Standortdebatte: Deutsche Firmen auf der Flucht

Standortdebatte: Deutsche Firmen auf der Flucht

Das aktuelle Jobwunder kann nicht verdecken, dass die Unternehmen stetig Produktion, Forschung und Entwicklung ins Ausland verlagern. Der Trend wird durch die Politik sogar noch forciert.

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Die Energiesparte von Siemens wird komplett, einschließlich Führung, vom Stammsitz in München in die USA verlagert. Obama besichtigte in Iowa bereits die Windradproduktion

Lisa Davis könnte es hier richtig schön haben. Von ihrem neuen Büro im vierten Stock des Siemens-Gebäudes im Nordosten von Orlando hätte die designierte Chefin der Siemens-Energiesparte einen einzigartigen Blick über die Seenlandschaft von Zentralflorida. Wenn denn klar wäre, von wo aus in den USA sie ihren neuen Bereich tatsächlich führen soll. Im Mai noch kündigte Vorstandschef Joe Kaeser an, Davis werde ihren Sitz in Orlando haben, wenig später sollte es Houston in Texas sein, weil dort das Herz der US-Öl- und Gasindustrie liegt, die Davis als neue Siemens-Kunden gewinnen soll.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, die Mission der 50-jährigen Ex-Managerin des Mineralölmultis Shell steht fest. Die Energieexpertin soll die Siemens-Kernsparte amerikanisieren, um den US-Markt zu erobern. Nach der verlorenen Bieterschlacht um den französischen Alstom-Konzern gegen General Electric (GE) ist der Marsch der Turbinenbauer raus aus dem schwächelnden Europa, rein in das boomende US-Energiegeschäft Teil der künftigen Strategie Kaesers gegen den US-Rivalen.

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Schon heute arbeiten über 50.000 der 360.000 Siemensianer in den USA, in Zukunft werden es deutlich mehr werden. Vor allem die Produktion großer Kraftwerksteile dürfte wegen der hohen Transportkosten von Standorten wie Berlin langsam, aber sicher über den Atlantik wandern.

Der Umzug der Siemens-Traditionssparte samt Führung ins Ausland wirkt wie ein Menetekel für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland. Zwar steuert etwa die Metall- und Elektroindustrie hierzulande auf einen Beschäftigungsrekord zu: Im April waren gut 3,7 Millionen Arbeitnehmer in den Betrieben angestellt, 40.000 mehr als im Jahr zuvor.

Den Anfang machte die Textil- und Spielzeugindustrie

Doch solche positiven Nachrichten können nicht verdecken, dass der Trend generell in die andere Richtung geht – über die Grenze, weg aus Deutschland. Nicht nur Konzerne, auch mittelständische Unternehmen verlagern Aktivitäten ins Ausland: entweder weil die Löhne oder Strom- und Gaspreise dort deutlich niedriger sind, weil neue Absatzmärkte vor der Haustür liegen, weil Kunden bereits vor Ort sind oder weil Wechselkursrisiken und Zollschranken eine Verlagerung der Produktion erzwingen.

-Die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen erreichten 2012 insgesamt knapp 1,2 Billionen Euro – ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2001.

-Vor allem die Dax-Konzerne beschäftigen immer mehr Mitarbeiter im Ausland als in Deutschland: der Sportartikelproduzent Adidas rund 90 Prozent.

-Auch die Umsätze entstehen verstärkt im Ausland: Über 90 Prozent sind es etwa beim Industriegasespezialisten Linde.

-Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe liegen 21 Prozent aller Kapazitäten deutscher Unternehmen mittlerweile im Ausland.

Vorreiter dieses langsamen, aber stetigen Exodus waren lohnkostenintensive Branchen wie die Textil- oder die Spielzeugindustrie. Der Sportartikelhersteller Adidas etwa gehört zu diesen sogenannten Early-Movern, die sich schon früh aus Deutschland absetzten. In Scheinfeld, einem 5000-Einwohner-Dorf in Franken, unterhält der Dax-Konzern seine letzte deutsche und zugleich letzte eigene Fabrik. Europas größter Sportkonzern produziert hier jedes Jahr einige Hunderttausend Fußballschuhe – ein Klacks im Vergleich zu den fast 260 Millionen Paar Schuhen, die der Drei-Streifen-Konzern in Asien bei Lohnproduzenten nähen und kleben lässt.

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„Kostenvorteile waren in der Vergangenheit oft der ausschlaggebende Grund dafür, dass deutsche Unternehmen Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern“, sagt Oliver Knapp, Partner der Strategieberatung Roland Berger und Experte für Operations-Themen. „In der zweiten Phase geht es vor allem darum, lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen, um mit eigenen Produkten oder Dienstleistungen näher am Kunden zu sein.“

Doch die immanent betriebswirtschaftliche Logik ist nur ein Grund, der deutsche Unternehmen vertreibt. Denn politische Entscheidungen beschleunigen solche Entwicklungen. „Die Politik setzt die Rahmenbedingungen“, sagt Berger-Berater Knapp, „wenn die nicht passen, wächst bei den Unternehmen die Bereitschaft, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.“

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