Tarifverhandlungen: Rückenwind für Chemie-Gewerkschaft

Tarifverhandlungen: Rückenwind für Chemie-Gewerkschaft

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IG BCE unter Zugzwang - Heute beginnen für über 500.000 Beschäftigte aus rund 1.900 Betrieben der Chemiebranche die Tarifgespräche.

von Bert Losse

Heute beginnen die Tarifverhandlungen für die 550.000 Beschäftigten der deutschen Chemieindustrie. Nach dem hohen Abschluss im öffentlichen Dienst steht die Gewerkschaft IG BCE unter Zugzwang – doch ein Streik ist eher unwahrscheinlich.

Dass ausgerechnet der öffentliche Dienst zur lohnpolitischen Messlatte für die Industrie wird, ist in Deutschland eher ungewöhnlich. Doch die stolzen 6,3 Prozent auf zwei Jahre, die Verdi jüngst den öffentlichen Arbeitgebern von Bund und Kommunen abtrotzte, stellen nun für die Chemiegewerkschaft IG BCE (ebenso wie für die parallel verhandelnde IG Metall) die absolute Untergrenze eines Lohnabschlusses dar. Dass sich Facharbeiter in der gut laufenden Industrie mit niedrigeren Tarifzuwächsen als Staatsdiener begnügen, ist für die selbstbewusst gewordenen Gewerkschaften organisationspolitisch kaum denkbar und an der Basis nicht zu vermitteln.

Heute nun beginnen in Hessen die Verhandlungen für die 550.000 Beschäftigten in den 1.900 Betrieben der Chemiebranche; in den kommenden Tagen folgen weitere Regionen. Nach diesem ersten Tarifgeplänkel wird es spätestens am 7. Mai ernst. Dann treffen sich in Hannover Abgesandte der IG BCE zu einem Spitzengespräch mit Vertretern der Chemiearbeitgeber. Die traditionell eher moderate IG BCE ist mit einer Forderung von sechs Prozent auf zwölf Monate vorgeprescht. Bereits 2011 hatte die Gewerkschaft mit 4,1 Prozent auf 15 Monate einen vergleichsweise hohen Abschluss erzielt.

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Dass die Zeit der Bescheidenheit auf Arbeitnehmerseite vorbei ist, schwant auch den Arbeitgebern. Sie reagierten auffällig zurückhaltend auf die forschen Töne aus dem Gewerkschaftslager. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) mahnte pflichtschuldig einen Abschluss an, „der den wirtschaftlichen Realitäten entspricht“, verzichtete aber auf scharfe Töne.

Neue Arbeitszeitdebatte

Intern arbeiten die Chemiearbeitgeberverbände bereits an einem Plan B: Die künftig steigenden Arbeitskosten sollen zumindest teilweise durch höhere und flexiblere Arbeitszeiten kompensiert werden – auch wenn dies für die Gewerkschaften noch ein Tabu-Thema ist. „Muss das erforderliche Arbeitszeitvolumen auf weniger verfügbare Köpfe verteilt werden, wird die Arbeitszeit länger. Deshalb brauchen wir mehr Differenzierung und Flexibilisierung bei der Arbeitszeit“, sagt BAVC-Verhandlungsführer Hans-Carsten Hansen. In einem ersten Schritt wollen die Chemie-Arbeitgeber eine alte Tarifregel der Branche kippen, nach der sich bei Beschäftigten über 55 Jahre die Arbeitszeit von 37,5 Stunden um bis zu 3,5 Stunden reduziert. Hintergrund: In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der über 50-jährigen in der Chemieindustrie von 22 auf fast 30 Prozent gestiegen.

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Es besteht gute Hoffnung, dass sich Arbeitgeber und IG BCE auf einen ökonomisch tragfähigen Kompromiss einigen. Den letzten größeren Streik in der Chemiebranche gab es 1971, und dabei sollte es bleiben. Die Gewerkschaft begründet ihre hohe Lohnforderung zwar unter anderem damit, dass der Anteil der Lohn-und Gehaltskosten am Umsatz der Branche nur bei rund 15 Prozent liege – ein kräftiger Schluck aus der Pulle mithin finanzierbar sei. Sie weiß aber auch, dass nach dem guten Jahr 2011 in diesem Jahr die Umsätze der Unternehmen nur noch um knapp zwei Prozent wachsen dürften. Hinzu kommt, dass die deutsche Chemieindustrie rund 60 Prozent ihrer Produkte exportiert - und sich einen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit nicht leisten kann.

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