ThyssenKrupp: Langes Warten als Geschäftsprinzip

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ThyssenKrupp: Langes Warten als Geschäftsprinzip

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Der werkseigene Hafen des ThyssenKrupp-Stahlwerks an der Bucht von Sepetiba bei Rio de Janeiro.

von Andreas Wildhagen

ThyssenKrupp bereitet die Aktionäre darauf vor, dass die Übersee-Stahlwerke unverkäuflich sind.

Was kommt zuerst? Die Henne oder das Ei? Vor dieser fundamentalen Frage steht ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger in den ersten Tagen des neuen Geschäftsjahres, das im Oktober begonnen hat. Was kommt zuerst? Der Verkauf der Übersee-Stahlwerke oder die Kapitalerhöhung, die dringend notwendig ist? Bei Hiesinger hört sich das nach jüngsten Äußerungen so an: „Es wäre für die Entscheidung für eine Kapitalerhöhung am besten, wenn wir die Ergebnisse der Verkaufsverhandlungen vorliegen haben“. Die Verhandler aber auf der anderen Seite des Tisches, das ist unter anderen der brasilianische Unternehmer Benjamin Steinbruch, kennen diesen Zwist bei ThyssenKrupp und wollen den geschwächten Konzern erst zu einer Kapitalerhöhung zwingen, bevor sie ein verbindliches Angebot unterbreiten. Denn eine Kapitalerhöhung schwächt die bisher noch dominante Stellung der Krupp-Stiftung als Ankeraktionär (25,3 Prozent). Und ein Konzern mit einer geschwächten Eigentümer-Struktur ist noch schneller für ein Discount-Angebot der Übersee-Stahlwerke zu bewegen als ein stark aufgestelltes Unternehmen.

Letzteres ist ThyssenKrupp auch ohne Kapitalerhöhung schon lange nicht mehr. Bei nahezu acht Prozent liegt die Eigenkapitalquote im Unternehmen, das ist schon fast Finanz-Schwindsucht. Es geht gar nicht mehr darum, ob ThyssenKrupp die Stahlwerke verkauft oder nicht. Denn ein Stilllegen und Einmotten der nagelneuen Großanlagen wäre für ThyssenKrupp fast besser als ein Ramsch-Verkauf, der die jetzigen Buchwerte von 3,4 Milliarden Euro nach Insider-Schätzungen noch einmal glatt halbieren könnte. Das wäre ein Desaster für das Eigenkapital des Revierkonzerns.

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Die Geschäfte der ThyssenKrupp AG

  • Gesamtumsatz (konsolidiert)

    40 Milliarden Euro

  • Logistik und Handel

    Umsatz: 13 Mrd. Euro

    Ebit*: 127 Mio. Euro

    Ebit-Marge: 1 Prozent

    Mitarbeiter: 27.600

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

    Quelle: Geschäftsbericht 2011/2012

  • Stahl Europa

    Umsatz: 11 Mrd. Euro

    Ebit*: 188 Mio. Euro

    Ebit-Marge: 1,7 Prozent

    Mitarbeiter: 27.800

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

  • Automobilzulieferung

    Umsatz: 7 Mrd. Euro

    Ebit*: 681 Mio. Euro

    Ebit-Marge: 6,5 Prozent

    Mitarbeiter: 28.000

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

  • Aufzüge und Rolltreppen

    Umsatz: 6 Mrd. Euro

    Ebit*: 387 Mio. Euro

    Ebit-Marge: 6,8 Prozent

    Mitarbeiter: 47.600

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

  • Anlagenbau

    Umsatz: 4 Mrd. Euro

    Ebit*: 520 Mio. Euro

    Ebit-Marge: 12,8 Prozent

    Mitarbeiter: 14.300

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

  • Marine

    Umsatz: 1,2 Mrd. Euro

    Ebit*: - 14 Mio. Euro

    Mitarbeiter: 3800

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

  • Steel Americas

    Umsatz: 2 Mrd. Euro

    Ebit*: -4,7 Mrd.. Euro

    Mitarbeiter: 4000

    *Gewinn vor Zinsen und Steuern

Verluste, so die süß-saure Nachricht von Hiesinger, machen die Stahlwerke aktuell nicht mehr. Das liegt daran, dass die Produktion schon weitestgehend heruntergefahren ist. „Es sind also fast schon tote Anlagen, die hier zum Verkauf stehen“, sagt ein Brancheninsider. Das ist weiterhin kein gutes Zeichen für die Verkaufsverhandlungen. Zwölf Milliarden Euro kosteten die beiden Stahlwerke in Brasilien und Alabama (USA) statt knapp vier. Im vergangenen Geschäftsjahr produzierten die beiden Stahlwerke auch operativ Verluste. Jetzt werden viele Aufträge schon gar nicht mehr angenommen, um die laufenden Verluste aus dem Tagesgeschäft zu minimieren. Das wird vom ThyssenKrupp-Management als „großer Fortschritt“ ausgegeben, als Stärkung der Verhandlungsposition. Die ist auch notwendig, um ThyssenKrupp nicht als Spielball der Verhandlungspartner zu machen. Das Signal von Hiesinger lautet: ThyssenKrupp kann warten. Erpressbar will der Traditionskonzern nicht sein. Nur schleift sich diese Dauer-Präsentation von souveräner Gelassenheit auch irgendwann ab. 

Stahl- und Technologiekonzern ThyssenKrupp bereitet sich auf Zerlegung vor

Das Wort Zerschlagung hat angesichts der Misere für viele ThyssenKrupp-Mitarbeiter den Schrecken verloren. Der Konzern beginnt intern, gute von schlechten Geschäftsfeldern zu trennen.

Quelle: dpa

Hiesinger muss dabei notgedrungen eine nicht ganz glückliche Figur machen. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig. Er hat einen Scherbenhaufen geerbt, den er zusammenkehren muss. Die eigentlichen Verursacher des Investitionsdesasters haben ThyssenKrupp längst verlassen. Aber Hiesinger hat auch noch Asse im Ärmel, die er geschickt verbirgt. Es sind die Perlen von ThyssenKrupp, die bei all den Hiobsbotschaften aus dem Stahl fast in Vergessenheit geraten sind: Der Anlagenbau, die Fahrtreppen- und Aufzugsgeschäfte (Elevator) und teilweise auch das Autozuliefergeschäft (Bilstein) sind Pfunde, mit denen Hiesinger noch wuchern kann. Wenn es ihm gelingt, das Stahlproblem zu lösen, kann er mit diesen Technologien einen ganz neuen Konzern aufbauen. Erst an diesem neuen Gebilde wird er sich messen lassen müssen und können.

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