Grausame Bilder
Bild: dapdAm 24. November kam es wieder zu einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch. Dabei kamen mehr als 110 Menschen ums Leben. In dem mehrstöckigen Gebäude wurde für C&A genäht.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheRund 40 Millionen Menschen leben in der bengalischen Hauptstadt Dhaka einschließlich der Vororte. Wer sich im Alltag bewegen will, nimmt am besten eine Rikscha. Die kunstvoll bemalten Tretkutschen muss man zumal entlang dieser Einkaufsstraße nicht lange suchen: Es konkurrieren Hunderttausende Fahrer, die zumeist in Slums leben und für ihre karges Leben auf den überfüllten Straßen strampeln.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheIn den Slums von Dhaka teilen sich meist drei bis fünf Menschen einen drei Mal vier Meter großen Blechverhau – so wie diese Mutter mit ihrem Kleinkind. Für die schäbigen Wellblechlauben müssen die Bewohner rund 24 Euro Miete im Monat bezahlen. Das ist fast so viel wie eine angelernte Näherin in den ersten Jahren in einer Textilfabrik verdient.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheFeierabend in Dhaka: Die Näherinnen einer Textilfabrik, die für H&M Kleidung fertigt, verlassen die Fabrik und kehren heim in ihre Slums. Im muslimischen Bangladesch tragen die meisten Frauen Kopftücher und Seidentücher, die bunt verziert und häufig sehr farbenfroh sind.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheDrei Männer verladen Altpapier unweit einer Slum-Siedlung im Industriegebiet von Kunipara in Dhaka auf einen Lkw. Wie der Ausschuss der Textilindustrie wird auch Papier irgendwo im Norden des Landes irgendwie recycelt.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheIn dieser Fabrik werden Hosen für die italienische Marke Gaudi genäht, in denen der Aufnäher „Made in Turkey“ zu finden ist. Der Geruch in dem mehrstöckigen Gebäude vom Samar Fashion Tex in Dhaka rührt nicht von der Straße – sondern von den offenen Plumpsklos, auf die diese Näherinnen direkt schauen.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheIn dieser Fabrik sind die Fenster vergittert. Häufig fehlt es auch an Feuerlöschern und Feuerlöschern. Wenn in den meist mehrstöckigen Textilfabriken ein Feuer ausbricht, kommt kaum jemand lebend heraus – so wie in Karachi, Pakistan, wo im September fast 300 Menschen bei einem Brand in der Fabrik von ALI Enterprises starben. Der Lieferant fertigte Jeans für den deutschen Discounter Kik.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheIm Slum von Kunipara leben viele junge Familien zwischen Abfall und Essenresten in ständigem Gestank. Die meisten arbeiten in der benachbarten Fabrik der Hameem-Group, die für den schwedischen Handelsriesen H&M näht. Auf den Arbeitgeber lassen sie nichts kommen: Zwar ist der Lohn gering, aber die Näherei bietet den Mitarbeitern kostenlose medizinische Versorgung und bezahlt die Überstunden.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheDer Mindestlohn ist in Bangladesch gesetzlich vorgeschrieben – und die Nähereien halten sich auch daran. 3000 Taka, also rund 30 Euro, verdient eine Näherin im Monat. Für erfahrenere Arbeiterinnen, zu denen vermutlich diese Frau zählt, zahlen manche Lieferanten deutscher Modemarken etwas mehr. Eine Erhöhung der Mindestlöhne blockiert die Industrie.
Bild: Probal Rashid für WirtschaftsWocheWie alt ist dieses Mädchen? Schon 15 oder jünger? Vielen jugendlichen Näherinnen sieht man wegen jahrelanger Unterernährung nicht an, dass sie älter als 15 Jahre sind und somit legal in den Fabriken arbeiten können. Sie sehen einfach jünger aus – sind aber genauso alt wie Auszubildende, die in einer deutschen Fabrik am Band stehen. Kinderarbeit, sagen selbst kritische Gewerkschafter in Dhaka, ist in Bangladesch kein großes Problem mehr, weil es einfach genug jugendliche Arbeitskräfte gibt.
Am 24. November kam es wieder zu einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch. Dabei kamen mehr als 110 Menschen ums Leben. In dem mehrstöckigen Gebäude wurde für C&A genäht.
Markenklamotten entstehen zuweilen in abbruchreifen Fabriken, genäht von dürren Mädchen mit blutigen Fingern, die die Nächte auf verlausten Matratzen in Slums verbringen. Aber an Bangladesch kommt die Textilbranche nicht mehr vorbei: Das Land ist in zehn Jahren vom zehnt- zum zweitgrößten Schneider für Europa geworden – gleich nach China. Deutsche Modelabel importieren von dort bald mehr als aus der Türkei.
Die Frage drängt sich auf: Wie sozialverträglich kann ein Modelabel dort produzieren lassen? Wie viel Fairness kann ein Markenhändler Lieferanten aufzwingen, ohne ihn zu verprellen – und sich so im harten Preiskampf selbst ins Knie zu schießen?
Einerseits kaufen deutsche Verbraucher Klamotten gern zu Schleuderpreisen: Zwei Drittel aller Textilien gehen über die Wühltische der Discounter. Andererseits verlangt König Kunde, dass sein T-Shirt fair und sauber hergestellt wird. Groß ist der Aufschrei, wenn im Fernsehen grausame Bilder laufen wie die von der Fabrik in Pakistan, in der vor wenigen Tagen fast 300 Arbeiter verbrannten. Auch der deutsche Discounter Kik ließ dort Jeans nähen. Laut Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die gerade eine internationale Kampagne für höhere Löhne in den Zulieferländern startete, kamen zwischen 2006 und 2010 allein in Bangladesch mehr als 550 Beschäftigte bei Fabrikbränden ums Leben. Aber für die Hose mehr bezahlen, damit die Standards in den Fabriken besser werden? So groß ist das schlechte Gewissen der Kunden nicht.
Wege zum sauberen Textilimport
Direkteinkauf
Textilriesen kaufen Kleidung meist über Importeure. Die Dienstleister im Dunkeln knabbern zwar an den Margen – ihnen können sie aber bei Skandalen die Verantwortung aufladen. Wer das vermeiden will, muss die Lieferkette in Eigenregie kontrollieren.
Mehr Transparenz
Lieferanten in Ländern wie Bangladesch wickeln ihre Bestellungen oft über Partnerfirmen ab, die in bedeutend schlechterem Zustand sind als die Vorzeigefabriken. Wer seine Verantwortung ernst nimmt, muss in diese Subfabriken Kontrolleure schicken und Kunden deren Namen nennen können.
Lokale Präsenz
Echten Einblick in die Arbeitsbedingungen bekommen nur eigene Mitarbeiter der Modeunternehmen, die ständig vor Ort sind. Jedes Label sollte daher ein Team aus entsandten und lokalen Einkäufern, Beratern und Kontrolleuren im Lieferland aufbauen.
Beratung für Lieferanten
Der Glücksfall ist die Arbeit mit Lieferanten, die ihren Hauptkunden als Partner verstehen – und sich mit dessen Hilfe weiterentwickeln wollen. Das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten und viel Zeit. Hilft ein Modekonzern seinen Lieferanten, die Produktivität zu verbessern, steigt auch dessen Bereitschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Lobbying vor Ort
Label wie H & M, C & A, Kik oder Tommy Hilfiger importieren solche Mengen aus Bangladesch, dass sie über gewaltigen Einfluss verfügen – theoretisch. Praktisch arbeitet jeder für sich, statt gemeinsam am runden Tisch mit der Regierung nach besseren Gesetzen zu verlangen. Auch politischer Druck ist rar, obwohl gerade Deutschland in Entwicklungsländern viel Respekt genießt.
Aufmerksamkeit für CSR
Der Grat zwischen billig und fair ist schmal: Jeder Skandal, jeder Brand kann Marken zerstören. Die Furcht davor ist jenseits philanthropischer Manöver der Grund dafür, dass die Branche dem Thema Corporate Social Responsibility (CSR) so viel Aufmerksamkeit widmet wie nie. Wie schwierig es für Händler ist, die Lieferwege aus einem Entwicklungsland wie Bangladesch sauber zu halten, zeigen Besuche in acht zufällig ausgewählten Textilfabriken. Getarnt als Berater deutscher Mode-Einkäufer traf der WirtschaftsWoche-Reporter auf die ungeschminkte Realität.
Der Alltag spielt jenseits der Hauptstraßen. Unser Auto schwankt wie eine Barke, als es sich über eine unbefestigte Dorfstraße nordwestlich des Flughafens Dhaka kämpft. Links fließt ein Rinnsal, das Wasser glänzt dunkelblau. In der Nachbarschaft muss eine Färberei in Betrieb sein. Vor dem Tor der Fabrik der Fortis-Gruppe, die auf sechs Fabriketagen unter anderem für Aldi Süd fertigt, hängt ein Schild: Kinder müssen draußen bleiben. Mal schauen.
- Seite 1: Die Modelüge - wie deutsche Firmen produzieren lassen
- Seite 2: Grausame Bilder
- Seite 3: Klimatisierter Vorführraum und "böse Baumwolle"
- Seite 4: Rostige Ventilatoren
- Seite 5: Gesetzlicher Mindestlohn
- Seite 6: Mauer mit Stacheldraht
- Seite 7: Nachhaltigkeit
- Seite 8: Schwammige Audit-Fragen
- Seite 9: Knast wegen Gründung einer Gewerkschaft
- Seite 10: Koordinierte Aktionen sind Fehlanzeige


























- als Spam melden
- antworten

- als Spam melden
- antworten

- als Spam melden
- antworten
Alle Kommentare lesen10.10.2012, 12:49 UhrAnonymer Benutzer:wowbagger
Endlich mal ein halbwegs sachgerechter Beitrag zu diesem Thema. Hier gibt es wohl keine einfachen Lösungen, denn der Wettbewerb zwingt Firmen dazu immer günstiger einzukaufen, und dann landen diese Aufträge kurz oder lang eben dort, wo die Löhne am niedrigsten sind. Dass in Bangladesch die Löhne so niedrig sind, dass man davon auch nach lokalen Verhältnissen kaum menschenwürdig leben kann, ist ein Problem dass vor Ort gelöst werden muss. Zynischerweise verweist z. B. der Arbeitsminister von Bangladesch darauf, dass die Lage noch nicht so ernst wäre, da die Kunden dort noch keine Aufträge abziehen würden (http://www.atimes.com/atimes/South_Asia/NH04Df02.html). Ein zutiefst korruptes Land, in dem eine enge Verbindung von Politik und Wirtschaft besteht.
28.09.2012, 13:27 UhrAnonymer Benutzer:Elconsumidor
Das Schlimme ist ja, dass es die großen Modelabels offenkundig genau so machen wie die Discounter (siehe "Made in Turkey"-Tags gleich mit reinnähen lassen). Der Preis des Endprodukts lässt nur das Gegenteilige vermuten. Am Ende sind nur die Gewinnmargen und Handelsspannen größer, nicht aber der Einkaufspreis. Das Grundproblem wurde hier auch gar nicht angesprochen: Das Konsumverhalten. Wer bringt noch was zur Schneiderei, wenn's ein Loch hat? Keiner, weil der mehr fürs Ausbessern verlangt, als das Kleidungsstück gekostet hat - genauso wie Fleisch ist Kleidung zur Massenware geworden. Und die Leute kaufen lieber häufiger was Neues/Billiges bei einer der Modeketten und tragen es für eine Saison, anstatt etwas Hochwertiges länger zu tragen...
27.09.2012, 10:50 UhrRegistrierter Benutzer:ketekete
Nach diesem Bashing wäre es auch sinnvoll, eine "Positiv-Liste" der Modelable zu nennen, die menschenwürdig arbeiten (egal ob im In - oder Ausland).