukraine: "Wer arbeitet, ist kein Separatist"

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Wenig effizient: Im Iljitsch-Werk im ostukrainischen Mariupol kochen 30.000 Arbeiter nur vier Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr.

von Florian Willershausen

In der Schwerindustrie im Osten des Landes gibt es Leidtragende und Profiteure der Krise – aber gegen Autonomie oder Annexion wehrt sich die Wirtschaft im Donbass nahezu geschlossen.

Keineswegs schadstoffarm wirkt jener dunkelbraune Rauch, der an diesem Freitagmorgen im Mai über dem Stahlwerk von Mariupol steht. Der Dunst stammt aus Hochöfen, die Altmetall zu flüssigem Stahl kochen. Schichtleiter Igor Gafina freut sich allen Ernstes, dass es qualmt und stinkt: „Bei uns laufen die Öfen auf vollen Touren“, rapportiert der Chef von einer der fünf Brigaden, die rund um die Uhr Stahl kochen, bis er bei 1700 Grad funkenschlagend in Feuerbächen abfließt. „Gott sei Dank hat uns die Krise da draußen nicht erwischt“, sagt der Ingenieur. Er ist stolz auf seinen Job im größten Stahlwerk der Ostukraine, das dem Oligarchen Rinat Achmetow gehört.

Die „Krise da draußen“ schüttelt den hoch industrialisierten Osten so heftig durch wie kein Ereignis seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Vor wenigen Wochen lagen in Mariupol am Asowschen Meer Tote auf den Straßen. Sicherheitskräfte aus Kiew hatten mit Separatisten um die Kontrolle der Stadt gekämpft. Vergangene Woche gab es Gefechte um den Flughafen in Donezk. Radikale, die Unabhängigkeit von Kiew fordern und vom Anschluss an Russland träumen, erschwerten am Sonntag die Präsidentschaftswahlen in der Region: Dort konnte nur etwa ein Fünftel der Wahllokale öffnen.

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Flurschaden ist enorm

Als Gegner der Separatisten stehen die Werktätigen zusammen: „Wer arbeitet, ist kein Separatist“, behauptet Stahlkocher Gafina. Arbeiter im Industrierevier Donbass verstünden, dass ihre Jobs an der Zukunft der Betriebe hingen. Und die hätten Probleme, wenn der Osten nicht mehr zur Ukraine gehören würde. Mit einer „Volksrepublik Donezk“ würde kaum jemand in Europa Geschäfte machen: In einer nicht anerkannten Separatistenregion wäre das Risiko zu hoch, das versichert niemand. Und als Teil Russlands würden sie gegenüber den moderneren Unternehmen dort an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Bereits jetzt ist der Flurschaden enorm. Infolge der Instabilität liegen in der Region alle Investitionen brach. Viele Unternehmen haben Probleme mit der Materialbeschaffung, da die Transportdienstleister aus Furcht vor Plünderungen an Kontrollpunkten der Separatisten Fahrten möglichst vermeiden.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine

  • Rohstoffe

    Das flächenmäßig nach Russland größte europäische Land besitzt jede Menge davon: Eisenerz, Kohle, Mangan, Erdgas und Öl, aber auch Graphit, Titan, Magnesium, Nickel und Quecksilber. Von Bedeutung ist auch die Landwirtschaft, die mehr zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt als Finanzindustrie und Bauwirtschaft zusammen. Etwa 30 Prozent der fruchtbaren Schwarzerdeböden der Welt befinden sich in der Ukraine, die zu den größten Weizenexporteuren gehört. In der Tierzucht spielt das Land ebenfalls eine führende Rolle.

  • Wirtschaftskraft

    Sie ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt liegt umgerechnet bei etwa 130 Milliarden Euro, in Deutschland sind es mehr als 2700 Milliarden Euro. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3900 Dollar im Jahr. Wuchs die Wirtschaft 2010 um 4,1 und 2011 um 5,2 Prozent, waren es 2012 noch 0,2 Prozent. 2013 dürfte es nur zu einem Plus von 0,4 Prozent gereicht haben.

  • Außenhandel

    Exportschlager sind Eisen und Stahl, gefolgt von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und chemischen Produkten. Wichtigstes Importgut ist Gas. Auch Erdöl muss eingeführt werden. Die Ukraine könnte aber vom Energie-Importeur zum -Exporteur werden, weil sie große Schiefergasvorkommen besitzt.

  • Industrie

    Sie ist von der Schwerindustrie geprägt, besonders von der Stahlindustrie, dem Lokomotiv- und Maschinenbau. Ein Grund ist, dass die Sowjetunion einen Großteil der Rüstungsproduktion in ihrer Teilrepublik Ukraine angesiedelt hatte. Eine Westorientierung und die Übernahme von EU-Rechtsnormen könnte das Land zunehmend zum Produktionsstandort für westliche Firmen machen.

  • Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

    Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner der Ukraine. Gemessen an der Größe des Landes ist das deutsche Handelsvolumen aber unterdurchschnittlich. Zu den wichtigsten deutschen Exportgütern zählen Maschinen, Fahrzeuge, Pharmaprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Wichtigste ukrainische Ausfuhrgüter sind Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft sind knapp 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine vertreten. Bei den Direktinvestitionen liegt Deutschland auf Platz zwei hinter Zypern.

    Chancen ergeben sich für die deutsche Wirtschaft vor allem im ukrainischen Maschinen- und Anlagenbau. Zudem ist die frühere Sowjetrepublik mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern ein potenziell wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge. Korruption und hohe Verwaltungshürden stehen Investitionen indes im Wege.

  • Wirtschaftsbeziehungen zur EU

    Rund ein Drittel der ukrainischen Exporte fließt in die EU. Eine engere wirtschaftliche Verknüpfung durch ein Handels- und Assoziierungsabkommen liegt auf Eis, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch auf russischen Druck seine Unterschrift verweigerte. Für die EU ist die Ukraine für die Versorgung mit Erdgas von Bedeutung. Rund ein Viertel ihres Gases bezieht die EU aus Russland, die Hälfte davon fließt durch die Ukraine.

  • Wirtschaftsbeziehungen zu Russland

    Mit Abstand wichtigster Handelspartner der Ukraine ist Russland. Ein Drittel der Importe stammt aus dem Nachbarland, ein Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Regierung in Moskau ist eine Orientierung der Ukraine nach Westen ein Dorn im Auge. Stattdessen drängt sie das Land zum Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland.
    Streit flammt zwischen beiden Ländern immer wieder über Gaslieferungen auf. Die Ukraine importiert fast ihr gesamtes Gas aus Russland, muss dafür aber einen für die Region beispiellos hohen Preis zahlen. Der Konflikt über Preise und Transitgebühren hat in der Vergangenheit zu Lieferunterbrechungen geführt, die auch die Gasversorgung Europas infrage stellten.

Von Subventionen aus Kiew abgeschnitten

Seit März, als Radikale die Gebietsverwaltung unter ihre Kontrolle brachten, ist die Industrieregion um Donezk ebenso wie das benachbarte Gebiet Lugansk von Subventionen aus Kiew abgeschnitten, etwa für Kohle. Große Kunden wie die Staatsbahnen Russlands und der Ukraine stornieren ihre Aufträge, andere zahlen nicht pünktlich. Dass die Separatisten mit der Konfiszierung von Unternehmen drohen, um die eigene Kassenlage aufzubessern, verbessert den Auftragseingang nicht.

Am härtesten trifft das kleine Unternehmen. Nikolai Kapturenko, der in Donezk die Überregionale Union mittelständischer Unternehmen vertritt, kennt den Kreislauf: Wegen der Krise zahlen viele Kunden ihre Rechnungen nicht, die Betriebe können ihr Material nicht zukaufen – entweder fehlt das Geld, oder die Logistikkette ist gestört. „Irgendwann zahlen sie keine Löhne mehr, und die Produktion steht still“, klagt Kapturenko. Russland solle gefälligst versuchen, den „Geist des Separatismus wieder in die Flasche zu kriegen“, damit Ruhe und Stabilität in den Donbass zurückkehre.

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