Südkorea: Keine Atempause, es geht voran

Südkorea: Keine Atempause, es geht voran

, aktualisiert 08. November 2011, 16:33 Uhr
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Figuren des jährlichen Laternenfestes in Seoul, mit dem der Geburtstag Buddhas gefeiert wird.

von Jan KeuchelQuelle:Handelsblatt Online

Südkorea ist der Aufsteiger in Ostasien, die Stärke seiner Unternehmen macht mittlerweile vielen Wettbewerber in der Welt Sorgen. Samsung hängt Apple bei den Smartphones ab, Hyundai nötigt VW Respekt ab. Und die größte Werft der Welt liegt  - in Südkorea. Ein Blick in ein Land, das vor allem eines kennt: Geschäfte machen.

Seoul/UlsanDas weiße Wollknäuel in dem kleinen Glaskasten bewegt sich nicht. Genauso wenig wie das braune, schwarze und beige Wollknäuel in den Kästen nebenan. Ermattet liegen die Hundewelpen auf Glas und schauen durch Glas hindurch. Ein blassblauer Herbsttag in Südkoreas Hauptstadt Seoul, vor dem Schaufenster sind Touristen stehen geblieben und starren leicht angewidert und mitleidig auf die Vierbeiner. In diesem Viertel gibt es viele solcher Tierquälereien zu sehen. Nach dem Hunde-Laden kommt der nächste Hunde-Laden und dann noch einer und noch einer. In Seoul nennen sie diese Straße einfach nach dem, was sie ist, die Hundestraße. So wie die Nachbarstraßen Möbelstraße oder Druckerstraße heißen, weil in der einen Stühle gebaut oder besser gesagt, perfekt kopiert werden und weil in der Druckerstraße in jeder noch so kleinen Hütte gedruckt wird.

Rund um die Druckerstraße riecht es nach Lösungsmittel, das sich ätzend auf die Lungen legt. Im Hundegeschäft lächelt die Verkäuferin soeben noch und ruft dem Eintretenden ein paar nette Sätze zu - bis sie erkennt, dass er nicht kaufen, sondern nur gucken will. Da verlässt die Freundlichkeit ihr rundes Gesicht wie Luft einen geplatzten Ballon. In Südkorea wird Geschäft gemacht, Geschäft gemacht und nichts als Geschäft gemacht. Ein Land will nach oben, ganz direkt und unsentimental. Und das gelingt ihm.

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Warum? Eine Reise von Seoul nach Ulsan im Süden des Landes und zurück erzählt eine Geschichte, die mit Staatswirtschaft, mit Hunger nach Wohlstand und nicht zuletzt auch mit einer Nation zu tun hat, zu der die Südkoreaner eine schwierige Beziehung pflegen: mit Japan. „Sie sind Deutscher?“, ruft die Verkäuferin. „Oh, ich möchte auch einmal nach Deutschland“. Deutsch spricht sie nicht, dafür aber Englisch und fließend Japanisch.

Si-Yong ist Mitte zwanzig, sie bedient in einem Klamottenladen im beliebten Einkaufsviertel Myeong-dong, sie trägt ein rotes Wollkleid über der Jeans und ist nicht ganz so modisch wie ihre Kundinnen aus dem Nachbarland. Die kommen täglich mit dem Flugzeug in großer Zahl, auf der Suche nach Schnäppchen. Oder sie wandern auf den Spuren ihrer Idole aus den in Japan äußerst populären koreanischen TV-Seifenopern oder Pop-Bands. „70 Prozent unserer Kunden kommen aus Japan“, sagt Si-Yong.

In Läden wie dem Si-Yong landen sie zuhauf, meist weil sie von ihren Kollegen draußen vor der Tür hineinmanövriert werden. Die sprechen ebenfalls Japanisch und drücken den potenziellen Kundinnen draußen ein kleines Geschenk in die Hand, dann schieben sie sie sanft ins Innere. Japanerinnen, das weiß man in Myeong-dong nur zu genau, sind viel zu höflich, um einfach nur das Geschenk einzustecken.

Japanische Konsum-Touristen sind eines der wirtschaftlichen Standbeine Koreas. Das andere sind ein paar sehr erfolgreiche Industriezweige, in denen die Koreaner der Welt Respekt abnötigen. Ihre Protagonisten heißen Hyundai, Samsung oder LG – und haben den Toyotas oder Panasonics teilweise bereits den Rang abgelaufen. Südkorea und Japan, da sind zwei sehr unterschiedliche asiatische Nationen, verbunden durch eine unselige 35-jährige Besatzungszeit. Sie sind heute einander Kunden und Rivalen zugleich - vereint in misstrauischer Abwehrhaltung gegen die jeweils andere Volksgruppe.


Südkoreas Selbstvertrauen ist grenzenlos

Die politische Streit-Themen sind so zahlreich wie ungelöst. Da gibt es den Territorialkonflikt um die Takeshima-Inseln, die Koreaner nennen sie Dokdo, oder die endlosen Streitigkeiten über die Geschichtsschreibung. Bis heute wird auf beiden Seiten mit Vorurteilen und Diskriminierung hantiert. Während in Japan den dort teilweise in dritter Generation lebenden Koreanern noch immer das lokale Wahlrecht abgesprochen wird, stigmatisiert man in Korea den ehemaligen Besatzer Japan gern als emotionslosen Kulturräuber. Selbst der 2010 amtierende Umweltminister Manee Lee verstieg sich nach einem Interview mit dem Handelsblatt zu der Behauptung, Japan habe sogar das „Hanami“, das Kirschblütenschauen, von den Koreanern gestohlen.

Die Beziehungen sind ein auf und ab. Anfang 2011 hatte sich der bis August amtierende japanische Premier Naoto Kan noch für die durch Japan zugefügten Leiden in der Kolonialzeit von 1910 bis 1945  entschuldigt. Nun schlägt sein Nachfolger, Yoshihiko Noda, wieder aggressivere Töne an. Vor seinem Antrittsbesuch Ende Oktober ließ er Seoul wissen, dass er den Streit um die von Japan in den 30er Jahren zu Zwangsprostituierten gemachten Koreanerinnen als beigelegt betrachte. Vor seinem Amtssitz demonstrieren derweil noch immer jene mittlerweile hoch betagten „Trostfrauen “, damit ihre leidvolle Vergangenheit in japanischen Soldatenbordellen nicht in Vergessenheit gerät.

Bei allen Ressentiments aber sind beide Länder längst wirtschaftlich so miteinander verbandelt, dass sie sich eine offene Feindschaft im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten können. Beide sind für den jeweils anderen der drittgrößte Außenhandelspartner. Die erfolgreichen koreanischen Unternehmen hängen zu einem nicht geringen Teil von japanischen Zulieferbetrieben ab. Die Kräfteverhältnisse jedoch haben sich verschoben. Bei den mit wirtschaftlichen Problemen kämpfenden Japanern ist das wirtschaftliche Anlehnungsbedürfnis gewachsen, während das der Koreaner kleiner wird.

Japans Wirtschaftsleistung schrumpft, nicht allein als Folge der Natur- und Atomkatastrophe. Das Bruttoinlandsprodukt von Südkorea dagegen wird 2011 wohl zwischen 4,0 und 4,3 Prozent liegen, wenngleich verbunden mit der Sorge vor über Hand nehmender Inflation. Aber Südkorea wächst stetig - ob im Bereich Autobau mit Hyundai Motors, bei der Elektronik mit Samsung und LG oder im Schiffsbau mit Hyundai Heavy Industries. In der Hafenstadt Ulsan, wo Hyundai Heavy Industries (HHI) die größte Werft der Welt betreibt, sagt Konzern-Präsident Lee Jai-seong: „Die Japaner haben die goldenen Zeiten von 2003 bis 2008 verschlafen.“

Das Mantra im Schiffsbau ist das Mantra Südkoreas: Japan ist out, wir sind vorne mit dabei. Es regnet Bindfäden, an diesem Oktobermorgen, der mit einem eigenartigen Weckruf beginnt. Vor dem Hyundai eigenen Hotel tanzt Musik auf und ab, ein Mix aus Flötenspiel und Aufbruch-Gesang, der die Werftarbeiter zum Antritt ruft. Immer mehr Regenschirme bewegen sich im tristen Morgenrauen Richtung Werkstor. Empfangen werden sie von kampfslustigen Tönen, die über ein Megaphon schallen, der örtliche Gewerkschaftsführer stellt sich zur Wiederwahl.

Südkoreaner gelten als die heißblütigsten Asiaten, die teilweise noch immer unterdrückten Gewerkschaften sind kampferprobt, umso mehr versuchen die Unternehmen heute, ihre Arbeiter mit allerlei Annehmlichkeiten zu besänftigen. Hyundai Heavy baut Wohnungen, Schulen, Vergnügungsparks; in Ulsan gibt es Hyundai-Tankstellen, Hyundai-Kaufhäuser - und natürlich ist fast jeder Wagen auf der Straße ein Hyundai. Mit dem Bus geht es auf ein gewaltiges Gelände aus Hallen, Kränen, Schiffskörpern. „Haben sie schon einmal so eine Werft gesehen?“, fragt Herr Bae, einer der Vizepräsidenten von HHI, und wartet die Antwort erst gar nicht ab. „Sie werden beeindruckt sein.“


Auftrieb ist vom Staat gelenkt

Südkoreaner finden Südkoreas Aufstieg toll, die Welt soll es ihnen gleichtun. Ihr Selbstbewusstsein ist grenzenlos, ihr drang nach Anerkennung ebenso. Der Gewinn der Olympischen Winterspiele 2018 war für das Land wie ein Sechser im Lotto. Erneut können sie nun der Welt zeigen, was sie geschafft haben. Tatsächlich verfehlt das, was Hyundai Heavy präsentiert, nicht seine Wirkung. Die Werft ist gigantisch. Für die große deutsche Reederei ER Schiffahrt hat HHI gerade zwei Container-Riesen fertig gestellt, 60 Meter vom Wasserspiegel bis zur Kapitänsbrücke, 13.000 Container passen auf ein Schiff. Die Taufe wird mit großem Brimborium und eingeflogenen Gästen aus Deutschland zelebriert.

Doch während die emotionalen Reden des smarten Reederei-Chefs Erck Rickmers an diesen zwei Tauftagen gar nicht enden wollen, hat HHI-Boss Lee wenig Sinn für lange Sätze und Sentimentalitäten. In China gebe es ein altes Sprichwort, sagt der untersetzt Mann unter Anspielung auf das Wetter trocken, bevor der Champagner zerplatzt: „Regen ist Geld vom Himmel.“ Später, beim Dinner, wird ein mitgereister deutscher Banker seine Meinung über die Koreaner mit den Worten kundtun: Langweilig seien die. „Mit denen kann man nur übers Geschäft reden.“

So ganz falsch liegt er damit nicht, denn die Wirtschaftselite Koreas ist keine schöngeistige Akademiker-Truppe, sondern rekrutiert sich mehrheitlich aus aufgestiegenen Kleingewerbetreibenden, aus Lebensmittelhändlern, Bau- und Textilunternehmern. Die Geschichte der Wirtschaft dieses jungen Landes ist die Geschichte von Familienclans, die nach dem Korea-Krieg von einem Militärdiktator namens Park Chung-hee 1961 zum Aufbau bestimmter Wirtschaftszweige auserkoren wurden.

Bis heute existierten diese „Chaebol“ genannten Familienkonglomerate, bei Samsung sind es die Lees, bei Hyundai die Chungs, sie wurden reich und pflegen bis heute eine Nähe zum Staat, die von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist. Südkoreas Aufstieg ist ohne Zweifel ein staatsgetriebener und -gelenkter Weg. Auch wenn die Unternehmen das heute gerne dementieren. „Wir glauben, dass wir keine Subventionen vom Staat erhalten“, sagt Herr Cho, ein weiterer HHI-Vizepräsident, ohne einmal mit der Wimper zu zucken. „Wir leihen Geld zu marktüblichen Konditionen.“

Gerade das bezweifeln Wettbewerber, und fest steht, dass der Staat, zurzeit in Person von Präsident Lee Myung-bak noch immer lenkend, stützend und schützend in die Geschäftspolitik der Unternehmen eingreift. Subventionen etwa in Form von extrem günstigen Unternehmenssteuern und Darlehen gehören ebenso dazu wie Unterstützung bei geschäftlichen Gesetzesübertretungen. So wurde Samsung-Chef Lee, wegen Korruption und Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, schnell wieder begnadigt, damit er seinen Einfluss bei der Olympia-Bewerbung gelten machen konnte.

Für Südkorea hat sich das ausgezahlt.  Die Schattenseiten dieser Politik sind auf dem Land zu erkennen, abseits der Metropolen. Die Güte von General Chung traf nur bestimmte Familien und damit bestimmte Landstriche. Der Rest ist noch immer recht arm. Bis heute ist Südkorea deshalb ein Land großer innerer Unruhen – angetrieben auch vom Wohlstands-Hunger der weniger Betuchten. Die sollen auf Dauer immerhin mit davon profitieren, dass der Staat sich aktiv bei der Wirtschaft einmischt. Alle Staatspräsidenten Südkoreas sind bisher persönlich durch die Welt gereist, um für die heimische Wirtschaft zu werben und Freihandelsabkommen auszuhandeln. Auch auf dieser Ebene haben die Koreaner den Nachbarn aus Japan längst den Rang abgelaufen.


Arm aber gnadenlos

Während Japan sich bislang nur mit wenigen unwichtigen Staaten auf den Abbau von Handelsschranken einigen konnte, haben Präsident Lee Myung-bak und seine Vorgänger Freihandelsabkommen mit mittlerweile 45 Ländern abgeschlossen, darunter mit so wichtigen Wirtschaftsregionen wie der USA und der EU. Der Nachbar Japan, einst auch eine große Schiffsbau-Nation, wurde so auch auf diesem Gebiet abgehängt. Unfaire Wettbewerbsbedingungen? Wenn, dann ist es das nicht allein. „Wir bauen hier, weil die Japaner einfach zu teuer sind“, sagt Reeder Rickmers. „Aber auch, weil die Qualität stimmt.“

Japans Unternehmer haben das Problem immerhin erkannt und fordern von der eigenen Politik nun ähnlichen Einsatz, heißt: mehr Geschäftsanbahnung, weniger bilaterale Spannungen. „Sprecht nicht über Geschichte“, forderte vor kurzem Takeshi Niinami, Chef der Lebensmittel-Kette Lawson. „Always business first.“ Genau mit diesem Motto bedrängen die Südkoreaner nicht nur Japan, sondern mittlerweile auch Europa und die USA. Samsung hat vor wenigen Tagen Apple in Sachen Smartphones von Thron gestoßen.

Die deutschen Automobilkonzerne sind längst auf der Hut und fürchten die Südkoreaner mehr als Toyota, wie VW-Chef Martin Winterkorn kürzlich bekannte. Das Freihandelsabkommen mit der EU, das im Juli in Kraft trat, hat Hyundai/Kia den Zugang zu einem Markt von 41 Millionen Autos geöffnet, rund 60 Prozent des globalen Volumens. Die Sprüche mancher Mitreisenden im Reederei-Bus in Ulsan ob holpriger Straßen („das ist wohl die Hyundai-Teststrecke“) klingen deshalb gefährlich kolonialherrenhaft – und dürften spätestens deren Kindern sauer aufstoßen.

Südkorea ist noch immer ein armes Land, aber gleichzeitig gnadenlos in Ausbildung und Globalisierungsdrang. Die Schulkinder, die an den Busfenstern vorbei gleiten, ermattet vom langen Unterricht, dürften bald schon Kindern in der ganzen Welt, auch in Japan und Deutschland, zu Arbeitsplatz-Konkurrenten erwachsen. Wirtschaft ist unsentimental. Zurück in Seoul ist das Prinzip der knallharten Chancen-Verwertung am Rande der Legalität ein überall zu beobachtendes Stilmittel südkoreanischer Geschäftstüchtigkeit.

Das Taxi zurück in die Innenstadt sieht nicht nur aus wie ein Mercedes, man sitzt auch wie in einem Mercedes und es fährt sich wie einer. Natürlich ist es ein Hyundai. Am Fenster rauschen auf den ersten Blick VWs und Audis vorbei, sie tragen lediglich ein anderes Logo: ein Oval mit einem H darin - das Zeichen des Aufstiegs. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie in einer Straße namens Autostraße gefertigt
würden.                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Quelle:  Handelsblatt Online
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