Thyssen-Krupp: Der schwierige Ausbruch aus dem Stahlkorsett

Thyssen-Krupp: Der schwierige Ausbruch aus dem Stahlkorsett

, aktualisiert 08. November 2011, 10:36 Uhr
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Beim Abstich wird der Himmel über dem Hüttenwerk Krupp Mannesmann (HWK) in Duisburg von hellem Feuerschein erleuchtet.

von Martin Murphy und Ulf SommerQuelle:Handelsblatt Online

Der 200. Geburtstag von Thyssen-Krupp wird keine ungetrübte Feier: Der Konzern leidet unter hohen Schulden und schwacher Rendite. Was das Unternehmen jetzt braucht, um seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Frankfurt, DüsseldorfAm 20. November begibt sich – wieder einmal – ein deutsches Staatsoberhaupt in die Villa Hügel in Essen, den einstigen Stammsitz der Gußstahlwerke Fried. Krupp. Christian Wulff wird dort die Laudatio zur 200-Jahr-Feier von Krupp halten – einem Konzern, der in seiner bewegten Geschichte zum Mythos geworden ist, zu einem Symbol für ein ganzes Land und für seine Werte, im Guten wie im Schlechten.

Wenn die präsidialen Worte in dem altehrwürdigen Gemäuer verhallt sind, werden sich die Oberen des einst mächtigsten Industriekonglomerats des Landes der Zukunft zuwenden müssen. Es ist eine schwierige Zukunft, und manche sind schon froh, wenn es denn überhaupt eine Zukunft in Unabhängigkeit gibt. Mehrfach schon hat Patriarch Berthold Beitz dem Konzern diese Unabhängigkeit bewahrt – durch Übernahme des Wettbewerbers Hoesch vor 19 Jahren und die Fusion mit dem Rivalen Thyssen.

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Zwölf Jahre nach dieser Fusion ist der Ruhrkonzern aber mit 6,25 Milliarden Euro verschuldet. Das ist mehr als das Dreifache des für das Geschäftsjahr 2010/11 geplanten operativen Gewinns. Grund für die Schuldenlast sind die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA, die mit zehn Milliarden Euro viel teurer wurden als geplant. Nun fehlt in allen Geschäftsfeldern das Geld für Investitionen. Vor allem die Bereiche Aufzugssysteme und Anlagenbau will Vorstandschef Heinrich Hiesinger ausbauen. Doch dafür braucht der Konzern frisches Kapital, das er nicht hat. Die nächstliegende Variante wäre eine Kapitalerhöhung. Diese aber verhindert die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die 25,3 Prozent an dem Konzern hält – und auch künftig behalten will. Schon deshalb wird sie sich einer Verwässerung vehement widersetzen.

Um trotzdem Geld ins Haus zu holen, bietet Hiesinger die Autozulieferer Waupaca und Tailored Blanks sowie die Edelstahlsparte zum Verkauf an. Es geht um ein Umsatzvolumen von über zehn Milliarden Euro, von dem er sich trennen will. 3,5 Milliarden Euro möchte Thyssen allein mit dem Verkauf des Edelstahlgeschäfts erzielen. Eine Milliarde weniger sei realistisch, sagen Branchenkenner.

Wegen der unruhigen Aktienmärkte bietet der intern lange favorisierte Börsengang der Edelstahlsparte, die seit Oktober als Inoxum firmiert, keine Alternative. Deshalb werden jetzt ein Verkauf an Finanzinvestoren und ein Spin-off geprüft. Dabei wird Inoxum ausgegliedert und danach getrennt vom übrigen Unternehmen an der Börse notiert – ohne die Aktien zum Kauf anzubieten. Stattdessen bekommen die Aktionäre von Thyssen-Krupp die Titel von Inoxum ins Depot gelegt. Thyssen-Krupp würde bei einem Spin-off zwar keine Einnahmen erzielen, der Konzern stünde aber optisch besser da: Nach Analystenschätzungen verschwänden Schulden von bis zu zwei Milliarden Euro aus der Bilanz.

Für welche Variante sich Thyssen-Krupp entscheidet, soll auf der Aufsichtsratssitzung am 2. Dezember geklärt werden. „Edelstahl wird das Hauptthema sein bei dem Treffen“, hieß es in hochrangigen Kreisen.

Berthold Beitz hat sich in der Vergangenheit radikalen Umbauten nicht widersetzt. „Das Management wird bezahlt dafür, dass es Geld verdient“, sagte er einst. Doch dafür müsste der Konzern eigentlich investieren – auch im Stahlbereich. Nur so ließe sich die Unabhängigkeit bewahren, das oberste Gebot im Testament von Alfried Krupp. Diesem Erbe fühlt sich Berthold Beitz bis auf den heutigen Tag verpflichtet.

Bis Ende nächsten Jahres will Vorstandschef Heinrich Hiesinger Thyssen-Krupp auf einen neuen Kurs bringen. Das kündigte er im vergangenen Mai an. Unternehmensbereiche mit einem Umsatz von gut zehn Milliarden Euro sollten verkauft und mehr Geld außerhalb der dominierenden Stahlsparte investiert werden.  „Im Rahmen dieser strategischen Offensive werden wir in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Euro zielgerichtet investieren“, sagte Hiesinger bei der Vorstellung seiner Strategie.

Doch der Zeitplan droht nun hinfällig zu werden. Denn um das Fundament für die strategische Wende zu legen, braucht er im nächsten Jahr die Verkaufserlöse – und die sind mehr als zweifelhaft.

So würden der geplante Verkauf der Edelstahlsparte und einiger Autozuliefereraktivitäten im aktuellen Marktumfeld weniger einbringen als geplant. Allein bei Edelstahl könnten mit 2,5 Milliarden Euro eine Milliarde Euro weniger in die Kasse von Thyssen-Krupp kommen. Das kann Hiesinger schon deshalb nicht akzeptieren, weil er bei den Aktionären im Wort steht, bei den Verkäufen auf Wirtschaftlichkeit zu achten.

Gleichzeitig braucht der seit Januar amtierende Vorstandsvorsitzende aber die Einnahmen, um Thyssen-Krupp neu auf die Wachstumsfelder Infrastruktur, Bevölkerungswachstum und Energie auszurichten. Erste kleine Akquisitionen hat der Konzern zwar im Aufzugsbereich bereits getätigt, für größere Investments aber fehlt das Geld. Schulden von 6,25 Milliarden Euro lasten auf dem Unternehmen. Das ist aus Sicht der Ratingagenturen zu viel, zumal die Kunden ihre Stahlbestellungen Konzernkreisen zufolge in den vergangenen Wochen zurückgefahren haben.

Doch nicht nur die Kunden sind misstrauisch, die Anleger sind es ebenfalls. Seit Juli hat die Aktie ein Drittel ihres Wertes verloren. Dennoch haben in den vergangenen drei Monaten 18 Analysten die Aktie zum Kauf und nur drei zum Verkauf empfohlen. Dabei fällt der Kurs schon allein deshalb, weil Stahlaktien frühzeitig auf Wendepunkte in der Weltwirtschaft reagieren. Im Übrigen haben auch im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, mehr als 75 Prozent der Strategen die Aktie von Thyssen-Krupp zum Kauf empfohlen. Danach ging der Kurs ebenfalls dramatisch nach unten.

Klar ist, dass Hiesinger in einem ausgesprochen schwierigen Umfeld Handlungsspielraum gewinnen muss. Seine größte Herausforderung ist der Verkauf der Edelstahlsparte mit ihren 11 000 Mitarbeitern in Deutschland, Italien, Nordamerika und China. Da die Sparte derzeit schwer rentabel zu veräußern ist, „kommt Druck auf den Kessel“, sagte ein Konzernvertreter. Auf der Aufsichtsratssitzung am 2. Dezember werde das Thema eine zentrale Rolle spielen. Der Konzern selbst bewertet seinen Edelstahlbereich, der seit Anfang Oktober Inoxum heißt, mit rund 3,5 Milliarden Euro. Da dieser Verkaufspreis nicht zu erzielen sein dürfte, werden Hiesinger und der mit der Transaktion beauftragte Finanzvorstand Guido Kerkhoff genau überlegen müssen, welchen Weg sie einschlagen.

Im Prinzip haben sie drei Möglichkeiten: Börsengang, Verkauf oder ein Spin-off, bei dem die Aktionäre von Thyssen-Krupp entsprechend ihrer Beteiligung Inoxum-Anteilsscheine erhalten. Auch wenn der Konzern offiziell alle drei Varianten parallel vorbereitet – der bevorzugte Verkauf über die Börse ist unrealistisch. „Das Börsenumfeld lässt keine solche Transaktion zu“, sagte ein Konzernvertreter.

Im Konzern arbeitet das Team um Kerkhoff und Hiesinger daher tatsächlich nur noch an zwei Szenarien, wie doch noch Geld in die Kasse kommen könnte. „Aus heutiger Sicht ist ein Spin-off am wahrscheinlichsten“, heißt es in Unternehmenskreisen. Geld bringt das zwar nicht, aber einen Teil der Schulden könnten Inoxum aufgebürdet werden.

Ein Planspiel im Konzern sieht nun vor, dass die Krupp-Stiftung ihren Anteil an Inoxum – der bei 25,3 Prozent liegen würde – verkaufen und sich mit dem Erlös an einer Kapitalerhöhung der Thyssen-Krupp AG beteiligten könnte. Durch die Ausgabe neuer Aktien könnten mindestens 2,5 Milliarden Euro erlöst und die Schulden damit deutlich gesenkt werden.

Derzeit könnte die Stiftung mangels Geld keine Kapitalerhöhung mittragen. Eine Verwässerung der Beteiligung, die den Konzern gegen eine feindliche Übernahme absichert, kommt für den Stiftungsvorsitzenden Berthold Beitz nicht infrage. Als Bewahrer des Krupp-Erbes sieht er sich der Unabhängigkeit des Konzerns verpflichtet.

Ein anderes Szenario ist ein Verkauf an Finanzinvestoren. „Wir reden zwar auch mit strategischen Interessenten“, heißt es im Unternehmen. Da Inoxum aber Marktführer ist, fällt ein Verkauf an Konkurrenten wegen Kartellbedenken aus. Bei Finanzinvestoren gäbe es keine Einwände der Behörden. Erste Gespräche mit möglichen Interessenten habe es bereits gegeben, heißt es in Finanzkreisen. Thyssen-Krupp äußerte sich dazu nicht.

In einem ersten Schritt könnten Finanzinvestoren die Mehrheit an Inoxum übernehmen. „Das hätte den Charme, dass wir das schwankungsanfällige Edelstahlgeschäft aus der Bilanz hätten“, sagte ein Manager. Wenn die wirtschaftliche Lage sich bessert, könnte Thyssen-Krupp dann den verbliebenen Anteil verkaufen und so unter dem Strich doch noch die gewünschten 3,5 Milliarden Euro Verkaufserlös erzielen.

Mitspielen müssten bei beiden Optionen die Arbeitnehmer, denen der Konzern weitreichende Mitspracherechte eingeräumt hat, und bei einer Kapitalerhöhung die Krupp-Stiftung. Berthold Beitz dürfte die prekäre Lage von Thyssen-Krupp bewusst sein. Über Vertraute wird er über die Situation im Konzern umfassend informiert, wichtige Entscheidungen fallen ohnehin nicht ohne Zustimmung des 98-Jährigen.

Beitz weiß: Thyssen-Krupp braucht jetzt möglichst schnell, möglichst viel Geld.

Quelle:  Handelsblatt Online
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