ThemaKonsumgüter

Textilindustrie: Die Modelüge - wie deutsche Firmen produzieren lassen

26. September 2012
Näherinnen in Bangladesch Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Bei vielen Herstellern verdienen die jungen Frauen 30 Euro im Monat. Dafür arbeiten sie täglich von 8 bis 20 Uhr. Das sind vier Stunden mehr als gesetzlich erlaubt Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
von Florian Willershausen

Die Karawane der Einkäufer zieht von China ins billigere Bangladesch, wo Lieferanten oft nur Hungerlöhne zahlen. Doch können Modehändler billig und zugleich fair produzieren lassen? Reporter Florian Willershausen war undercover vor Ort unterwegs.

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Schon im Landeanflug weiß Sven Axel Groos, dass er gleich schrecklich schwitzen wird. Der Monsun tobt, es ist Ende Juni – eine ungünstige Zeit, um nach Bangladesch zu fliegen. In den mehr als 5000 Textilfabriken des Landes läuft die Winterware von den Bändern, die Frühlingskollektion hängt noch am Reißbrett der Designer. Für Einkäufer wie Groos gibt’s also nichts einzukaufen.

Vom Flugzeug aus sieht Groos, wie das Wasser in Bindfadenform auf die grauen Betonburgen der Hauptstadt Dhaka fällt. Um die 35 Grad heiß wird es draußen sein. Diesmal grüßt die 14-Millionen-Metropole ihre Gäste nicht nur mit hässlicher Armut, sondern auch mit Sauwetter.

Groos ist Chefeinkäufer bei Tchibo für alle Waren, die man nicht essen kann, Kleidung zum Beispiel. Er hat viele Einkäufer, die für ihn arbeiten. Aber diesmal geht es nicht um Preise. Es geht um Prinzipien, große Politik, die Revolution – seine Revolution.

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Mindestlöhne für alle Lieferanten

Das Flugzeug, in dem er sitzt, gehört der deutschen Luftwaffe. Jenseits der Trennwand schnallt sich Außenminister Guido Westerwelle gerade zur Landung an. Auf halber Strecke hatte Groos den FDP-Politiker gebeten, er möge während des Besuchs Druck auf Bangladeschs Regierung ausüben, die Mindestlöhne von 30 Euro im Monat heraufzusetzen – für alle Lieferanten, damit die höheren Personalkosten keinen im Wettbewerb benachteiligen. Überstunden-, Brandschutz- und Hygieneregeln müssten verbessert werden. Es brauche den Druck von Politik und Wirtschaft, damit sich etwas ändert, sagt Groos.

Tchibo ist klein in Bangladesch, der letzten Billig-Werkbank für den Massenmarkt der Textilindustrie. Riesen wie C & A oder H & M ordern Containerschiffe voll mit Klamotten aus der Großregion um Dhaka mit ihren 40 Millionen Einwohnern. Groos reichen ein paar Dutzend Lkws. Doch alle Modeketten haben die gleichen Sorgen. Wie China vor 20 Jahren leidet Bangladesch unter frühkapitalistischen Geburtswehen. Die soziale Verantwortung des Fabrikanten erschöpft sich darin, Jobs zu schaffen.

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Kommentare | 7Alle Kommentare
  • 10.10.2012, 12:49 Uhrwowbagger

    Endlich mal ein halbwegs sachgerechter Beitrag zu diesem Thema. Hier gibt es wohl keine einfachen Lösungen, denn der Wettbewerb zwingt Firmen dazu immer günstiger einzukaufen, und dann landen diese Aufträge kurz oder lang eben dort, wo die Löhne am niedrigsten sind. Dass in Bangladesch die Löhne so niedrig sind, dass man davon auch nach lokalen Verhältnissen kaum menschenwürdig leben kann, ist ein Problem dass vor Ort gelöst werden muss. Zynischerweise verweist z. B. der Arbeitsminister von Bangladesch darauf, dass die Lage noch nicht so ernst wäre, da die Kunden dort noch keine Aufträge abziehen würden (http://www.atimes.com/atimes/South_Asia/NH04Df02.html). Ein zutiefst korruptes Land, in dem eine enge Verbindung von Politik und Wirtschaft besteht.

  • 28.09.2012, 13:27 UhrElconsumidor

    Das Schlimme ist ja, dass es die großen Modelabels offenkundig genau so machen wie die Discounter (siehe "Made in Turkey"-Tags gleich mit reinnähen lassen). Der Preis des Endprodukts lässt nur das Gegenteilige vermuten. Am Ende sind nur die Gewinnmargen und Handelsspannen größer, nicht aber der Einkaufspreis. Das Grundproblem wurde hier auch gar nicht angesprochen: Das Konsumverhalten. Wer bringt noch was zur Schneiderei, wenn's ein Loch hat? Keiner, weil der mehr fürs Ausbessern verlangt, als das Kleidungsstück gekostet hat - genauso wie Fleisch ist Kleidung zur Massenware geworden. Und die Leute kaufen lieber häufiger was Neues/Billiges bei einer der Modeketten und tragen es für eine Saison, anstatt etwas Hochwertiges länger zu tragen...

  • 27.09.2012, 10:50 Uhrketekete

    Nach diesem Bashing wäre es auch sinnvoll, eine "Positiv-Liste" der Modelable zu nennen, die menschenwürdig arbeiten (egal ob im In - oder Ausland).

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