
Es ist Sommer und die heißen Gerüchte kochen hoch. Wird der Multi-Aufsichtsrat Gerhard Cromme, Chef der Kontrollgremien von ThyssenKrupp und Siemens seinen Posten beim Münchner Elektrokonzern verlassen? Im nächsten Jahr wird er 70 und nach bisherigen Regeln wäre er zu alt für den Aufsichtsrat von Siemens. Doch die Regeln sind geändert worden und einer erneuten Kandidatur des Spät-69ers im Dezember steht eigentlich nichts mehr im Weg. Aber es gibt Widerstände, und die stammen vor allem aus dem Arbeitnehmerlager bei Siemens.
Dort war Cromme schon immer unbeliebt, weil er mit hartem Besen nach der Korruptionsaffäre, die 2007 in Milliardenhöhe bei Siemens hochkam, ausgekehrt hat und dabei viele Alt-Siemensianer verärgert hatte. Doch setzte sich Cromme auch mit Hilfe seiner wichtigen Unterstützers im Siemens-Aufsichtsrat durch. Das war der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Und ob Pensionär Ackermann weiterhin dem Siemens-Aufsichtsrat angehören wird, ist sowieso fraglich. Cromme fehlt also ein wichtiger Beistand aus der Mitte der deutschen Wirtschaft bei Siemens.
Bild: Picture-Alliance/dpaRalph Wollburg
Der Jurist der Kanzlei Linklaters, der sich gern im Hintergrund hält, ist einer der wichtigsten Wirtschaftsanwälte des Landes. Er arbeitete unter anderem für ThyssenKrupp, RWE, den Nivea-Hersteller Beiersdorf und den Medizinkonzern Fresenius. Vor allem bei Unternehmensübernahmen ist sein Rat gefragt. Wollburg hat sich auch als Abwehrspezialist einen Namen gemacht.
Bild: dpaAnn-Kristin Achleitner
Die BWL-Professorin und ehemalige McKinsey-Beraterin sitzt in den Aufsichtsräten des Handelskonzerns Metro und des Industriegase-Spezialisten Linde. Sie ist verheiratet mit Paul Achleitner, dem Künftigen Oberaufseher der Deutschen Bank. Beide gelten als das Power-Paar der deutschen Wirtschaft.
Bild: dpaHenning Kagermann
Der einstige SAP-Chef bestimmt in den Aufsichtsräten von Deutsche Bank, Deutsche Post und Munich Re über die Geschicke von Großunternehmen mit.
Bild: APMichael Vassiliadis
Der Chef der Chemie-Gewerkschaft IG BCE agiert nicht so auffällig wie etwa Verdi-Chef Frank Bsirske. Dabei verfügt der Sohn eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter über hohen Einfluss. In den Aufsichtsräten von BASF, Henkel oder beim Düngemittelkonzern K+S zieht Vassiliadis an den Strippen. In der RAG-Stiftung, der Eigentümerin des Chemiekonzerns Evonik, entscheidet er über die Zukunft des deutschen Steinkohlebergbaus und den Evonik-Börsengangs mit.
Bild: Frank Reinhold für WirtschaftsWocheMichael Hoffmann-Becking
Der Düsseldorfer Wirtschaftsanwalt von der Kanzlei Hengeler Mueller berät zahlreiche Dax-Konzerne wie Siemens, Linde oder Deutsche Bank. Auch bekannte deutsche Familiendynastien wie Quandt, Boehringer oder Stihl hören auf das Wort des 69-Jährigen. Dabei beschränkt sich Hoffmann-Beckings Rat nicht nur auf die juristische Expertise. Der Anwalt, der in zahlreichen Bei- und Aufsichtsräten sitzt, beeinflusst auch Unternehmensstrategien und Entscheidungen über Vorstandsposten.
Bild: dpaGerhard Cromme
Der Aufsichtsratsvorsitzende von ThyssenKrupp und Siemens zieht viele Fäden hinter den Kulissen. Er löste den durch die Siemens-Korruptionsaffäre angeschlagenen Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich v. Pierer ab und gewann den Österreicher Peter Löscher, einen ehemaligen Pharmamanager, als neuen Siemens-Vorstandschef. Den aktuellen ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger holte er von Siemens. Schon wird gemunkelt, dass beide Konzerne in Zukunft künftig enger zusammenrücken könnten.
Bild: Picture-Alliance/dpaManfred Schneider
Der einstige Bayer-Chef führt die Aufsichtsräte von gleich drei Dax-Konzernen: Bayer, RWE und Linde. Dem Bayer-Konzern verordnete der Oberkontrolleur den ersten Ausländer an der Spitze des Unternehmens – den Holländer Marijn Dekkers. Bei RWE setzte er nach einer turbulenten Aufsichtsratssitzung den Holländer Peter Terium als Nachfolger des noch amtierenden Vorstandschefs Jürgen Großmann durch.
Bild: Picture-Alliance/dpaHermann Josef Abs
Hermann Josef Abs (†1994), rechts, 1971 zusammen mit dem damaligen Chef des Stahlproduzenten Hoesch, Josef Fischer. Abs war von 1957 bis 1967 Chef der Deutschen Bank. Paradebeispiel für Verquickung von Industrie und Banken. Zeitweise 20 Aufsichtsratsposten. 1965 beschließt der Bundestag die „Lex Abs“, die mehr als zehn Mandate verbietet.
Bild: Picture-Alliance/dpaDieter Spethmann
Dieter Spethmann, 86, war von 1973 bis 1991 Chef von Thyssen. Neben Krupp-Verweser Berthold Beitz einer der großen Stahlbarone. Vater der Magnetbahn Transrapid. 1969 Architekt des Restbergbaus in der Ruhrkohle AG, später RAG und Evonik.
Bild: Picture-Alliance/dpaKlaus Liesen
Klaus Liesen, 80, rechts, zusammen mit dem damaligen VW-Chef Ferdinand Piëch. Liesen fädelte als Ruhrgas-Chef Anfang der Siebzigerjahre den Gashandel mit Russland ein. Ex-Aufsichtsratschef von VW und Allianz. Sorgte als Kontrolleur von Preussag für die Verwandlung des Stahlund Technologiekonzerns in das Touristikunternehmen TUI.
Ralph Wollburg
Der Jurist der Kanzlei Linklaters, der sich gern im Hintergrund hält, ist einer der wichtigsten Wirtschaftsanwälte des Landes. Er arbeitete unter anderem für ThyssenKrupp, RWE, den Nivea-Hersteller Beiersdorf und den Medizinkonzern Fresenius. Vor allem bei Unternehmensübernahmen ist sein Rat gefragt. Wollburg hat sich auch als Abwehrspezialist einen Namen gemacht.
Gerücht Nummer zwei
Kommt er auch allein durch, ohne diesen wichtigen Fürsprecher und mit dem Gegenwind der Arbeitnehmerseite? Es gibt noch ein anderes Gerücht in diesen heißen End-Julitagen und das besagt: Krupp-Stiftungschef Berthold Beitz sieht das Doppelmandat von Cromme nicht mehr so gern, heißt es im Ruhrgebiet. ThyssenKrupp steht nach einer milliardenschweren Fehlinvestition in Stahlwerke in USA und Brasilien mehr als schlecht da, die Stahlkonjunktur schwankt, es wird im Duisburger Stahlwerk von Kurzarbeit im Herbst gesprochen. Kartellstrafen nagen an der Liquidität von ThyssenKrupp und auch der Verkauf des Edelstahlsparte hängt wegen langwieriger Prüfungen der EU-Kommission zur Zeit durch. Cromme und sein Vorstandschef Heinrich Hiesinger haben also im heimischen Stahlunternehmen alle Hände voll zu tun, ihre schwere Sanierungsarbeit zu vollenden. Das braucht den ganzen Mann.
Gerücht Nummer drei
Beitz ist das Erbe von Krupp am wichtigsten. Und da sind wir schon beim dritten Gerücht, das im Frühjahr durch alle Medien gegeistert ist. Dass Cromme eine Fusion in Teilen, besonders im Industrie- und Aufzugsbereich von ThyssenKrupp und Siemens zumindest gedanklich vorbereitet. Dazu könnte gehören, dass ein Doppel-Aufsichtsratsvorsitz eher hinderlich ist, weil er Cromme rechtliche Beschränkungen auferlegt, falls er das wirklich vorhaben sollte. Die nächsten Sommer-Wochen werden bei ThyssenKrupp und Siemens, in Essen und München, zweifellos mehr als spannend.

























